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Mediziner: Grausige Zuständen in Gaza-Krankenhäusern

Der Hamas-Überfall auf Israel und die Gegenangriffe der israelischen Armee haben Gaza in ein Inferno verwandelt. Ärzte berichten über die entsetzlichen Qualen der Menschen, die zwischen die Fronten geraten.

Krankenhaus in Rafah
Eine Verwundete in einem Krankenhaus in Rafah (Archivbild). Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seit Kriegsbeginn am 7. Oktober mehr als 57.600 Menschen im Gazastreifen verletzt. Foto: Hatem Ali/DPA
Eine Verwundete in einem Krankenhaus in Rafah (Archivbild). Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seit Kriegsbeginn am 7. Oktober mehr als 57.600 Menschen im Gazastreifen verletzt.
Foto: Hatem Ali/DPA

Ausländische Hilfsorganisationen haben von grausigen Zuständen in den wenigen noch im Gazastreifen arbeitenden Krankenhäusern berichtet. »Wir sehen Verletzungen, die überwiegend durch Explosionen und Splitter verursacht wurden«, wird der Leitende Chirurg des Universitätskrankenhauses Oxford und Klinischer Leiter des Medizinischen Notfallteams, Nick Maynard, in einer Mitteilung der privaten Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) mit Hauptsitz in New York zitiert.

»Viele Erwachsene, Kinder und Babys werden mit traumatischen Amputationen von Armen und Beinen eingeliefert. Wir haben kleine Kinder mit den furchtbarsten Verbrennungen im Gesicht gesehen«, fügte Maynard hinzu.

Flure, Treppenhäuser, Empfangsbereiche, Stationen - auf jedem Quadratzentimeter des Krankenhauses lägen Patienten auf dem Boden, sagte er. Viele seien zudem schwer unterernährt.

»Die Szenen in Gaza sind erschütternd«

Ein erstes Medizinisches Notfallteam von Medical Aid for Palestinians (MAP/Großbritannien) und International Rescue Committee (IRC) seien inzwischen in einem Krankenhaus im Gazastreifen im Einsatz, um die vielen Opfer israelischer Bombardierungen zu versorgen, berichtete IRC weiter.

»Die Szenen in Gaza sind erschütternd. Schon in den ersten Stunden im Krankenhaus behandelte ich einen etwa einjährigen Jungen, der bei der Bombardierung seinen rechten Arm und sein rechtes Bein verloren hatte - auf dem Boden, da keine Tragen zur Verfügung standen«, berichtete die Kinderärztin Seema Jilani von IRC. »Waisenkinder und Babys kommen mit schweren Verbrennungen an, stehen unter Schock, zittern vor Angst und leben kaum noch. Mein Herz bricht für die Kinder in Gaza«, sagte die Frau.

Nach Angaben der von der islamistischen Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seit Kriegsbeginn am 7. Oktober mehr als 57.600 Menschen im Gazastreifen verletzt. Die Zahl der Toten wurde mit mehr als 22.400 angegeben. Beim Kampf der israelischen Armee gegen die Hamas wurden zudem immense Schäden an Wohngebäuden sowie der zivilen Infrastruktur wie etwa Krankenhäuser angerichtet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilte kurz nach Weihnachten mit, es seien nur noch 13 der ursprünglich 36 Krankenhäuser teilweise funktionsfähig. Sei seien völlig überbelegt und es fehle ihnen an Treibstoff, Medikamenten, Narkosemitteln, Lebensmitteln und Trinkwasser.

Kinder im Gazastreifen nicht ausreichend ernährt

Neben den Medizinischen Notfallteams würden MAP und IRC zusammenarbeiten, um die Krankenhäuser in Gaza über den Rafah-Grenzübergang aus Ägypten mit lebenswichtigen medizinischen Gütern zu versorgen. Am 29. Dezember hätten vier Lastwagen mit Medikamenten und anderen Hilfsgütern den Gazastreifen erreicht. Das Material sei an Krankenhäuser im südlichen und mittleren Gazastreifen verteilt worden.

Nach drei Monaten Krieg im Gazastreifen spitzt sich dem UN-Kinderhilfswerk Unicef zufolge die Lage auch für Minderjährige weiter zu. 90 Prozent aller 1,1 Millionen junger Menschen in der Region seien Ende Dezember einer Untersuchung zufolge nicht vollständig mit Nährstoffen versorgt gewesen. 

»Die meisten Familien gaben an, dass ihre Kinder nur Getreide – einschließlich Brot – oder Milch bekommen, was der Definition von «schwerer Nahrungsmittelarmut» entspricht«, teilte Unicef mit. Derweil sei auch die Zahl der Durchfallerkrankungen extrem gestiegen.

UN-Nothilfekoordinator: »Gaza ist zu einem Ort des Todes« geworden

»Gaza ist zu einem Ort des Todes und der Verzweiflung geworden«, sagt auch der Chef des UN-Nothilfebüros OCHA, Martin Griffiths. Selbst Gebiete, in denen sich Zivilisten nach israelischer Aufforderung aufhielten, seien bombardiert worden. Auch medizinische Einrichtungen würden »unerbittlich angegriffen«. Von wem die Attacken jeweils ausgingen, teilte er nicht mit.

Israels Armee hat in dem abgeriegelten Küstengebiet immer wieder Einsätze in und um Kliniken durchgeführt. Sie wirft der islamistischen Hamas vor, diese für Terrorzwecke zu missbrauchen.

Die wenigen Krankenhäuser, die noch teilweise funktionsfähig seien, würden von verzweifelten Schutzsuchenden überlaufen, sagte Griffiths. »Es bahnt sich eine gesundheitliche Katastrophe an.« in den überfüllten Notunterkünften breiteten sich Infektionskrankheiten aus. Zugleich drohe den Menschen eine Hungersnot. Täglich brächten in dieser Situation noch rund 180 Frauen pro Tag ein Kind zur Welt.

»Vor allem für Kinder waren die letzten 12 Wochen traumatisch«, so der UN-Nothilfekoordinator. »Kein Essen. Kein Wasser. Keine Schule. Nichts als die schrecklichen Geräusche des Krieges, Tag für Tag.« Der Gazastreifen sei schlicht »unbewohnbar« geworden. Zehntausende seien getötet und verletzt worden, vor allem Frauen und Minderjährige, so Griffiths.

Auslöser des Krieges war das Massaker am 7. Oktober, das Terroristen der Hamas und anderer Gruppen in Israel verübt hatten. Dabei wurden rund 1200 Menschen getötet.

© dpa-infocom, dpa:240105-99-501561/4