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Kasparow: Sieg der Ukraine Schlüssel für Wandel in Russland

Können sich die Menschen in Russland gegen Putin erheben und was wären die Folgen? Exil-Russen diskutieren die Frage auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Manche Befürchtungen halten sie für übertrieben.

Garry Kasparow
Garry Kasparow äußerte sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz zum russischen Krieg gegen die Ukraine. Foto: Lino Mirgeler
Garry Kasparow äußerte sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz zum russischen Krieg gegen die Ukraine.
Foto: Lino Mirgeler

Der russische Regierungskritiker und frühere Schachweltmeister Garry Kasparow sieht in einer militärischen Niederlage Russlands den einzigen Schlüssel für Veränderung. »Ein Sieg der Ukraine ist die Voraussetzung für jeden Wandel in Russland«, sagte Kasparow auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Exil-Russen diskutierten am Abend Wege und Konzepte für eine demokratische Zukunft des Landes.

Zum Abschluss geht es bei der Münchner Sicherheitskonferenz am Sonntag um die künftige Sicherheitsarchitektur für Europa. Unter anderem werden dazu die Regierungschefs von Schweden, Ulf Kristersson, und Estland, Kaja Kallas, mit EU-Chefdiplomat Josep Borell diskutieren. Bei weiteren Veranstaltungen werden sich auch Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko und SPD-Chef Lars Klingbeil zu den Folgen des russischen Angriffskriegs äußern, der seit fast einem Jahr andauert.

Der Bevölkerung in Russland müsse deutlich gemacht werden, dass der Krieg verloren sei, sagte Kasparow. Er halte die Menschen dort für enorm leidensfähig, solange sie einen Sieg für möglich hielten. Der einzige Weg sei, den Menschen klar zu machen, dass der Krieg verloren werde. »Und um die Meinung der Russen zu ändern, gibt es leider keine andere Lösung als den Ukrainern zu helfen, die Krim zu befreien. Die Krim ist die Heftklammer von Putins Mythologie«, sagte Kasparow.

»Sie kümmern sich nicht um den Krieg«

Die Tochter des ermordeten Kremlgegners Boris Nemzow, Schanna Nemzowa, bescheinigte vielen Menschen in Russland, die Lage in der Ukraine nicht zu kennen und auch desinteressiert zu sein. »Sie kümmern sich nicht um den Krieg in der Ukraine«, sagte sie. »Wir im Exil müssen mit den Russen reden.« Es müsse über russische Verbrechen informiert werden. Sie sagte, rationale Argumente allein würden dabei nicht funktionieren. »Das Einzige was funktioniert, sind emotionale Argumente«, sagte sie.

Irina Schtscherbakowa, Gründungsmitglied der in Russland inzwischen verbotenen Menschenrechtsorganisation Memorial, sagte, die russische Diktatur wolle die Menschen glauben machen, dass nach ihrem Sturz das totale Chaos drohe. Diese Sichtweise verfange auch im Westen. Sie sagte: »Das sind Ängste, die der Westen überwinden muss.«

Der russische Kremlgegner Michail Chodorkowski, der schon vor dem offiziellen Beginn der Konferenz in München seine Vorschläge für eine Föderalisierung Russlands vorgestellte hatte, zeichnete nochmals den Weg Putins an die Macht nach und sagte: »Wir haben ihn alle unterschätzt.«

Expertenrunde zur Lage im Nahen Osten

Abseits des Ukrainekriegs, der die dreitägige Konferenz thematisch dominierte, steht am Sonntag zudem eine Expertenrunde zur Lage in Israel, Palästina und dem Nahen Osten auf der Agenda - hierzu wird unter anderem der frühere israelische Premierminister Ehud Olmert in München erwartet.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte die Sicherheitskonferenz am Freitag mit einer Videoansprache eröffnet. Anschließend sprachen unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der französische Präsident Emmanuel Macron, der oberste chinesische Außenpolitiker Wang Yi und US-Vizepräsidentin Kamala Harris bei der Tagung, zu der rund 40 Staats- und Regierungschefs sowie fast 100 Minister erwartet wurden.

Die russische Führung ist erstmals seit mehr als 20 Jahren nicht eingeladen. Auch die iranische Führung und Politiker der AfD haben anders als in den Vorjahren keine Einladung erhalten.

© dpa-infocom, dpa:230218-99-650412/5