Logo
Aktuell Interview

Warum Pilgern süchtig machen kann

Raimund Joos pilgert seit 2004 hauptberuflich auf den Jakobswegen. Warum Pilgern süchtig machen kann und was man auf dem Jakobsweg dabeihaben sollte, erklärt er im GEA-Interview.

Pilgern auf dem Jakobsweg ist im Trend. Die Via de la Plata ist jedoch noch eher ruhig und eine Herausforderung.
Pilgern auf dem Jakobsweg ist im Trend. Die Via de la Plata ist jedoch noch eher ruhig und eine Herausforderung. Foto: privat
Pilgern auf dem Jakobsweg ist im Trend. Die Via de la Plata ist jedoch noch eher ruhig und eine Herausforderung.
Foto: privat

REUTLINGEN/EICHSTÄTT. 1992 war Raimund Joos das erste Mal auf dem Jakobsweg unterwegs. Seit 2004 pilgert der Eichstätter hauptberuflich. Wie sich das Pilgern seitdem verändert hat, welcher Camino sich für Einsteiger eignet und warum Pilgern auch süchtig machen kann, erzählt der Autor im GEA-Interview.

GEA: Herr Joos, spätestens seit Hape Kerkelings Buch »Ich bin dann mal weg« ist um das Pilgern auf dem Jakobsweg ein richtiger Hype entstanden. Was macht die Faszination am Pilgern aus?

Raimund Joos: Wenn man zum Wandern auf den Berg geht, dann macht man in der Regel einen Tagesausflug, oder übernachtet vielleicht in einer Hütte und ist am nächsten Tag zurück. Beim Pilgern ist man typischerweise länger unterwegs. Man geht längere Zeit geradeaus und begibt sich schrittweise raus aus der Sicherheit. Irgendwann verliert man dann das Gefühl, dass man einen festen Platz hat. Das ist wie, wenn ein Astronaut ins All fliegt. Am Anfang bemerkt er die Erdanziehungskraft noch. Aber irgendwann setzt dann die Schwerelosigkeit ein. So ist es beim Pilgern auch. Irgendwann vergisst man, wo man am Tag zuvor übernachtet hat. Man lässt los und kann sich dadurch auch selbst neu entdecken.

Autor Raimund Joos pilgert seit 2004 hauptberuflich.
Autor Raimund Joos pilgert seit 2004 hauptberuflich. Foto: privat
Autor Raimund Joos pilgert seit 2004 hauptberuflich.
Foto: privat

Wie äußert sich das?

Joos: Einmal habe ich am Anfang des Jakobswegs eine Pilgerin interviewt und sie gefragt, warum sie pilgert. Sie sagte, sie erhoffe sich auf einige ihrer Lebensfragen Antworten. In Santiago de Compostela, am Ende des Weges, habe ich sie wiedergetroffen und gefragt, ob sie Antworten gefunden habe. Daraufhin hat sie mich gefragt: 'Kannst du mir bitte nochmal sagen, was meine Fragen waren?' Man erlebt, dass die Probleme, die einem vorher so groß erschienen, plötzlich nur noch kleine Tropfen in einem großen Meer sind.

Es heißt, Pilgern habe mit Spiritualität und Religiosität zu tun. Ist das heutzutage noch so?

Joos: Das kommt ganz auf den Einzelnen an. Für die meisten hat das Pilgern auch spirituelle Komponenten: Sie wollen zum Beispiel die Welt authentischer wahrnehmen oder zu sich selbst finden. Religiös muss es aber nicht unbedingt sein. Zumindest bei Pilgern aus Deutschland, den USA oder auch Großbritannien steht das oft nicht im Vordergrund. Bei Pilgern aus Spanien oder Italien ist das aber anders.

»Heute wäre ich altersbedingt auch nicht mehr zufrieden mit einer kalten Dusche«

Seit 1992 sind Sie auf den Jakobswegen in Spanien, Frankreich, Portugal und Deutschland unterwegs. Seit 2004 pilgern Sie hauptberuflich. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?

Joos: Es hat sich sehr viel geändert. Das ist für mich teilweise schon frustrierend. Vielleicht kann man das mit dem Ballermann auf Mallorca vergleichen: Das war früher auch einfach mal ein schöner Strand, inzwischen ist es eine Saufmeile. So schlimm ist es beim Jakobsweg nicht. Aber als ich als junger Mann das erste Mal auf dem Jakobsweg unterwegs war, habe ich das Pilgern schon noch ganz anders erlebt: Damals gab es kein Internet, vielleicht alle zwei bis drei Tage mal eine kalte Dusche. Ich habe jeden zweiten Tag auf einer Isomatte übernachtet. Und eine Waschmaschine zu haben, war völlig utopisch. Heute gibt es viel mehr Komfort auf dem Jakobsweg. Dadurch geht vieles verloren. Denn je mehr Sicherheit man abgibt, desto mehr kann man gewinnen. Jeder muss aber wissen, wie viel Komfort er auf dem Weg nutzt. Lässt man sich zum Beispiel sein Gepäck vorausschicken, ruft man mal ein Taxi, wenn einem die Knie weh tun? Das hat aber natürlich den Vorteil, dass heute auch Menschen den Jakobsweg machen können, die es früher nicht konnten. Und sagen wir mal so: Heute wäre ich altersbedingt auch nicht mehr zufrieden mit einer kalten Dusche alle paar Tage.

