REUTLINGEN. Corona hat das Land verändert. Viele Menschen wünschen sich ein »normales Leben« zurück. Doch die Pandemie hat auch positive Veränderungen ermöglicht.
Vorbild Tübingen
Wie oft haben wir während der Pandemie neidisch nach Tübingen geblickt? Im März 2021 herrschte bundesweit Lockdown, da durften die Menschen in der Unistadt mit negativem Schnelltest ins Kino, einkaufen oder ins Restaurant. Außerdem wurde früher als anderswo in den Schutz von Senioren investiert. Die Gesichter des Erfolgs: Oberbürgermeister Boris Palmer und die Pandemiebeauftragte des Landkreises Dr. Lisa Federle. Auch wenn manches aktionistisch wirkte: Sie haben Tübingen international bekannt gemacht. Und während man in anderen Städten und Landkreisen bevorzugt auf Anweisungen aus Berlin oder Stuttgart wartete, schöpften sie ihren kommunalen Handlungsspielraum voll aus und konnten sich als Macher profilieren.
Anerkennung
Die Kassiererin an der Kasse, die Krankenschwester oder der Pfleger am Krankenbett bekamen durch die Pandemie eine ganz neue Aufmerksamkeit. Bis dahin kamen sie in der öffentlichen Diskussion nur vor, wenn es um Armut oder steuerfreie Nachtzulagen ging. Nun erfuhren diese Berufe durch Corona Wertschätzung. Vielen Bürgern wurde klar, wie wertvoll diese Arbeit war, auch wenn sie nicht so gut bezahlt wird. Diese Wertschätzung bekam sogar eine amtliche Note. Kassiererinnen, Pfleger und Krankenschwestern wurden in den erlauchten Kreis besonderer Berufe erhoben. Ihre Tätigkeit war zur Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur von besonderer Bedeutung. Die Bürokratie kann eben auch ihre schönen Seiten haben.
Bargeldloses Bezahlen
Während Bettler in China ihre Almosen per QR-Code sammeln und Touristen in Schwellenländern Strandschirm und Liege mit Kreditkarte bezahlen, war in Deutschland bis 2020 vielerorts nicht einmal EC-Kartenzahlung möglich. »Die digitalen Bezahlmöglichkeiten waren hierzulande geringer ausgeprägt«, sagt Christian Rusche vom Institut der deutschen Wirtschaft. Dank Corona habe sich das geändert. Vor allem kleine Geschäfte wie Bäcker, Metzger oder Kneipen haben kontaktlose Bezahlsysteme eingeführt. Wie eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom zeigt, bezahlen nun immer mehr Deutsche ihre Einkäufe kontaktlos.
Distanz
Wer kennt es nicht, wenn man im Supermarkt an der Kasse in der Schlange steht und der Einkaufswagen hinter einem immer näherkommt, bis er schließlich schmerzhaft Kontakt aufnimmt mit den Hacken. Corona hat mit dieser Unsitte aufgeräumt. Seit der Pandemie halten die Menschen Abstand. Wer zu nah kommt, wird ermahnt.
Heimat
Fernreisen waren in der Pandemie mit hohem Risiko und viel Bürokratie verbunden. Das hat den Deutschen die Lust auf einen Trip in die Karibik oder nach Thailand vermiest. Schwäbische Alb, Bodensee und Schwarzwald statt Sonne tanken am Schwarzen Meer oder Party am Ballermann, lautet die Devise in den ungewissen Zeiten der Pandemie. Die Deutschen entdecken ihre Heimat.
Homeoffice
Ja, es gab mal eine Zeit, als es normal war, dass alle im Büro saßen. Als es als Sicherheitsrisiko galt, wenn jemand von zu Hause aus arbeiten wollte. Doch mit Corona wurde schlagartig alles anders. Es entstand eine neue Bürokultur, die sich vorwiegend in den eigenen vier Wänden abspielte. Seither erzählt jeder Witze über Videokonferenzen, bei denen sich irgendwer blamierte, weil er aufstand und unter dem Jackett nur eine Turnhose oder sogar nur Boxershorts trug.
Demut
Fast alle Kinder und Jugendliche in Deutschland kennen Krisen wie zum Beispiel Krieg nur aus den Medien. Es ist eine Generation, die in sicheren politischen Umständen aufgewachsen ist. Durch die Pandemie hat sich das geändert. »Viele erleben nun die erste Krise und merken, dass es nicht selbstverständlich ist, in solch wohlbehüteten Umständen aufzuwachsen, sondern ein Privileg«, sagt der 21-jährige GEA-Volontär Maximilian Ott.
Bessere Luft in Reutlingen
Corona hat die Straßen leerer und die Luft besser gemacht: In Reutlingen trug dies mit zur Verhinderung eines Dieselfahrverbots in der Innenstadt bei. Das hätte gedroht, da der von der EU gesetzte Stickstoffdioxid-Wert von 40 Mikrogramm in der Lederstraße seit Jahren überschritten wurde. Zwar hat das Bundesverwaltungsgericht am 27. Februar 2020 geurteilt, dass Reutlingen ohne Fahrverbote auskommt, die Richter verlangten jedoch, dass der Grenzwert »in Kürze eingehalten wird«. Dann kamen Corona und der Lockdown. Seither werden die Stickstoffdioxidwerte und alle anderen Luftschadstoffgrenzwerte eingehalten. Die Verkehrsmengen auf der zentralen Verkehrsachse sanken 2020 und 2021 merklich, wie eine jüngst veröffentlichte städtische Grafik verdeutlicht. Sie zeigt im März und April 2020 einen Ausschlag nach unten. Daheimbleiben hieß die pandemiebedingte Devise. Der »Lockdown-Knick« ist unübersehbar.
Entschleunigung
Lockdown, Reisbeschränkung und Sperrstunden haben den Aktionsradius der Menschen eingeschränkt. Es führte zu einer Entschleunigung des Lebens: Video-Konferenz mit Kunden statt stressiger Dienstreise. Yoga-Kurse und Pilates statt einem Kurztrip nach Mallorca. Corona hat die Menschen ausgebremst. Manche haben es genutzt zur Selbstfindung, andere sind noch mehr an sich verzweifelt als ohne Pandemie.
Gewissenhafter Umgang mit Krankheitssymptomen
Wer kennt sie nicht: Kollegen, die heiser, verschnupft und hustend am Arbeitsplatz auftauchen. Mit Taschentüchern Kräutertee und Medikamenten. Oder Freunde, die zur Verabredung erscheinen und sagen: »Umarm mich lieber nicht, ich bin noch etwas krank«. Was schon vor der Pandemie fragwürdig war, ist dank Corona ein No Go geworden. Viele sind vorsichtiger, bleiben mit Erkältungssymptomen zu Hause. In Kombination mit Corona-Maßnahmen hat das für weniger Kranke gesorgt. Wie der Bayerische Rundfunk berichtet, ist die Erkältungssaison 2021 nahezu komplett ausgefallen. Laut Tagesschau sank die Zahl der Krankmeldungen auf ein Rekordtief.
Hilfsbereitschaft
Corona löste in der Bevölkerung eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Auf Facebook vernetzten sich User, um Hilfsdienste zu vermitteln, Firmen und Vereine starteten Aktionen zugunsten von Menschen in systemrelevanten Berufen. Vielerorts wurden Nachbarschaftshilfen organisiert, auch in Reutlingen und der Region. In einer Umfrage des Hamburger Zukunftsforschers Horst Opaschowski gaben 86 Prozent der 1 000 Teilnehmer an, während der Corona-Krise hilfsbereiter geworden zu sein. (GEA)


