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Sherpas im Himalaya: Viele Gefahren und wenig Geld

Die Berge des Himalayas ziehen Jahr für Jahr Bergsteiger aus aller Welt an. Neben der generellen Gefahr in der Höhe führen auch schlechte Arbeitsbedingungen immer wieder zu dramatischen Unfällen bei lokalen Bergführern. Sie fordern eine Verbesserung.

Sherpas im Himalaya
Ghulam Murtaza Sadpara (r.) und ein anderer Bergsteiger bei der Besteigung des Gasherbrum II in Pakistan 2021. Foto: Privat/DPA
Ghulam Murtaza Sadpara (r.) und ein anderer Bergsteiger bei der Besteigung des Gasherbrum II in Pakistan 2021.
Foto: Privat/DPA

Ghulam Murtaza Sadpara erinnert sich noch genau an den Tag, an dem er dem Tod entkam und doch sein altes Leben verlor. Es war im vergangenen Juli, als der Bergführer aus Pakistan auf 8000 Metern, fast auf dem Gipfel des Broad Peaks, zusammenbrach. Seine Gruppe habe ihn zu dem Zeitpunkt bereits aus den Augen verloren und ihm nicht helfen können, sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Der österreichische Kletterer Lukas Wörle fand schließlich den erschöpften Mann und gab sein Ziel auf, den Achttausender ganz zu erklimmen, um Sadpara zurück ins Basiscamp zu bringen und ihm damit das Leben zu retten. In einem Militärkrankenhaus vor Ort wurde Sadpara notdürftig versorgt, seine erfrorenen Finger konnte er seit dem Unglück aber nicht mehr bewegen.

Er hat keine Krankenversicherung

Monatelang litt der 28-Jährige unter Schmerzen, bis die spanischen Bergsteiger Alex Txikon und Sebastian Alvaro von seinem Schicksal erfuhren und ihn für eine Behandlung nach Spanien holten. Dort warteten jedoch furchtbare Nachrichten auf ihn: Die Ärzte müssten mindestens sechs seiner Finger amputieren. »Ich werde leben, aber ich werde nicht mehr dem nachgehen können, was mein Lebensunterhalt und meine Leidenschaft waren«, sagt er. Dabei hätte es auch besser ausgehen können für den jungen Mann, wäre er rechtzeitig ausreichend medizinisch versorgt worden. Eine kostspielige Behandlung konnte sich der Bergführer jedoch nicht leisten, denn trotz seines gefährlichen Berufes hat er keine Krankenversicherung.

Immer wieder kommt es zu dramatischen Unfällen in den Höhen des Himalaya-Gebirges, das Bergsteiger aus aller Welt nach Nepal, Pakistan, China oder Indien zieht. Im August sorgte der Tod des Sherpas Muhammad Hassan auf dem K2 für Aufsehen. Der Vorwurf: Während der Mann in der sogenannten Todeszone des Achttausenders stundenlang um sein Leben kämpfte, zogen mehrere Bergsteiger an ihm vorbei, ohne zu helfen. Sadpara weiß, dass eine Rettung unter extremen Bedingungen das eigene Leben kosten kann. Umso wichtiger sei es, wie er findet, die Arbeitsbedingungen für lokale Bergführer zu verbessern.

Einer der gefährlichsten Jobs der Welt

Denn ohne Sherpas wären viele Expeditionen im Himalaya nicht denkbar. Bis in tausende Meter Höhe schleppen sie Verpflegung und Zelte für die Touristen, sie kochen für sie oder führen sie auf den Gipfel. Meist stehen sie aber im Schatten jener Kletterer, die durch Gipfelbesteigungen zu Ruhm gelangen. Seltener kommt es vor, dass sie es selbst zu größerer Bekanntheit schaffen. Immer wieder wird die Tätigkeit als eine der gefährlichsten der Welt beschrieben. Die Risiken werden durch unberechenbares Wetter und durch Touristen, die ohne ausreichende Kenntnis Achttausender besteigen wollen, noch erhöht.

