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Christiane Benner auf dem Weg zur IG-Metall-Chefin

Beharrlich drängt Christiane Benner an die Spitze der IG Metall. Mit dem Rückzug des Stuttgarter Bezirkschefs Zitzelsberger schwinden die letzten Zweifel, dass sie ankommen wird.

Christiane Benner
Christiane Benner ist seit 2011 geschäftsführendes Mitglied des Vorstands und seit 2015 Zweite Vorsitzende der IG Metall. Foto: Henning Kaiser
Christiane Benner ist seit 2011 geschäftsführendes Mitglied des Vorstands und seit 2015 Zweite Vorsitzende der IG Metall.
Foto: Henning Kaiser

Wenn Christiane Benner im Oktober tatsächlich als erste Frau an die Spitze der IG Metall gewählt wird, hat sie das vor allem der eigenen Standfestigkeit zu verdanken. Die 55 Jahre alte Diplom-Soziologin hat dem Druck vieler in ihrer Organisation widerstanden, die sie im vergangenen Jahr an die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) wegloben wollten. Benner ließ letztlich der IG-BCE-Funktionärin Yasmin Fahimi den Vortritt und blieb vorerst weiter Zweite Vorsitzende der mächtigen IG Metall.

Mit dem Verzicht des Stuttgarter Bezirkschefs Roman Zitzelsberger, in den Vorstand aufzurücken, ist sie endgültig die neue starke Frau in Deutschlands mächtigster Gewerkschaft.

Das Vize-Amt ist in der Organisation mit mehr als zwei Millionen Mitgliedern seit jeher verbunden mit dem Anspruch, den scheidenden Gewerkschaftschef zu beerben. Amtsinhaber Jörg Hofmann wird nach zwei Wahlperioden und im Alter von 67 Jahren beim nächsten Gewerkschaftstag in Frankfurt nicht mehr antreten. Ihre Wahl vorausgesetzt, wird Benner als Chefin der größten deutschen Einzelgewerkschaft weit größeren Einfluss erlangen als an der DGB-Spitze, denn die Metall-Tarifverträge erstrecken sich auf zentrale deutsche Industriebranchen wie Auto, Maschinenbau und Stahl. Schon heute sitzt sie in den Aufsichtsräten von BMW und Continental.

Wiederholtes Misstrauen gegenüber Benner

Obwohl die verheiratete Benner bereits seit 2011 geschäftsführendes Mitglied des Vorstands und seit 2015 Zweite Vorsitzende der IG Metall ist, schlug ihr in der Organisation wiederholt Misstrauen entgegen, ob sie insbesondere dem harten Tarifgeschäft gewachsen sei. Sie hat zwar kleinere Verträge selbst verhandelt und komplexe Vereinbarungen in Niedersachsen in die Praxis umgesetzt, doch die Erfahrung als Verhandlungsführerin in einer großen Metall- und Elektrorunde für rund vier Millionen Beschäftigte fehlt in ihrer Vita.

Diese Zweifel genügten im »Männerladen« IG Metall offenbar, ausgerechnet in dem Moment über eine gleichberechtigte Doppelspitze nachzudenken, in dem erstmals eine Frau sich anschickte, alleine die Spitze zu erklimmen. Benner sollte ein ausgewiesener Tarifexperte zur Seite gestellt werden, namentlich der Stuttgarter Bezirkschef Roman Zitzelsberger. Eine von Hofmann angeschobene Satzungsänderung hätte zudem die Unterschiede zwischen erstem und zweiten Vorsitz weitgehend aufgehoben.

Dieses Vorhaben war allerdings schon vor dem gesundheitlich begründeten Rückzug Zitzelsbergers im erweiterten Vorstand gescheitert. Unter den 36 Mitgliedern fand sich keine Mehrheit, um die bislang vor allem im Alltag spürbaren Unterschiede zwischen den beiden Vorsitzenden abzuschaffen. Stattdessen wurde festgelegt, dass immer eine Frau im Duo dabei sein muss und zudem der Kernvorstand um zwei Sitze auf fünf Mitglieder verkleinert werden soll. Für die letztlich auch von Hofmann befürwortete Änderung ist eine Zweidrittel-Mehrheit auf dem Gewerkschaftstag notwendig.

Benner hatte damit erneut einen Versuch überstanden, ihre Kompetenzen einzuschränken. Der geschlagene Zitzelsberger hatte schnell klargemacht, dass er nicht in eine Kampfabstimmung gegen sie gehen wollte. Nun hat er für den Vorstand ganz zurückgezogen und will Bezirksleiter in Stuttgart bleiben. Der scheidende Chef Hofmann bleibt dabei, dass er bis zum Sommer einen Personalvorschlag präsentieren werde, wie am Montag seine Sprecherin versicherte.

Benner denkt seit Jahren über künstliche Intelligenz nach

In der Arbeitsteilung mit Hofmann war die Vize Benner stets für dicke Bretter zuständig, die zunächst wenig Ruhm versprachen, dafür im Rückblick umso zukunftsgewandter erscheinen. Die Diplom-Soziologin kümmerte sich um Angestellte, Studenten oder schein-selbständige »Click-Worker«, allesamt weit entfernt vom klassischen Metall-Facharbeiter, wie sie immer noch die Gewerkschaft dominieren. Über künstliche Intelligenz und ihre Folgen für die Arbeitswelt denkt Benner schon seit Jahren nach.

»Es geht immer um die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben«, sagt Benner, die sich zudem stark für die Belange der Frauen einsetzt. Sie ist eine entschiedene Verfechterin der Quote und will zudem die strukturellen Nachteile abbauen, die dazu führen, dass Frauen nach der Babypause nicht mehr auf den Karrierezug gelassen werden. Weiteres Augenmerk richtet die Digital-Expertin auf die Arbeit der Betriebsräte, die eigentliche Machtbasis der Gewerkschaft.

Nach dem Abitur im südhessischen Bensheim stand der in Aachen geborenen Benner zunächst der Sinn nach einer praktischen Aufgabe, so dass sie beim Darmstädter Maschinenbauer Carl Schenck AG eine Ausbildung begann. Ein als ungerecht empfundenes Bewertungssystem für die Azubis brachte die junge Frau schon mit 18 Jahren in den Betriebsrat, schnell wurde die kampferprobte Handballerin zur Jugend- und Azubi-Vertreterin, eine Laufbahn als Gewerkschafterin stand ihr offen. Diese schlug sie aber erst nach einem abgeschlossenen Studium in Marburg, Frankfurt und den USA ein. Nun kommt sie bald an der Spitze an.

© dpa-infocom, dpa:230424-99-432242/5