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So bringt ein Gedächtnis-Weltmeister Ihre grauen Zellen in Schwung

Gedächtnis-Weltmeister Boris Konrad merkt sich 201 Namen in 15 Minuten. Das kann jeder, sagt er. Mit der richtigen Technik.

Acht Weltmeistertitel, vier Guinness-Rekorde: Gedächtnissportler Boris Konrad erklärt in Vorträgen, wie Erinnerung funktioniert.
Acht Weltmeistertitel, vier Guinness-Rekorde: Gedächtnissportler Boris Konrad erklärt in Vorträgen, wie Erinnerung funktioniert. Foto: Foto: Marjolein van der Mey/Maro Fotografie
Acht Weltmeistertitel, vier Guinness-Rekorde: Gedächtnissportler Boris Konrad erklärt in Vorträgen, wie Erinnerung funktioniert.
Foto: Foto: Marjolein van der Mey/Maro Fotografie

KRANENBURG. 201 Namen mitsamt Gesichtern in 15 Minuten memorieren: Das ist Boris Nikolai Konrads Bestleistung. Damit schaffte es der Gedächtnisprofi aus Kranenburg in Nordrhein-Westfalen ins Guinness-Buch der Weltrekorde. Trotzdem hält er sich nicht für ein Genie. Konrad ist Neurowissenschaftler und weiß: »Mit der richtigen Technik kann das jeder.« Der Nutzen im Alltag ist groß: Konrad braucht weder Karteikästen noch Passwort-Manager, er merkt sich Einkaufszettel, Telefonnummern und PINs einfach. Was lustig klingt, hat dem Experten zufolge einen ernsten Hintergrund: »Gedächtnistraining hält das Gehirn gesund und senkt das Alzheimer-Risiko.«

Dank Gedächtnistraining zu Abitur und Weltruhm

Konrad begann als normaler Jugendlicher: Er wurde Mitte der 1980er-Jahre im Ruhrgebiet geboren, ging zur Schule, tat sich schwer mit Fremdsprachen, hatte durchschnittliche Noten. Bis zur Grips-Show: einem Fernseh-Quiz, moderiert von Günther Jauch, beliebt vor der Jahrtausendwende. Diese Sendung brachte Konrad auf die zündende Idee: »Vergessern, Hängern, Aussetzern bin ich nicht hilflos ausgeliefert. Stattdessen kann ich meine Erinnerung aus eigener Kraft verbessern.« Kurz vor dem Abitur war das ein willkommener Lichtblick – galt es doch, Mathe, Deutsch und Englisch in rauen Mengen in den Kopf zu zwängen und in schriftlichen Klausuren und mündlichen Prüfungen wieder auszuspucken.

Das Gedächtnistraining trug Konrad nicht nur durchs Abitur, es verhalf ihm auch zu Ruhm. Der Junge trainierte vier Stunden pro Woche, bis er der Schnellste im Auswendig-Lernen war: Für 201 Personennamen mitsamt Gesichtern brauchte er 15 Minuten, für 52 Spielkarten in der richtigen Reihenfolge 30 Sekunden. Beachtliche Leistungen, mit denen er acht Team-Weltmeisterschaften gewann, vier Guinness Weltrekorde aufstellte und den Titel als Deutschlands Superhirn (ZDF-Show) holte.

Bilder im Kopf: Je absurder, desto besser

Was wirkt wie Zauberei, ist Handwerk. Und Konrad lässt das staunende Publikum hinter den Vorhang schauen: »Namen, Zahlen, Fakten sind schwer zu merken«, erklärt er. »Bilder, Gefühle, Orte dagegen gut.« Konrad tritt auch als Gedächtnistrainer, Vortragsredner und Buchautor auf. Seinen Zuhörern rät er: »Verwandeln Sie einen abstrakten Inhalt in ein konkretes Erlebnis. Dann weiß Ihr Gehirn schon, wie es das abspeichert.«

Konrad selbst merkt sich etwa Personennamen, indem er sich ein Bild dazu vorstellt. Frau Steinrücken zum Beispiel trägt dann einen Stein auf dem Rücken. Spielkarten übersetzt er ebenfalls in Bilder, Herz Neun etwa assoziiert er mit einem Kussmund. Dann ruft er in seinem Kopf eine vertraute Umgebung auf wie den Markplatz in seiner Heimatstadt. Dort wählt er einzelne Orte und verbindet sie zu einer Route. An jeder Wegmarkierung platziert er ein Karten-Bild. Je absurder, desto besser: Herz Neun (der Kussmund) ist ein Mensch, der auf den Treppen zum Rathaus kniet und die Stufen küsst. Wenn Konrad jetzt die Strecke im Kopf abläuft, dann erinnert er sich automatisch an die Spielkarten in der richtigen Reihenfolge.

