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Terra X-Moderatorin und Wildtierärztin im GEA-Interview: Von Jaguaren und Nachtfaltern

Wildtierärztin Hannah Emde spricht im GEA-Interview über bedrohte Arten, Klimawandel und Hoffnung.

Hannah Emde steht nachts vor einer Insektenfalle im Regenwald Costa Ricas, sie schaut eine große Motte an, die auf ihrem Arm sit
Hannah Emde steht nachts vor einer Insektenfalle im Regenwald Costa Ricas, sie schaut eine große Motte an, die auf ihrem Arm sitzt. Foto: Oliver Roetz / ZDF
Hannah Emde steht nachts vor einer Insektenfalle im Regenwald Costa Ricas, sie schaut eine große Motte an, die auf ihrem Arm sitzt.
Foto: Oliver Roetz / ZDF

MAINZ. Wildtierärztin und Moderatorin Hannah Emde reist in der vierten Staffel der ZDF-Dokureihe »Terra X: Faszination Erde« erneut um die Welt. Die erste Folge führt nach Neuseeland, wo Landschaften wie Strände, Gletscher, Regenwälder und unterirdische Welten einzigartige Lebensräume bieten. In Kasachstan zeigt die zweite Folge ein Großprojekt zur Renaturierung der eurasischen Steppe, inklusive der Rückkehr von Tieren wie Saiga-Antilopen, Przewalski-Pferden und Kulanen. Die dritte Folge führt nach Costa Rica, wo nach massiver Abholzung inzwischen fast 60?Prozent des Landes wieder bewaldet sind. Im Interview mit dem GEA berichtet sie über ihre Erfahrungen mit Wildtieren und den Klimawandel.

GEA: Als Tierärztin und Artenschützerin sind Sie weltweit unterwegs und beschäftigen sich mit zahlreichen Tierarten. Wie hat sich dadurch Ihre Sicht auf die Beziehung zwischen Mensch und Tier verändert?

Hannah Emde: Je mehr Zeit ich mit Wildtieren in der Natur verbringe, desto klarer wird mir, wie eng alles miteinander verknüpft ist. Besonders eindrücklich war das in Kasachstan. Das Land hatte ich zuvor kaum auf dem Schirm – eine endlose Steppe, die ich mir eher öde und lebensarm vorgestellt hatte. Doch vor Ort wurde mir bewusst, was dieses Ökosystem tatsächlich ausmacht: Jede Pflanze und jedes Tier erfüllen eine wichtige Funktion in einem erstaunlich stimmigen System. Es war faszinierend, in diese für mich fremde Welt einzutauchen und zu spüren, wie alles ineinandergreift. Gleichzeitig wird sichtbar, wie verletzlich dieses Gleichgewicht ist. Wenn Tierarten verschwinden – wie das Przewalski-Pferd oder der Wildesel – beginnt das ganze System zu bröckeln. Lässt man die Natur jedoch in Ruhe arbeiten, bietet sie dem Menschen enorme Leistungen: vom Kohlenstoffspeicher über saubere Luft bis hin zu sauberem Wasser. Diese intakte Natur erdet mich. Sie zeigt mir, wie viel wir Menschen von ihr lernen könnten.

Können Sie sich an ein besonderes Erlebnis mit einem Wildtier erinnern?

Emde: Oh ja, da gibt es viele. Besonders eindrücklich war die Begegnung mit einem wilden Jaguar nachts am Strand – in Costa Rica. Die Raubkatzen patrouillieren am Strand, auf der Suche nach nistenden Meeresschildkröten. Wir waren ganz leise, hielten uns im Hintergrund, und es war beeindruckend, diese riesige, majestätische Raubkatze vor dem rauschenden Meer beobachten zu können – über uns ein gigantischer Sternenhimmel und im Rücken die Geräuschkulisse des Regenwalds.

Ist es schonmal passiert, dass ein Tier aggressiv wurde?

Emde: Ja, das ist schon vorgekommen. Allerdings nur, wenn ich als Tierärztin aktiv eingreife und ein Wildtier behandle, es also zum Beispiel in Narkose lege. Da kann es schon mal passieren, dass die Narkose nicht tief genug ist, ein Tier mittendrin aufwacht und aggressiv wird. In solchen Situationen habe ich als behandelnde Tierärztin die Verantwortung für den Patienten, aber auch für das gesamte Team. Dann ist es besonders wichtig, Ruhe zu bewahren, damit dem Tier nichts passiert und auch den Kollegen nicht.

Welches Tier hat ihrer Meinung nach ein besseres Image verdient?

