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Deutsche Reeder hoffen auf »Ruhe nach dem Sturm«

90 Prozent der globalen Gütertransporte werden per Schiff abgewickelt. Wenn - wie derzeit - die Preise für Transporte steigen, trifft das alle Verbraucher. Weil die Gewinne der großen Containerreedereien durch die Decke gehen, werden Vorwürfe laut.

Ukraine-Konflikt
Ein ukrainischer Soldat steht während einer Patrouille auf dem Asowschen Meer auf einem Militärschiff an einem Maschinengewehr. Foto: Vadim Ghirda
Ein ukrainischer Soldat steht während einer Patrouille auf dem Asowschen Meer auf einem Militärschiff an einem Maschinengewehr.
Foto: Vadim Ghirda

Angesichts explodierender Preise zumindest in der globalen Containerschifffahrt hoffen die deutschen Reeder nach einem Krisenjahrzehnt auf »Ruhe nach dem Sturm«.

Vor allem die kleinen und mittleren Reedereien seien »wirtschaftlich ausgezehrt und brauchen mehr als ein Jahr guter Zahlen, um die Herausforderungen der Zukunft, insbesondere die nötigen Investitionen etwa für den Klimaschutz, finanziell schultern zu können«, sagte die Präsidentin des Verbandes Deutscher Reeder (VDR), Gaby Bornheim am Mittwoch.

Nicht alle profitieren vom Boom

Zudem bestehe die deutsche Schifffahrt im Wesentlichen aus mittelständischen Unternehmen. »Wir sollten uns nicht von den positiven wirtschaftlichen Ergebnissen einiger großer Reedereien blenden lassen«, sagte Bornheim. Außerdem profitierten längst nicht alle Reedereien vom Boom im Containerverkehr. Im Tankermarkt und bei Fähr- und Kreuzfahrtreedereien sei die Situation weiter unsicher.

Entschieden weisen die Reeder Vorwürfe zurück, die Schifffahrt verschärfe um des eigenen Vorteils willen die seit vielen Monaten angespannte Situation in den Lieferketten weltweit. »Wir sind wie viele andere Betroffene der Situation - und nicht Verursacher«, sagte VDR-Geschäftsführer Martin Kröger. »Die gesamte Handelsflotte auf der Welt schwimmt. Da ist nicht ein Schiff, was irgendwie taktisch eingesetzt wird, um Preise zu treiben.«

Drei globale Allianzen

Die Pandemie mit weltweit ständig wechselnden Quarantäneregeln, Schließungen von Hafenanlagen und entsprechenden Verspätungen auf den Schiffsrouten trieben im vorigen Jahr in Kombination mit einer deutlich über den Kapazitäten liegenden Nachfrage die Preise für Seetransporte erheblich in die Höhe. Weil sich das auch in Verbraucherpreisen niederschlägt, hat US-Präsident Joe Biden in dieser Woche Untersuchungen durch die Schifffahrtsbehörde FMC und das Justizministerium angekündigt.

Hintergrund ist - ähnlich wie in der Luftfahrt - die Zusammenarbeit der wichtigsten Containerreedereien in drei globalen Allianzen. Der VDR betont allerdings, weder die FMC noch die Wettbewerbshüter in der EU hätten bislang Hinweise auf wettbewerbswidriges Verhalten oder gar Preisabsprachen gefunden.

Deutschland ist nach VDR-Angaben nach einem Rückgang von 0,7 Punkten auf 3,8 Prozent beim Anteil an der Welthandelsflotte von Platz 5 auf Platz 6 der größten Schifffahrtsnationen zurückgefallen. Ende des vorigen Jahres umfasste die Handelsflotte 1917 Schiffe, 84 weniger als ein Jahr zuvor. Besonders stark sei die deutsche Handelsflotte nach wie vor in der Containerschifffahrt, wo Deutschland nach China die zweitgrößte Flotte der Welt stelle.

Sorge um Schiffe der Welthandelsflotte

Große Sorgen macht sich die Branche derweil im Angesicht des Ukraine-Krieges. Eine Woche nach dem Angriff Russlands befinden sich nach einer Schätzung des VDR noch etwa 100 Schiffe der Welthandelsflotte im Schwarzen und im angrenzenden Asowschen Meer. Der Verband geht davon aus, dass darunter auch mehrere deutsche Schiffe sind, wie Bornheim sagte. Details zu Namen der Schiffe und betroffenen Reedereien will der Verband aus Sicherheitsgründen nicht nennen. »Wir fordern, dass alle Schiffe mit ihren Crews die Konfliktzone unbeschadet verlassen dürfen«, sagte Bornheim. »Russland muss die Freiheit der Schifffahrt respektieren. Unbeteiligte Handelsschiffe dürfen nicht angegriffen werden.«

© dpa-infocom, dpa:220302-99-355871/2