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Kein Rauch, aber Tabak: Zigarettenkonzerne setzen auf Sticks

»Hast du mal Feuer?« In Kneipen war diese Frage einst häufiger zu hören. Mit dem Rauchverbot hörte das auf. Heute rauchen die Menschen meistens im Freien. Und der Wunsch nach Feuer könnte weiter schwinden.

Tabakerhitzer
Ein Tabakstick, Stickpäckchen und Tabakerhitzer liegen auf einem Tisch. Die drei Branchenriesen haben hohe Erwartungen an den künftigen Absatz. Foto: Hannes P. Albert/DPA
Ein Tabakstick, Stickpäckchen und Tabakerhitzer liegen auf einem Tisch. Die drei Branchenriesen haben hohe Erwartungen an den künftigen Absatz.
Foto: Hannes P. Albert/DPA

Die Tabakbranche setzt immer stärker auf Alternativprodukte zu klassischen Zigaretten, um auch künftig profitable Geschäfte zu machen. Tabakerhitzer, in die Sticks geschoben werden, spielen hierbei eine große Rolle: 

Nachdem Philip Morris und British American Tobacco (BAT) solche Produkte schon vor einigen Jahren auf den Markt gebracht haben, will Japan Tobacco International (JTI) im Jahr 2024 als dritter internationaler Konzern einen Tabakerhitzer auf den deutschen Markt bringen. Die drei Branchenriesen haben hohe Erwartungen an den künftigen Absatz. Gesundheitsexperten sehen die Entwicklung jedoch mit Sorgenfalten.

Zigarettenabsatz geht seit Jahren zurück

Bei der Dortmunder Messe Intertabac, die am Donnerstag beginnt und als der weltgrößte Branchentreff gilt, werden die Tabakerhitzer bis zum Messeschluss am Samstag wieder umfassend beworben werden. Die Branchengrößen haben jahrzehntelang gut verdient mit klassischen Kippen, ob »Marlboro« (Philip Morris), »Dunhill« (BAT) oder »Winston« (JTI). Doch der Zigarettenabsatz geht seit Jahren zurück. Die nicht brennbaren Produkte sind für die Konzerne nun eine Möglichkeit, das angeschlagene Tabakwaren-Geschäftsmodell in die Zukunft zu retten.

Dafür wurde viel Geld investiert. Allein Philip Morris hat seit 2008 nach eigenen Angaben 10,5 Milliarden US-Dollar (9,8 Milliarden Euro) in die Forschung und Entwicklung sogenannter schadstoffreduzierter Produkte ausgegeben, zu denen Tabakerhitzer der Marke Iqos gehören. BAT gibt für »Produkte mit reduziertem Risiko«, wie die Firma sie nennt, jährlich rund 350 Millionen Pfund (407 Millionen Euro) aus, hierbei sind auch E-Zigaretten und Nikotinbeutel, die man unter die Oberlippe schiebt, inbegriffen.

Lifestyle-Produkte mit Gesundheitsrisiko

Die Tabakerhitzer-Marke von BAT heißt glo, die von JTI Ploom. Bei diesen Produkten wird Tabak nur heiß gemacht und nicht verbrannt. Dadurch werden weniger Schadstoffe freigesetzt. Schlecht für die Gesundheit ist es dennoch. Wie groß der Schaden genau ist, ist mangels Langzeitstudien noch unklar. »Tabakerhitzer sind abhängig machende Lifestyle-Produkte mit Gesundheitsrisiko«, warnt Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum. »Das Aerosol der Tabakerhitzer enthält schädliche Substanzen, die beim Gebrauch tief in die Lunge inhaliert werden.«

