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Wie die EU den Plastik-Müll im Meer eindämmen will

Die EU-Kommission will einige Alltagsgegenstände aus Plastik verbannen, um die Umwelt besser zu schützen. Aber wird das etwas nützen?

Einwegbesteck
Die EU-Kommission präsentiert heute Pläne zu möglichen Verboten von Einmalprodukten aus Plastik. Foto: Patrick Pleul
Die EU-Kommission präsentiert heute Pläne zu möglichen Verboten von Einmalprodukten aus Plastik. Foto: Patrick Pleul

Brüssel (dpa) - Die Grillparty der Zukunft sieht wohl etwas anders aus. Kein Kartoffelsalat mehr auf Plastiktellern, kein Kampf mehr mit Plastikmessern und -gabeln gegen zähe Steaks, keine Plastikstrohhalme in der Limo.

Die EU-Kommission will ein Verbot solcher Wegwerfware, um die Umwelt besser vor Plastikmüll zu schützen - jedenfalls steht das in einem vor Wochen gestreuten Richtlinien-Entwurf. Was die Kommission tatsächlich vorhat, will sie am Montag vorstellen.

Wo liegt das Problem?

Weltweit, aber auch in Europa werden enorme Mengen Kunststoffe genutzt und anschließend weggeworfen. Allein in der EU entstehen nach Angaben der EU-Kommission jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll, von denen weniger als 30 Prozent zur Wiederverwertung gesammelt werden. Vom Rest landet ein Großteil auf Müllkippen oder in der Umwelt. Schon im Januar forderte die Brüsseler Behörde deshalb in einer Plastik-Strategie, dass bis 2030 alle Kunststoffe wiederverwertbar sein sollen.

Jetzt legt sie mit konkreten Vorschlägen für Vorschriften und Verbote nach, und zwar hauptsächlich mit der Stoßrichtung, die Weltmeere zu schützen. Schätzungen zufolge sollen in den Ozeanen bereits bis zu 140 Millionen Tonnen Plastik treiben, mit verheerenden Folgen für Fische und Vögel und auch für die menschliche Nahrungskette. Bis zu 85 Prozent des Mülls an europäischen Stränden sind nach EU-Angaben Plastik, die Hälfte davon Wegwerfprodukte zum einmaligen Gebrauch.

Was will die Kommission dagegen tun?

Sie will mit ihrer Richtlinie laut Entwurf gezielt die zehn Plastikprodukte ins Visier nehmen, die am häufigsten in diesem Strandmüll auftauchen. Verboten werden sollen Plastikdinge, für die es weniger schädliche Alternativen gibt. Der schon einige Wochen alte Entwurf listet auf: Besteck und Geschirr, Trinkhalme, Getränkerührstäbchen, Halter für Luftballons und Wattestäbchen.

Darüber hinaus nennt die Kommission im Entwurf Einmalprodukte, die nicht verboten, aber massiv zurückgedrängt werden sollen, darunter Verpackungen für Fastfood, Luftballons, Getränkeverpackungen und Deckel. Damit Deckel nicht durch die Landschaft fliegen, sollen sie gleich so konstruiert werden, dass sie künftig an Einwegflaschen oder -trinkbechern hängen bleiben. Hersteller von Chipstüten, Zigarettenfiltern und anderen häufig in der Umwelt gefundenen Produkten will die Kommission laut Entwurf für Sammlungen sowie für Infokampagnen zur Kasse bitten.

Den EU-Staaten schließlich will sie das Ziel vorgeben, bis 2025 mindestens 90 Prozent der Einwegplastikflaschen getrennt zu sammeln. Ein Vorschlag zur Umsetzung in der Richtlinie: ein Einwegpfand, wie es in Deutschland schon 2003 eingeführt wurde.

Hat die EU nicht auch eine Plastiksteuer vorgeschlagen?

Haushaltskommissar Günther Oettinger hat erst von einer Plastiksteuer gesprochen, dann aber eine andere Variante ins Gespräch gebracht: eine Abgabe, die die EU-Staaten für nicht verwertete Plastikabfälle an die EU abführen sollen. Oettinger spricht von 80 Cent pro Kilo. Das wäre ein Anreiz, mehr zu recyceln.

Ab wann sollen die Verbote gelten?

Das kann dauern. Zunächst ist es nur ein Vorschlag, der nun mit dem EU-Parlament und den EU-Staaten geklärt werden muss. Vor der Europawahl 2019 wird das knapp. Und weil es eine Richtlinie werden soll, müssen die EU-Staaten sie nach der Verabschiedung noch in eigene Gesetze gießen.

Bringt der Maßnahmenkatalog denn etwas?

Das wirtschaftsnahe Centrum für Europäische Politik ist kritisch. Die Kommission schieße mit den Verboten übers Ziel hinaus und schränke die Wahlfreiheit der Verbraucher ein. Infokampagnen, Pfandsysteme und notfalls lokale Verbote reichten aus, meint cep-Experte Moritz Bonn. Die Grünen im Europaparlament argumentieren andersherum: Der Ansatz mit dem Verbot bestimmter Produkte sei gut, reiche aber nicht. Entscheidend seien Reduzierung des Verpackungsmülls und höhere Recyclingquoten. Die Grünen fordern komplette Wiederverwertbarkeit von Kunststoffen schon 2025, nicht erst 2030.

Warum Trinkhalme verbieten, wenn das eh wenig bringt?

Plastikstrohhalme sind für Aktivisten weltweit das Symbol für unnötigen Einmalkonsum mit drastischen ökologischen Folgen. Und es geht um gewaltige Stückzahlen. Verlässliche Daten gibt es zwar nicht, aber die in Brüssel ansässige Umweltschutz-Dachorganisation Seas at Risk schätzt den jährlichen Verbrauch in den 28 EU-Ländern auf Grundlage von Handels- und Abfallstatistiken auf 36,4 Milliarden Halme. Rechnerisch nutzt demnach jeder der etwa 512 Millionen EU-Bürger also 71 Stück pro Jahr.

Und künftig? Große Hersteller arbeiten längst an Alternativen für die vielleicht einmal verbotenen Produkte, auch für Trinkhalme. Im April kündigte zum Beispiel Tetrapak die Umstellung auf Papiertrinkhalme bis zum Jahresende an - dabei geht es um die Röhrchen für Saft- oder Milchpackungen zum Direktverzehr. Bis es soweit ist, gebe es einen einfachen Rat für Verbraucher, die die Vermüllung durch Strohhalme vermeiden wollen, sagt eine Sprecherin: »Schieben sie ihn zurück in die Packung, so dass sie zusammen eingesammelt und recycelt werden können.«

Informationen der Kommission zu Plastikmüll und Gegenmmaßnahmen

Geleakter Entwurf der neuen Richtlinie

Infoseite der Umweltstiftung WWF

Umweltbundesamt zu Müll im Meer

Tetrapak zur Entwicklung von Papiertrinkhalmen

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