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Präsidentenwahl in Ecuador: Stichwahl im Oktober?

Erste gewählte Frau an der Staatsspitze oder jüngster Präsident der Geschichte Ecuadors: Die zweite Runde der Präsidentenwahl wird dem südamerikanischen Land in jedem Fall ein politisches Novum bescheren.

Präsidenten- und Parlamentswahlen in Ecuador
Inmitten eines Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn hatte Präsident Lasso im Mai das Parlament aufgelöst. Für den Zeit der Legislaturperiode bis 2025 müssen nun der Präsident und die Abgeordneten der Nationalversammlung neu gewählt werden. Foto: Dolores Ochoa/DPA
Inmitten eines Amtsenthebungsverfahrens gegen ihn hatte Präsident Lasso im Mai das Parlament aufgelöst. Für den Zeit der Legislaturperiode bis 2025 müssen nun der Präsident und die Abgeordneten der Nationalversammlung neu gewählt werden.
Foto: Dolores Ochoa/DPA

Überschattet von dem Mord an einem Kandidaten und unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen hat Ecuador über einen neuen Präsidenten abgestimmt. Die Linkspolitikerin Luisa González aus dem Lager des wegen Korruption verurteilten Ex-Präsidenten Rafael Correa (2007 bis 2017) gewann die erste Runde und kam auf 33,31 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt am Montag mitteilte. Darauf folgte überraschend der Bananen-Unternehmer Daniel Noboa mit 23,66 Prozent. Die beiden stärksten Kandidaten werden am 15. Oktober in einer Stichwahl aufeinandertreffen.

»Das erste Mal hat eine Frau bei den Präsidentenwahlen in Ecuador gewonnen. Hoch leben die Frauen meines Vaterlandes«, sagte González vor ihren Anhängern. »Genossen, gemeinsam schreiten wir weiter voran bis zum endgültigen Sieg.«

Für Überraschung sorgte das gute Abschneiden des Mitte-Kandidaten Noboa. Der 35-Jährige stammt aus einer einflussreichen Unternehmer-Familie, hatte in Umfragen zuletzt allerdings weit hinten gelegen. Im Falle eines Wahlsiegs in der zweiten Runde wäre der in den USA ausgebildete Wirtschaftswissenschaftler der jüngste Präsident in der Geschichte des südamerikanischen Landes.

Land von Gewalt erschüttert

Insgesamt bewarben sich acht Kandidaten um das höchste Amt in dem von einer Welle der Gewalt erschütterten Land zwischen den Koka-Anbau-Ländern Peru und Kolumbien. Der deutschstämmige frühere Vizepräsident Otto Sonnenholzner erkannte früh seine Niederlage an. Neben dem Staatsoberhaupt standen auch die Abgeordneten der Nationalversammlung des 17 Millionen-Einwohner-Landes zur Wahl. Zudem standen zwei Volksentscheide zu Ölförderung im Amazonasgebiet und Bergbau in den Nebelwäldern in der Nähe von Quito zur Abstimmung.

Der Tag der Demokratie sei Dank der gemeinsamen Arbeit der Streitkräfte und der Polizei sowie mehr als 40.000 Wahlhelfern völlig ruhig und in Frieden abgelaufen, sagte die Vorsitzende der Wahlbehörde des südamerikanischen Landes, Diana Atamaint, zum Start der Auszählung am Sonntagabend.

Rund zehn Tage nach der Ermordung des Oppositionskandidaten Fernando Villavicencio war die Lage zwar ruhig, aber sehr angespannt, wie der politische Analyst Andrés González der Deutschen Presse-Agentur sagte. »Die Wahlen sind jetzt plötzlich eine gefährliche Veranstaltung, es herrscht ein Klima der Angst. Für uns ist diese Situation fremd. Es war noch nie so, dass man sich fürchten musste, wenn man in ein Wahllokal geht«, sagte er.

Wählen in kugelsicheren Westen

Viele Kandidaten trugen bei der Stimmabgabe kugelsichere Westen. Der Journalist Christian Zurita, der an der Stelle des vor eineinhalb Wochen ermordeten Villavicencio antrat, kam sogar mit Stahlhelm und umringt von Soldaten in das Wahllokal.

Villavicencio war am 9. August nach einer Wahlkampfveranstaltung in der Hauptstadt Quito erschossen worden. Die Regierung machte das organisierte Verbrechen für die Tat verantwortlich. Ecuador dient als Transitland für Kokain, Verbrechersyndikate kämpfen um die Routen für den Drogenhandel. Villavicencio hatte angekündigt, hart gegen Korruption und Kriminalität durchzugreifen.

Die vorgezogenen Präsidenten- und Parlamentswahlen waren notwendig geworden, weil der konservative Staatschef Guillermo Lasso inmitten eines Amtsenthebungsverfahrens wegen mutmaßlicher Unterschlagung gegen ihn die Nationalversammlung aufgelöst hatte.

© dpa-infocom, dpa:230821-99-902633/5