Der Suchtforscher Daniel Kotz von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sieht die Produkte ebenfalls mit Sorgen. »Tabakerhitzer enthalten Tabak wie herkömmliche Zigaretten auch«, sagt er. Es bestehe die Möglichkeit, dass die Konsumentinnen und Konsumenten langfristig die erhitzten Sticks nutzten und dadurch ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. »Es gibt erwiesenermaßen effektive und sichere Methoden, um mit dem Tabakrauchen aufzuhören, beispielsweise durch den Einsatz von Nikotinersatzprodukten wie Kaugummis und Sprays.«

Werbeseite in Hochglanz-Optik

Die Gefahren leugnet auch die Tabakindustrie nicht. »Diese Produkte machen abhängig und sind nicht risikofrei«, heißt es von BAT in einer Fußnote. Beide Firmen betonen, dass sie sich nur an Raucher wenden, für denen der Umstieg auf die Tabakerhitzer eine bessere Alternative wäre. Um auf die Iqos-Webseite zu kommen, ist eine Bestätigung nötig, dass man volljährig ist und Nikotin- oder Tabakprodukte nutzt. Als Nichtraucher kommt man eigentlich nicht weiter. Eine echte Barriere ist das aber nicht. Denn wenn man etwas schummelt und angibt, Raucher zu sein, kommt man doch auf die Werbeseite in Hochglanz-Optik.

Das Geschäft mit den Tabakerhitzern und ihren Sticks ist zwar noch eine Nische, diese aber wird immer größer. Ihr Anteil am Tabak-Gesamtmarkt liege in Deutschland bei etwa vier Prozent und damit ein Prozentpunkt höher als 2021, sagt Jan Mücke, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Tabakwirtschaft und neuartigen Erzeugnisse (BVTE). »Jedes Jahr wächst der Markt um circa einen halben Prozentpunkt - das Wachstum wird sich fortsetzen.«

Ex-Politiker rühren Werbetrommel für die Tabakbranche

Der Branchenvertreter bewertet die Produkte als wichtiges Angebot an die Raucher, wenn diese aufhören wollen mit dem Rauchen. »Viele Menschen wollen nun mal Nikotin aufnehmen und Tabak schmecken - da ist es doch gut, wenn sie das mit risikoreduzierten Produkten machen.« Die »Nikotinanflutung« sei ähnlich wie bei einer Zigarette, sagt Mücke. Der Umstieg auf Tabakerhitzer falle intensiven Rauchern daher leichter.

Mücke war früher für die FDP im Bundestag und Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Er ist nicht der einzige Ex-Politiker, der in Berlin die Werbetrommel für die Tabakbranche rührt: Kürzlich verpflichtete Philip Morris den früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Torsten Albig (SPD), als obersten Lobbyisten für Deutschland. »Wir haben uns als Unternehmen das Ziel einer rauchfreien Zukunft gesetzt, in der die Zigarette durch schadstoffreduzierte Produkte ersetzt werden soll«, sagt Albig. »Wer raucht, sollte so schnell wie möglich damit aufhören - und wer nicht aufhört, sollte auf schadstoffreduzierte Alternativprodukte umsteigen.«

Millionen "Smoke-Free-Nutzer weltweit

Die »Smoke-Free-Products« von Philip Morris, zu denen in anderen Staaten auch E-Zigaretten und Nikotinbeutel gehören, machten zuletzt gut ein Drittel des Konzernumsatzes aus, 2025 soll dieser Anteil bei 50 Prozent liegen. Derzeit nutzten 27,2 Millionen Menschen weltweit Iqos, 2025 sollen es 40 Millionen sein. BAT will die Zahl der Nutzer von nicht brennbaren Produkten des Konzerns von weltweit 24 Millionen Ende 2022 auf 50 Millionen im Jahr 2030 hochschrauben.

Bisher ist es ein Verlustgeschäft, aber 2024 will man hierbei aber rentabel sein, also Gewinne machen. Das wäre ein Jahr früher als geplant, sagt eine BAT-Sprecherin. Philip Morris lässt die Frage unbeantwortet, ob das Iqos-Geschäft noch in den roten Zahlen ist.

© dpa-infocom, dpa:230912-99-172672/5