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Hilflos im Hauptquartier: Türkei blockiert Nato-Erweiterung

Nach Monaten der Ungewissheit sollte Schweden eigentlich an diesem Dienstag offiziell als 32. Mitglied in die Nato aufgenommen werden. Die Türkei lässt die Party allerdings wieder einmal platzen.

Catherine Colonna
Die Außenministerin Frankreichs: Catherine Colonna. Foto: Geert Vanden Wijngaert/DPA
Die Außenministerin Frankreichs: Catherine Colonna.
Foto: Geert Vanden Wijngaert/DPA

Die Türkei hat der Nato das letzte reguläre Außenministertreffen des Jahres vermiest. Wegen der noch immer ausstehenden Zustimmung des südöstlichen Bündnisstaats konnte am Dienstag nicht wie ursprünglich geplant die Aufnahme Schwedens in die Verteidigungsallianz gefeiert werden.

Seine Hoffnungen auf einen vollständigen Beitritt Schwedens zum Treffen hätten sich nicht erfüllt, gestand Generalsekretär Jens Stoltenberg im Brüsseler Hauptquartier ein. Er hoffe aber weiter darauf, dass das türkische Parlament »so schnell wie möglich« den Weg für den Beitritt Schwedens ebnen werde.

Das Land hatte im Mai 2022 unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine die Mitgliedschaft in der Nato beantragt und damals noch gehofft, bereits im Sommer 2022 beitreten zu können.

Die Türkei warf der schwedischen Politik dann allerdings mangelnden Einsatz gegen »Terrororganisationen« wie die kurdische Arbeiterpartei PKK vor und verweigerte ihre Zustimmung. Nach Zugeständnissen Schwedens kündigte Präsident Recep Tayyip Erdogan zuletzt an, die Ratifizierung durch das türkische Parlament zu ermöglichen. Nun hängt sie allerdings in einem Ausschuss fest.

Faustpfand für Waffengeschäfte?

Unklar war bis zuletzt, ob die Türkei über die Hinhaltetaktik möglicherweise Zugeständnisse in Verhandlungen über Rüstungsgeschäfte erzielen will. So drängte das Land zuletzt auf ein deutsches Ja zum Kauf von Eurofighter-Jets. Nach Angaben von Verteidigungsminister Yasar Güler erwägt die Türkei, 40 der Kampfflugzeuge zu kaufen.

Deutschland hat sich bislang allerdings nicht geäußert, ob es bereit wäre, die notwendige Zustimmung zu geben. Ein Ja zu dem Rüstungsexport galt zuletzt als unwahrscheinlich, da die Bundesregierung wegen Rechtsstaatsbedenken schon seit Jahren nur noch wenig Rüstungslieferungen an den Nato-Partner Türkei genehmigt.

Denkbar ist nach Angaben von Diplomaten auch, dass bei den Verzögerungen Ärger über islamfeindliche Äußerungen aus Schweden eine Rolle spielt.

Am Samstag hatte etwa der Vorsitzende der rechtspopulistischen Schwedendemokraten, Jimmie Åkesson, gefordert, Moscheen abreißen zu lassen, in denen »antidemokratische, antischwedische, homophobe oder antisemitische Propaganda« verbreitet werde. Außerdem forderte er einen sofortigen Baustopp neuer Moscheen. Die Schwedendemokraten waren bei der schwedischen Parlamentswahl 2022 zweitstärkste Kraft geworden. Seitdem fungieren die Rechtspopulisten als wichtige Unterstützerpartei der schwedischen Minderheitsregierung.

Frankreich wird deutlich

Wie es nun weitergehen könnte, blieb ab Dienstag zunächst unklar. Mehrere Teilnehmer des Ministertreffens ließen allerdings keine Zweifel an ihrem Ärger über die Verzögerungen erkennen. Dass Schweden Mitglied der gemeinsamen Allianz werde, sei »mehr als überfällig«, sagte beispielsweise Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne). Es gehe dabei auch darum, die Nato vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine als Sicherheitsbündnis zu verstärken.

Noch deutlicher wurde die französische Außenministerin Catherine Colonna, die der Türkei indirekt vorwarf, mit ihrem Kurs Schaden zulasten der Nato in Kauf zu nehmen. »Es geht hier um die Stärke und Glaubwürdigkeit unseres Bündnisses«, warnte sie. Man erwarte von der Türkei und Ungarn, dass sie unverzüglich dem Beitritt Schwedens zum Bündnis zustimmten. Es dürfe »kein weiterer Tag verloren« gehen.

Große Druckmittel gibt es derzeit allerdings nicht. Beim größten Militärbündnis der Welt gibt es keinerlei Verfahren, das bei Verstößen gegen gemeinsame Standards Sanktionen oder gar einen Ausschluss vorsieht. Zudem gilt die Türkei weiter als wichtiger Partner im Kampf gegen den Terrorismus.

© dpa-infocom, dpa:231128-99-104281/4