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»Social Media macht Nutzer süchtig«

Plattformen verwenden Psycho-Tricks, um Kunden zu binden. Welche Techniken das sind, verrät der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer

Klicks, Likes, Follower: Bei jedem Reiz schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus. Damit halten Social Media die Nutzer a
Klicks, Likes, Follower: Bei jedem Reiz schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus. Damit halten Social Media die Nutzer auf den Plattformen. Foto: Foto: Alicia Windzio/dpa
Klicks, Likes, Follower: Bei jedem Reiz schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus. Damit halten Social Media die Nutzer auf den Plattformen.
Foto: Foto: Alicia Windzio/dpa

BERLIN. Social Media sind ein süßes Gift. Sie schaden Gehirn und Psyche, trotzdem werden sie gerade von Jugendlichen intensiv genutzt. Das ist Absicht, meint Gerd Gigerenzer. Der Berliner Psychologie-Professor beschreibt in seinem Buch »Klick« (Bertelsmann 2021), wie wir die Chancen und Risiken der digitalen Welt richtig einschätzen und uns vor den Verlockungen sozialer Medien schützen.

Gigerenzer kritisiert das Geschäftsmodell großer Onlineplattformen wie Facebook, Instagram und Tiktok. »Nicht die Nutzer sind die Kunden, sondern die Werbetreibenden«, sagt er. Je länger die Nutzer auf der Plattform bleiben, desto mehr Anzeigen sehen sie: Damit verdienen die Plattformen ihr Geld. Anders gesagt: »Die Plattformen tun alles, um die Nutzer süchtig zu machen.«

Der Psychologie-Professor Gerd Gigerenzer leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz in Potsdam.
Der Psychologie-Professor Gerd Gigerenzer leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz in Potsdam. Foto: Foto: Arne Sattler
Der Psychologie-Professor Gerd Gigerenzer leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz in Potsdam.
Foto: Foto: Arne Sattler

Dafür haben die Plattformen laut Gigerenzer verschiedene Techniken entwickelt. Push-Nachrichten zum Beispiel: Jeder Teenager erhält US-Studien zufolge im Schnitt alle fünf Minuten eine neue Nachricht auf sein Smartphone. Oder Selfies: »Damit kann man sich selbst der Welt präsentieren«, meint Gigerenzer. Oder Likes, Kommentare und Follower: »Damit wird soziale Anerkennung messbar.« Bei jedem dieser Reize schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus – und der Nutzer will mehr davon.

Die Folgen: Jugendliche verbringen immer mehr Zeit in der virtuellen Welt und immer weniger Zeit in der realen Welt. Statt sich mit Freunden zum Fußball zu treffen, chatten sie mit Fremden auf Facebook. Das hat Auswirkungen auf die Psyche: Die ständigen Nachrichten stören die Konzentration, die kurzen Videos verringern die Aufmerksamkeitsspanne, die knappen Texte verhindern ein tieferes Verständnis von Zusammenhängen. »Ju-gendliche mit exzessiver Social-Media-Nutzung haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen«, berichtet Gigerenzer. Das gilt vor allem für junge Frauen: »Sie vergleichen sich mit Photoshop-Fotos von Influencerinnen, sehen in den Spiegel und fühlen sich hässlich.«

»Das ließe sich leicht ändern«, meint Gigerenzer. Wenn die Plattformen ihr Geschäftsmodell ändern – also die Nutzer statt die Anzeigenkunden bezahlen lassen – würden. »Aber das will keiner: nicht die Plattformen, nicht die Politik, nicht die Bürger.« Darum muss der Einzelne sich vorerst selbst behelfen: mit handyfreien Orten und handyfreien Zeiten. (mis)