In Pakistan haben die meisten Hochgebirgsträger, die mit internationalen Bergsteigern arbeiten, weder eine Lebens- noch eine Krankenversicherung, sagt Naiknam Karim, Inhaber einer örtlichen Expeditionsfirma. In dem touristischer ausgerichteten Nepal, wo sich auch der welthöchste Berg, der Mount Everest, befindet, ist die Situation für die Sherpas etwas besser geregelt. Trotzdem beklagen mehrere Sherpas wie der langjährige Bergführer Kami Rita Sherpa, dass die Bedingungen angesichts der großen Risiken nicht gut genug seien.

In Nepal hat jeder Sherpa einen rechtlichen Anspruch auf eine Unfallversicherung, die ihnen maximal 1,5 Millionen Rupien (rund 10. 700 Euro) ausbezahlt, eine Krankenversicherung, die Kosten von bis zu 400.000 Rupien (rund 2900 Euro) übernimmt und eine Notfallrettung in Höhe von 10.000 Dollar (rund 9500 Euro), wie ein Sprecher der Nepal Mountaineering Association sagt. Nach Angaben des Tourismusministeriums in Kathmandu wird bei der Ausstellung von Genehmigungen für zahlende Bergsteiger, die von Sherpas begleitet werden, überprüft, dass die Minimalanforderungen auch umgesetzt werden. Das bestätigten mehrere Sherpas der dpa. Sie sagten, dass die Arbeitskonditionen je nach Expeditionsfirma, ihrer Erfahrung, ihrer Aufgabe, dem Berg und anderen Faktoren teils besser seien.

Teilweise werden Hungerlöhne gezahlt

Trotzdem: Sowohl in Nepal als auch in Pakistan kämpfen Sherpas oft mit niedrigen Löhnen und unzureichender Ausrüstung - auch wenn der Bergtourismus den Lebensunterhalt vieler Familien vor Ort sichert. »Selbst die internationalen Bergsteiger, die Hunderttausende von Dollar für ihre Ausbildung, Logistik und Klettergenehmigungen ausgeben, machen sich keine Gedanken über die Sicherheit derjenigen, die ihr Gepäck tragen«, sagt Karim. Sadpari etwa bekommt nach eigenen Angaben umgerechnet etwa bis zu 27 Euro für einen Tag auf dem Berg. In Nepal hingegen verdienen bereits ungelernte Sherpas mindestens das Dreifache, sagen örtliche Sherpas. Das Gehalt steige mit der Zeit. Allerdings können Sherpas nicht das ganze Jahr hinweg arbeiten.

Viele Sherpas fordern bessere Arbeitsbedingungen - in Nepal unter anderem eine Rente, die die meisten Nepalesen angesichts eines fehlenden Rentensystems für alle nicht haben. Die Sicherheit beim Sherpa-Job sei deutlich geringer als bei anderen Berufen, begründet der nepalesische Bergführer Kami Rita Sherpa die Forderungen. Angesichts solcher Konditionen würden viele jüngere Nepalesen Jobs im Ausland bevorzugen. Narendra Shahi Thakuri von der Nepal National Mountain Guide Association sagt, dass die derzeitigen Regeln ungenügend seien, um die Sicherheit von Sherpas zu gewährleisten. Sie hätten die Regierung deshalb aufgefordert, Anpassungen vorzunehmen.

Inzwischen gibt es in den Tourismusministerien in der pakistanischen Bergregion Gilgit-Baltistan und in Kathmandu Diskussionen über eine Verbesserung der Konditionen. Es geht etwa um bessere Bezahlungen, Versicherungsbedingungen oder bessere Ausbildungsstandards. »Was sie tun, ist einer der riskantesten Berufe der Welt, und sie bekommen fast nichts als Entschädigung«, so ein Vertreter des Tourismusdepartments in Gilgit-Baltistan.

Ob neue Bestimmungen allerdings tatsächlich kommen, bleibt unklar. Für Sadpara kämen sie ohnehin zu spät. Wie es weitergehen soll, weiß er nicht. »Ich kenne nichts anderes als das Klettern. Ich wurde inmitten hoher Berge geboren und habe nichts anderes gelernt, als sie zu besteigen«, erzählt der junge Mann. »Jetzt, im Alter von 28 Jahren, wird mir gesagt, dass ich nicht mehr das tun kann, was ich geliebt habe, und das ist schmerzhaft.«

© dpa-infocom, dpa:231024-99-679170/3