Emde: In Costa Rica haben wir uns mit Insekten beschäftigt. Dort kam eine wunderschöne Vielfalt an Nachtfaltern in unsere Lichtfallen geflogen. Diese nächtliche Untersuchung hat mir vor Augen geführt, wie wenig wir über Insekten wissen und gleichzeitig, wie wichtig sie für uns sind. Sie bestäuben, verwerten Nährstoffe, verteilen Samen, erhalten die Bodenqualität und erfüllen wichtige Funktionen im Wald.

Gibt es in Deutschland eine Tierart, die vom Aussterben bedroht ist und Ihnen besonders am Herzen liegt?

Emde: Ich liebe Feuersalamander. Durch einen gefährlichen Pilz sind aber mittlerweile diese Amphibien in Deutschland stark bedroht. Er befällt die Haut der Tiere, über die sie wichtige Stoffe aufnehmen und sogar atmen. Dieser Pilz wird auch »der Salamanderfresser« genannt und ist ein Riesenproblem für unsere Feuersalamander.

Tiere und Natur sind voneinander anhängig. Wie macht sich der Klimawandel bemerkbar?

Emde: Ich war bislang in keiner Region der Welt, in der die Auswirkungen des Klimawandels nicht sichtbar gewesen waren. In Costa Rica etwa zeigte er sich deutlich am Insektenleben: Der Regen setzt inzwischen früher und deutlich heftiger ein – die Eier vieler Insekten werden weggeschwemmt oder schlüpfen früher oder später als die Pflanzen blühen. Das führt dazu, dass die Pflanzen nicht mehr bestäubt werden, und es entsteht eine Lücke im Nahrungssystems, die sich auf alle weiteren Tierarten auswirkt. Auch in Neuseeland, auf einem Gletscher, wurde die Veränderung greifbar. Man zeigte mir die Stellen, an denen das Eis früher endete – viele Meter oberhalb der heutigen Gletscherkante. In Kasachstan wurde mir bewusst, welch große Rolle die Steppe für das globale Klima als Kohlenstoffspeicher spielt. Das Gras dort kann Kohlenstoff besonders tief im Boden binden. Wohin gegen im Wald der Kohlenstoff hauptsächlich oberirdisch in den Bäumen gespeichert ist. Kommt es im Wald zu Bränden oder zur Abholzung, geht dieser Speicher verloren. Das macht deutlich, wie wichtig natürliche Pufferzonen sind, um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Gleichzeitig zeigt sich: Renaturierung ist ein wirksames Mittel, um den Klimawandel zumindest abzumildern. Das macht mir Hoffnung – auch wenn klar ist, dass wir ihn nicht mehr vollständig aufhalten können und das Artensterben weiter voranschreitet.

Welche Botschaft würden Sie jungen Menschen mitgeben, die sich für die Natur einsetzen möchten?

Emde: Ich finde es großartig, wie engagiert die jüngere Generation inzwischen ist – sei es durch bewussteres Konsumverhalten oder den Wunsch nach einem nachhaltigeren Lebensstil. Natürlich können solche Schritte den Klimawandel nicht allein aufhalten. Aber genau dieser Wille, etwas zu verändern, dieses Bewusstsein und der Mut zum Handeln, sind enorm wichtig. Jede kleine Entscheidung setzt ein Zeichen und trägt dazu bei, dass sich unser gemeinsamer Blick auf Natur und Umwelt verändert.

Gibt es einen Ort, den sie unbedingt noch besuchen möchten?

Emde: Ganz weit oben auf meiner Wunschliste steht die Arktis. Das Eis dort wird nicht ewig vorhanden sein. Das wäre ein Lebensraum, den ich noch unheimlich gern entdecken würde.

In der Terra X-Dokumentationsreihe »Faszination Erde« nehmen Sie die Zuschauer auf Erkenntnisreise. Wie schafft man es, wissenschaftliche Inhalte im Fernsehen verständlich zu vermitteln?

Emde: Die Recherche beginnt schon Monate im Voraus. Gleichzeitig spielt das Storytelling eine enorme Rolle – schließlich sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer die 45 Minuten auch wirklich gern verfolgen. Der Spagat zwischen Abenteuer, faszinierenden Momenten, auch mal brenzligen Situationen und den wissenschaftlichen Fakten ist entscheidend. Erst wenn all das zusammenpasst, wird komplexes Wissen zugänglich und spannend erzählt. (GEA)

Mediathek und Sendetermine

Alle Folgen sind in der ZDF-Mediathek abrufbar. Die zweite Folge wird am Sonntag, 14. Dezember und die dritte Folge am 21. Dezember, jeweils um 19.30 Uhr, im Fernsehen ausgestrahlt. (ifi)