Traumhafte Szenerie gibt es auch auf der Küstenvariante des Camino Portuges auf dem Weg nach Aguçadoura.
Traumhafte Szenerie gibt es auch auf der Küstenvariante des Camino Portuges auf dem Weg nach Aguçadoura. Foto: Raimund Joos
Traumhafte Szenerie gibt es auch auf der Küstenvariante des Camino Portuges auf dem Weg nach Aguçadoura.
Foto: Raimund Joos

Kommen wir zu ein paar konkreten Tipps für Leute, die auch vom Pilgern auf dem Jakobsweg träumen. Vielen Einsteigern ist gar nicht bewusst, dass es den Jakobsweg eigentlich gar nicht gibt. Wie unterscheiden sich die Jakobswege und welchen empfehlen Sie eher ungeübten Wanderern?

Joos: Der Camino Portuges ab Porto ist bei deutschen Pilgern heute beliebter als der klassische Camino Fancés. Der Camino Portuges ist nicht so überlaufen und leicht zu gehen. Aber es kommt natürlich auch darauf an, welche Herausforderung man sucht. Mein Lieblingsweg ist der Via de la Plata. Ich suche eher die Einsamkeit und laufe notfalls lieber mal durch Matsch als meist über sowas wie Parkwege. Man kann den Via de la Plata auch als Einsteiger laufen, muss dann aber mal damit rechnen, das es mal ein Abenteuer wird. Da kann man schon seine Grenzen austesten.

Wie viel Zeit sollte man sich mindestens nehmen, wenn man das erste Mal pilgern geht?

Joos: Die Erfahrung zeigt, dass man schon ein paar Tage braucht, um zu diesem Loslassen zu gelangen. In der Regel sollte man schon mindestens zwei Wochen einplanen. Der Sinn ist ja, zu gehen, und nicht, dass ich möglichst schnell die Strecke hinter mich bringe und mir eine Plakette abholen kann.

»Wenn ich immer wieder im Cyberspace bin, komme ich nie auf dem Weg an«

Was ist eine unverzichtbare Voraussetzung für das Pilgern?

Joos: Offenheit und Dankbarkeit sind unverzichtbar. Die wenigen Dinge, die ich habe, wertzuschätzen. Vielleicht sollte man aber eher fragen: Was ist ein No-Go? Die größte Gefahr ist in meinen Augen das Internet: Wenn ich am Abend mit meinen Freunden telefoniere, im Internet hänge, sogar Nachrichten aus meiner Heimat schaue, anstatt mit den anderen Pilgern zu reden. Wenn ich immer wieder im Cyberspace bin, komme ich nie auf dem Weg an.

Zur Person

Raimund Joos lebt in Eichstätt, am ostbayerischen Jakobsweg. Der Autor studierte Pädagogik, Theologie und Spanisch und ist seit 2004 hauptberuflich pilgernd auf den Jakobswegen unterwegs. Im Conrad Stein Verlag sind zahlreiche Reiseführer von ihm erschienen, darunter auch »Pilgern auf den Jakobswegen«, in dem er praktische Tipps etwa zu Packlisten und Varianten der Wege gibt, die sich auch für klassische Wanderer eignen. (geu)

Wie verändert einen das Pilgern?

Joos: Viele erleben eine Art Kulturschock, wenn sie wieder in die eigenen vier Wände zurückkommen. Die einen lösen das, indem sie möglichst schnell wieder auf den Jakobsweg zurückgehen. Das kann aber auch zum Davonlaufen vor Problemen werden. Man könnte auch sagen, das Pilgern macht süchtig. Anstatt dem Gefühl auf dem Jakobsweg hinterherzurennen, kann man die einmal gemachte Pilgererfahrung später in das Leben daheim integrieren. Dazu sollte man sich fragen, was einen beim Pilgern so glücklich gemacht hat. Oft ist das die Einfachheit des Lebens, die Dankbarkeit für die kleinen Dinge, die Offenheit Neuem gegenüber und auch Gelassenheit.

Auf dem Weg lernt man, dass es eben nicht so wichtig ist, ob man abends schnell einen festen Schlafplatz gebucht hat. Man übt sich in Gelassenheit, denn die kann man wirklich üben. Wenn man diese Erfahrungen mit in den Alltag nimmt, braucht man nicht immer wieder zurück auf den Jakobsweg. Vielleicht lässt man das Handy einfach mal zu Hause und entdeckt, welch schöne Umgebung man in der eigenen Nachbarschaft hat. Dann nimmt man sich eine Picknickdecke mit in den Wald, setzt sich dort auf eine Waldlichtung und lässt diese einfach mal auf sich wirken, ohne drüber nachzudenken, welche schönen Instagram-Fotos man gerade machen könnte. So kommt man wirklich zu sich. (GEA)