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Selenskyj wirbt für Friedensgipfel

Initiativen zum Ende des Kriegs in der Ukraine gibt es tatsächlich. Präsident Wolodymyr Selenskyj wirbt in Kiew um internationale Teilnehmer für einen Gipfel zu seiner »ukrainischen Friedensformel«.

Wolodymyr Selenskyj
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am ersten Jahrestag des russischen Angriffskrieges den Widerstand seiner Landsleute gewürdigt und sich erneut siegessicher gezeigt. Foto: Kay Nietfeld
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am ersten Jahrestag des russischen Angriffskrieges den Widerstand seiner Landsleute gewürdigt und sich erneut siegessicher gezeigt.
Foto: Kay Nietfeld

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die internationale Gemeinschaft zu einer breiten Teilnahme an einem Gipfel zu seinem Friedensplan aufgefordert. »Je mehr Länder mitmachen, desto mehr Unterstützung haben wir«, sagte Selenskyj bei einer Pressekonferenz zum ersten Jahrestag des Krieges am Freitag in Kiew.

An dem Gipfel sollten nicht nur die Partner der Ukraine im Westen teilnehmen, sondern auch die Staaten Lateinamerikas, afrikanische Länder sowie China und Indien, sagte er. Ein Termin für den Gipfel steht noch nicht fest.

Zu Selenskyjs »ukrainischer Friedensformel« gehören der vollständige Abzug russischer Truppen vom ukrainischen Staatsgebiet, die Freilassung aller Kriegsgefangenen, ein Tribunal gegen russische Kriegsverbrecher sowie Sicherheitsgarantien für die Ukraine.

»Auf unserer Seite ist die Wahrheit«

Aktuell fordert Kiew mehr und bessere Waffen, darunter Panzer, Kampfjets und weiterreichende Raketen; außerdem Geld zur Finanzierung des Staatshaushaltes sowie eine »neue Diplomatie« mit mehr Druck auf Kriegsgegner Russland.

Selenskyj zeigte sich bei dem Termin weiter siegesgewiss. »Wenn wir alle unsere Hausaufgaben machen, dann wird uns unvermeidlich der Sieg erwarten«, sagte der 45-Jährige am Freitag bei einer Pressekonferenz in Kiew. Dabei sei es wichtig, dass jeder konzentriert sei und seine Arbeit mache. »Wir werden siegen, denn auf unserer Seite ist die Wahrheit«, so Selenskyj.

Russland ist am 24. Februar 2022 in die Ukraine marschiert und hat seitdem mehrere ukrainische Gebiete völkerrechtswidrig annektiert. Einschließlich der bereits 2014 annektierten Halbinsel Krim halten russische Truppen derzeit rund ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets besetzt.

Schweigeminute vor der Sophienkathedrale

Zuvor hatte Selenskyj den Widerstand seiner Landsleute gewürdigt. »Es war ein Jahr des Schmerzes, der Sorgen, des Glaubens und der Einheit«, teilte der 45-Jährige heute mit. Am 24. Februar vor einem Jahr hätten viele ihre Wahl getroffen. »Nicht eine weiße Fahne, sondern die blau-gelbe Fahne«, sagte er. »Nicht fliehen, sondern sich stellen. Widerstand und Kampf«, schrieb Selenskyj im Kurznachrichtendienst Twitter zu einem emotionalen Video mit Bildern vom Kampf der Ukrainer. »Wir wissen, dass 2023 das Jahr unseres Sieges sein wird«, so Selenskyj weiter.

Wenige Stunden später hielt der ukrainische Staatschef eine Rede vor der berühmten Sophienkathedrale in Kiew. In militärisch grüner Kleidung ehrte er Soldaten mit Orden, wie ein Reporter der Deutschen Presse-Agentur vom Ort der Zeremonie berichtete.

Mit gesenktem Kopf hielt Selenskyj außerdem eine Schweigeminute für die vielen ukrainischen Opfer des Krieges ab. Für die Veranstaltung, die bei Minusgraden abgehalten wurde, waren hohe Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, der Bereich war weiträumig abgesperrt.

Selenskyj: »Und heute stehen wir genau ein Jahr«

In einer auf der Seite des Präsidialamts veröffentlichten Videobotschaft wandte sich Selenskyj außerdem an alle Ukrainer - und erinnerte an den »längsten Tag unseres Lebens«: den ersten Kriegstag am 24. Februar 2022. »Wir sind damals früh aufgewacht und können seitdem nicht mehr einschlafen«, sagte der 45-Jährige. Trotz des Schocks hätten alle sofort gespürt, was zu tun sei: »Wir haben nicht gewusst, was morgen sein wird, doch begriffen genau: Für jedes Morgen muss man kämpfen!« Prognosen, dass die Ukraine maximal 72 Stunden standhalten könne, hätten sich nicht bewahrheitet. »Und heute stehen wir genau ein Jahr.«

Der Staatschef zählte mit Mariupol, Mykolajiw, Charkiw und Kramatorsk mehrere von russischen Angriffen besonders erschütterte Städte auf. »Wir haben Butscha, Irpin und Borodjanka gesehen. Der ganzen Welt ist klar geworden, was «russische Welt» wirklich bedeutet«, mahnte Selenskyj.

Gleichzeitig wandte er sich an die Ukrainer in den weiter russisch besetzten Regionen. »Die Ukraine wird Euch nicht im Stich lassen, vergessen und aufgeben«, sagte der Staatschef. Alle Territorien würden befreit, versprach er. Und an die Millionen Flüchtlinge im Ausland gerichtet, hob er hervor: »Wir werden alles dafür tun, dass ihr in die Ukraine zurückkehren könnt.«

Klitschko: Werden alles überstehen und gewinnen

Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko sprach von einem »tragischen und psychisch erschöpfenden« Jahr. »Aber wir kämpfen, wir glauben an uns selbst und an unser Land. Deshalb werden wir alles überstehen und gewinnen«, schrieb er in seinem Telegram-Kanal und veröffentlichte dazu eine Videobotschaft.

Während viele Ukrainer nicht an einen »barbarischen Krieg« Russlands geglaubt hätten, habe sich die Hauptstadt auf den möglichen Angriff vorbereitet. »Freiwillige, die in die Territorialverteidigung eingetreten sind, und unser Militär haben geholfen, die Hauptstadt zu schützen und zu halten.« Die russischen Truppen rückten nach dem Kriegsbeginn am 24. Februar in die Vororte der Hauptstadt vor, kamen aber nicht weit.

»Kiew ist das Herz der Ukraine, Kiew war und bleibt ein Ziel von Russland, der Russen und von Putin«, hatte Klitschko im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch gesagt. Zugleich betonte der 51-Jährige, dass er nicht glaube, dass Russland ein neuer Angriff auf die Hauptstadt gelingen könne. »Ich glaube nicht, dass Russland gewinnt.«

© dpa-infocom, dpa:230224-99-720517/8