Stuttgart (dpa/lsw) - Wie lässt sich die Grausamkeit eines Krieges einfangen? Wie passt ein Schlachtfeld mit Hunderten Verletzten auf ein Bild, ohne dass die Details verloren gehen? Die Künstler mussten während des Ersten Weltkriegs nach neuen Konzepten suchen. Im industrialisierten Krieg mit neuen chemischen Waffen hatte das alles umspannende Kriegsgemälde ausgedient, berichtet Sven Beckstette, Kurator der Ausstellung »100 Jahre Erster Weltkrieg« im Kunstmuseum Stuttgart.
Die Zahl der Toten auf dem Feld war zu groß, als dass ein monumentaler Überblick es noch richtig hätte erfassen können. An seine Stellen traten Momentaufnahmen des grotesk Grausamen. Ein Meister dieser Szenenkunst war Otto Dix. Sein Mappenwerk »Der Krieg« mit 50 Radierungen zählt heute zu den wichtigen künstlerischen Zeugnissen der Zeit.
Was der bei Gera geborene Künstler (1891-1969) schuf, hat rund 100 Jahre später nichts von seiner Eindringlichkeit verloren. Entstellte Gesichter, freiliegende Schädel, abgetrennte Körperteile und Meere von Leichen finden sich auf seinen Bildern. Auch Tierkadaver und skurril verzerrte Prostituierte sind Teil des Zyklus' von 1924. Die Darstellungen tragen ihm bei den Nazis den Stempel »entartet« ein.
Das Stuttgarter Kunstmuseum hat die Sammlung mit der Nummer 55 von 70 im Jahr 1982 erworben. Sie ist noch bis zum 27. April im Museum zu sehen. Die Radierungen in Aquatinta- und Kaltnadeltechnik zeigen eine große Stilvielfalt. Mal filigran, mal fast schon holzschnitzartig reflektiert der Künstler, was kaum darstellbar ist und nicht vergessen werden soll. Nach neuen Erkenntnissen kam der Anstoß zur Mappe vom Kunsthistoriker Wilhelm Waetzoldt, berichtet Beckstette. Er regte ein Propagandawerk gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets an, doch Dix hatte da seine eigenen Ideen.
Dix gehört zu den wenigen Künstlern, die den Ersten Weltkrieg fast vollständig an der Front erlebten. Im September 1915 meldet er sich freiwillig und nimmt bis zum Kriegsende an zahlreichen Schlachten an der Ost- und Westfront teil. Noch bis ins hohe Alter sollten ihn die traumatisierenden Erlebnisse in Alpträumen heimsuchen. Im Schützengraben selbst verarbeitet er sie zu insgesamt knapp 500 Zeichnungen, von denen einige später als Vorlagen für die Radierungen dienen. Ein Künstlerkollege sagte dazu: »Mir scheint es kaum begreiflich, dass man so viel im Graben fertig bringen konnte.«
Auch elf dieser Originalzeichnungen sind in Stuttgart zu sehen. Sie zeigen überwiegend zerstörte Gebäude. Dix schreibt 1916 auf einer Feldpostkarte aus Aubérive: »Häuser sind das nicht mehr, niemand glaubt das im Ernst. (...) Es sind lauter Löcher mit Steinen herum, oder lauter Skelette. Es ist eine eigenartige seltene Schönheit, die hier redet.« Seine Kriegszeichnungen sind nur anfangs noch nah am Realismus. Ab 1917 tragen sie expressive und futuristische Züge, bis sich die Motive gegen Ende des Krieges in abstrakte Endzeit- und Todesvisionen auflösen.
So fangen die Werke ein, was Fotos zum Teil nicht abbilden können oder sollen: »Die Fotografie wurde damals oft für Propagandazwecke genutzt«, sagt Beckstette. Die Künstler verbinden Darstellung mit Emotion, Tatsachen mit Gänsehaut. Dix deswegen als Antikriegskünstler einzuordnen, sei jedoch schwierig, macht der Experte deutlich. »Die Kriegserfahrung war es, die Dix interessiert hat. Er zeichnete, um Gesehenes zu verarbeiten und brachte die Extreme zu Papier.« Der Künstler selbst hat das in folgende Worte gefasst: »Der Krieg war eine scheußliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges. Das durfte ich auf keinen Fall versäumen.«

