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Steinmeier mahnt: »Impfpflicht bedeutet Debattenpflicht«

Es geht um ein Instrument für den Kampf gegen die Pandemie: Soll eine Impfpflicht kommen - und wenn ja, wie und auf welchem Weg? Unter dem Druck steigender Infektionszahlen ist das weiter strittig.

Bundespräsident Steinmeier diskutiert über Impfpflicht
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht zu Beginn einer Diskussion mit Gästen über das Für und Wider einer Impfpflicht zur Überwindung der Covid-19-Pandemie in Deutschland. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht zu Beginn einer Diskussion mit Gästen über das Für und Wider einer Impfpflicht zur Überwindung der Covid-19-Pandemie in Deutschland. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

BERLIN. Im Ringen um eine allgemeine Corona-Impfpflicht hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine sorgfältige Diskussion angemahnt.

»Eine solch außerordentliche Maßnahme stellt unseren Staat auch in eine außerordentliche Pflicht vor seinen Bürgerinnen und Bürgern. Kurz gesagt: Impfpflicht bedeutet Debattenpflicht«, sagte das Staatsoberhaupt am Mittwoch in Berlin. Über den Zeitplan und das Vorgehen bei den Beratungen im Bundestag gibt es weiter Streit. Für die Impfungen bis Anfang Februar stehen zusätzliche Impfdosen bereit. Die Zahl der neuen Infektionen schnellte auf einen Höchstwert empor.

Kanzler Olaf Scholz hofft auf eine zügige Beratung im Bundestag über eine Impfpflicht. »Ich jedenfalls halte sie für notwendig und werde mich aktiv dafür einsetzen«, sagte der SPD-Politiker am Mittwoch in seiner ersten Regierungsbefragung. Sich nicht impfen zu lassen sei keine persönliche Entscheidung, sondern habe Konsequenzen für das ganze Land. Zuletzt hätten Kliniken Operationen absagen müssen, um Platz für Corona-Patienten zu machen. »Es gibt keine Entscheidung, die man nur für sich alleine trifft, und deshalb ist die Impfpflicht auch wichtig.«

Freie Abstimmung geplant

Die Koalition aus SPD, FDP und Grünen plant eine freie Abstimmung ohne Fraktionsvorgaben über eine Impfpflicht. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann sagte am Mittwoch im ZDF: »Wir sind in Gesprächen mit anderen Abgeordneten anderer Fraktionen, um inhaltliche Eckpunkte festzulegen.« Nach einer »Orientierungsdebatte« im Bundestag in der Woche ab dem 24. Januar rechne sie damit, dass das Parlament »sehr schnell mit mehreren Gruppenanträgen konfrontiert sein wird«.

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich hat für Ende Januar einen konkreten Vorschlag aus der SPD angekündigt. Dieser solle Grundlage für einen Gruppenantrag zusammen mit Parlamentariern anderer Fraktionen sein. Kanzler Scholz hatte als Ziel die Einführung einer Impfpflicht bis Anfang Februar oder Anfang März genannt, die SPD als Zeitrahmen einen Beschluss »im ersten Quartal«. Die oppositionelle Union fordert dagegen einen eigenen Gesetzentwurf der Regierung.

Schwelle von 80.000

Mit der Verbreitung der Omikron-Variante überschritt die Zahl der an einem Tag erfassten neuen Fälle laut Robert Koch-Institut (RKI) erstmals die Schwelle von 80.000. Die Gesundheitsämter meldeten jetzt 80.430 Fälle. Vor einer Woche waren es 58.912 gewesen, wobei es zum Jahreswechsel Lücken bei Tests und Meldungen gegeben hatte. Die Sieben-Tage-Inzidenz gab das RKI nun mit 407,5 an. Am Vortag hatte die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen bei 387,9 gelegen. Der Höchstwert wurde Ende November mit 452,4 erreicht.

FDP-Fraktionschef Christian Dürr schlug vor, eine »Impfpflicht auf Probe« zu prüfen. »Die Impfpflicht könnte nur befristet eingeführt werden, zum Beispiel für ein Jahr«, sagte er der »Rheinischen Post« (Mittwoch). Er habe sich aber noch nicht festgelegt.

Impfpflicht auf Probe - oder grundsätzlich

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sprach sich grundsätzlich für eine Pflicht aus. »Da leider alles Werben und Bitten nicht zu einer ausreichend hohen Impfquote geführt hat, brauchen wir jetzt die Impfnachweispflicht«, sagte sie der Wochenzeitung »Die Zeit«. Im
juristischen Sinn gehe es dabei nicht um einen Impfzwang: "Niemand wird zwangsweise geimpft werden." Es werde aber "irgendeine Form von
Sanktion geben müssen, vielleicht Bußgelder."

Bei den Impfungen haben laut RKI mittlerweile mindestens 60 Millionen Menschen oder 72,2 Prozent der Gesamtbevölkerung den vollständigen Grundschutz mit der dafür meist nötigen zweiten Spritze bekommen. Zusätzlich eine Auffrischungsimpfung erhielten inzwischen mindestens rund 36,8 Millionen Geimpfte oder 44,2 Prozent aller Einwohner. Am Dienstag wurden rund 714.000 Impfdosen gespritzt.

Für die angestrebte Beschleunigung der Impfungen hat der Bund weitere fünf Millionen Dosen von Biontech organisiert. Sie sollen ab der Woche vom 24. Januar zur Verfügung stehen, wie es aus dem Gesundheitsministerium hieß. Gekauft werden die Dosen aus einem EU-Kontingent Rumäniens, das sie nicht benötigt. Insgesamt sollen damit in den drei Wochen vom 17. Januar, 24. Januar und 31. Januar rund 32 Millionen Dosen zur Verfügung stehen - zwölf Millionen von Biontech und 20 Millionen von Moderna. (dpa)