Trotz Hochleistungs-Gedächtnis vergisst der vierfache Familienvater auch mal etwas. Gern erzählt er die Anekdote von der Einladung ins chinesische Fernsehen. Am Flughafen fiel ihm plötzlich auf, dass er seinen Reisepass zu Hause liegen gelassen hatte. Dabei hatte er ihn zuvor extra gut sichtbar auf dem Küchentisch platziert. »Das war aber keine Erinnerungslücke«, bestreitet er schmunzelnd. »Sondern Unaufmerksamkeit.«

Mit dem richtigen Training kann jeder Gedächtnisprofi werden

Inzwischen hat der 41-Jährige die Seiten gewechselt: Vom Profi-Sportler wurde er zum Profi-Forscher. Erst studierte er Informatik und Physik an der Technischen Universität Dortmund, dann promovierte er in Neurowissenschaften am Max-Planck-Institut in München, jetzt untersucht er das menschliche Gehirn an der Radboud-Universität in Nimwegen (Niederlande). Was ihn umtreibt, das sind die neuronalen Grundlagen besonderer Gedächtnisleistungen. Dafür hat er sich selbst und andere Gedächtnisprofis einem Hirnscan unterzogen.

Das Ergebnis: Ihre Gehirne unterscheiden sich anatomisch nicht von »normalen« Gehirnen. Einzige Abweichung: Die Verknüpfungen zwischen verschiedenen Hirnarealen sind stärker. Das kommt vom Training: Wenn Konrad und Kollegen Zahlen und Begriffe mit Bildern, Gefühlen und Orten koppeln, dann aktivieren sie die jeweils zuständigen Nervenzellen gleichzeitig und bauen Verbindungen zwischen ihnen auf.

Für »Normalmenschen« bedeutet das: Jeder kann Gedächtniskünstler werden. Dafür muss man kein Genie sein, sondern nur Gehirnakrobatik betreiben. Mit einem Versuch fand Konrad heraus: Teilnehmer, die ihr Gedächtnis 20 Minuten pro Tag trainierten, verdreifachten ihre Erinnerungsleistung in sechs Wochen. Geprüft wurden das Auswendig-Lernen von Zahlen, Begriffen und Namen.

Trotz KI muss der Mensch weiterhin Dinge lernen

Aber wozu der ganze Aufwand? Sicher, mit Namenmemory und Kartentricks ist man der Star auf jeder Party. Und die eigene Telefonnummer und das eigene E-Mail-Passwort im Kopf zu haben, ist im Alltag auch recht nützlich. Aber alles andere kann man doch googeln, ChatGPT fragen und bei Wikipedia nachschlagen, oder? Dass Wissen überall und jederzeit verfügbar ist, entwertet das menschliche Gedächtnis. Wozu braucht der Mensch Erinnerung, wenn er seine Kenntnisse auslagern kann an die digitale Technik?

Diesem Kalkül widerspricht Konrad energisch: »Es geht nicht darum, Fakten auswendig zu wissen«, betont er. »Sondern darum, Informationen zu verstehen, anzuwenden und weiterzuentwickeln.« Und dafür sei Faktenwissen nun mal die Basis. »Ohne Wissen keine Innovation«, meint Konrad. Darum müssten Menschen auch weiterhin Dinge lernen.

Gedächtnistraining mildert Alzheimer-Symptome

Ein weiteres Argument für Gedächtnistraining: »Damit das Gehirn gesund bleibt, muss es benutzt werden«, weiß Konrad. Und geht sogar noch einen Schritt weiter: »Gedächtnistraining hilft gegen Alzheimer.« Die Übungen können eine Erkrankung zwar nicht vollständig verhindern. Denn dabei spielen physiologische Prozesse eine wichtige Rolle: Eiweiße lagern sich im Gehirn ab, zerstören dort Nervenzellen und behindern deren Kommunikation miteinander. »Gedächtnistraining kann aber Symptome einer Erkrankung verringern, den Beginn verzögern und den Verlauf abmildern«, erklärt Konrad. Der Grund ist einfach: Das Gehirn ist durch Training besser vernetzt und gleicht Schäden länger aus. Alzheimer-Veränderungen können also da sein, aber es treten keine Symptome auf.

Schlaf und Pausen sind wichtig für den Lernerfolg

So sehr Konrad auch fürs Gedächtnistraining wirbt – er ist keiner, der sein Gehirn bis zum Bersten mit Informationen vollstopft. Im Gegenteil: Sein jüngstes Buch heißt »Mehr Platz im Gehirn. Entspannt mit der Informationsflut umgehen«. Darin wirbt er für Schlaf und Pausen: »Viele arbeiten durch und erschöpfen ihre mentalen Ressourcen«, beobachtet er. »Aber es braucht den Wechsel zwischen geistiger Anspannung und Entspannung.«

Er selbst legt bei der Arbeit alle 25 Minuten eine 2-minütige Pause ein. Das empfiehlt er auch anderen: »Checken Sie dann nicht die Nachrichten auf dem Handy, sondern schauen Sie den Baum vor dem Fenster an.« In dieser Zeit sortiert, verknüpft und festigt das Gehirn neue Informationen. Auch Schlaf ist wichtig für den Lernerfolg: Unwichtiges wird gelöscht, Wichtiges wird gespeichert, neue Informationen werden mit bekanntem Wissen verbunden. All das passiert automatisch im Hintergrund ohne aktives Zutun der Person.

Wer Konrads Ratschläge befolgt, der kann sich vielleicht nicht sofort 201 Namen in 15 Minuten merken. Aber er denkt beim nächsten Einkauf bestimmt an die Milch und weiß auch noch den Namen vom neuen Nachbarn. (GEA)