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Aktuell Hundeserie

Reichshund zerriss Botschafterhose

Aus Bayern bekam Kanzler Otto von Bismarck eine Dogge, die einen diplomatischen Zwischenfall verursachte

Reichshund-Gedicht im Kladderadatsch.  FOTO: UNI HEIDELBERG
Reichshund-Gedicht im Kladderadatsch. FOTO: UNI HEIDELBERG
Reichshund-Gedicht im Kladderadatsch. FOTO: UNI HEIDELBERG

BERLIN. Der »Reichshund« war eine Dogge, die Reichskanzler Otto von Bismarck 1874 nach einem Attentat im bayrischen Bad Kissingen von Maximilian von Holnstein, dem Oberstallmeister des bayrischen Märchenkönigs Ludwig II, zu seinem Schutz geschenkt wurde. Diesem »Reichshund« wurden mehrere Gedichte gewidmet und er ist mit seinem Herrchen auf mehreren Statuen dargestellt. 

Bismarck mit den Reichshunden Tyras II und  Rebecka.  FOTO: BISMARCK-STIFTUNG
Bismarck mit den Reichshunden Tyras II und Rebecka. FOTO: BISMARCK-STIFTUNG
Bismarck mit den Reichshunden Tyras II und Rebecka. FOTO: BISMARCK-STIFTUNG

- Gab es mehrere Reichshunde?

Bismarck besaß nacheinander mehrere Doggen, die als »Reichshunde« bekannt wurden. 1874 schenkte ihm Graf Holnstein »Sultan«, der 1877 starb. Den Bayern war es peinlich, dass auf Bismarck bei einem Kuraufenthalt in Bad Kissingen von einem katholischen Attentäter geschossen worden war. Der Schütze traf Bismack, der in einer Kutsche saß, allerdings nicht. Hintergrund des Attentats war Bismarcks Kulturkampf gegen die katholische Kirche. Auch, dass im Krieg von 1866 eine blutige Schlacht zwischen Bayern und Preußen in Bad Kissingen tobte, mag eine Rolle gespielt haben. »Sultan« wurde in »Sultl« umbenannt, um die Diplomaten des Osmanischen Reiches nicht zu verstimmen. 1877 starb »Sultan«, worauf ihm Holnstein einen weiteren Hund schenkte, mit dem Namen Tyras I. Tyras I starb 1889. Tyras II. war ein Geburtstagsgeschenk Kaiser Wilhelms II. Bismarck hatte da aber schon eine eigene Nachzucht. Diesen Welpen schenkte er seinem Oberförster.

- Wer war der Züchter des Reichshundes?

Max von Holnstein war ein Berater des Bayernkönigs Ludwig II. Er gilt als eigentlicher Autor des Kaiserbriefs, in dem Ludwig II. dem preußischen König Wilhelm I. am 30. November 1870 die Kaiserkrone anträgt. Im Vorfeld verhandelte Holnstein mit Bismarck. Der durch den Bau seiner Schlösser Neuschwanstein und Herrenchiemsee verschuldete Ludwig II. erhielt nach heutigem Wert etwa zwei Millionen Euro jährlich. Holnstein fiel später in Ungnade, weil er dem König kein weiteres Geld beschaffen konnte. Er war 1886 maßgeblich an der Entmündigung Ludwigs II. beteiligt.

- Wodurch wurde der Reichshund bekannt?

Der Begriff »Reichshund« wurde während des Berliner Kongresses 1878 ge- prägt und später für die ganze Hunde rasse verwendet. Tyras I. begleitete Bismarck als zwischen den europäischen Großmächten Großbritannien, Frankreich, Russland, Österreich-Ungern und dem Deutschen und dem Osmanischen Reich über die Zukunft des Balkans verhandelt wurde. Dabei ging Tyras auf den russischen Botschafter Alexander Michailowitsch Gortschakow los und zerfetzte diesem die Hose. Der Vorfall wurde in der Presse mehrfach aufgegriffen. So dichtete das Satiremagazin »Kladderadatsch« in seinem Gedicht »An den Reichshund« die Verse »Aedler Sultan, Hund der Hunde/ Von dem das Wochenblättlein spricht/ Im kleinsten Nest der Erdenrunde/O Sultan, du gefällst mir nicht!/Man weiß, wie beim Congreß dolose/ getrieben du dein schlimmes Spiel/Und wie dir Rußlands Galahose/Die stattliche, zum Opfer fiel/ Vor Knickebeinen, die zum Gehen/ Zu schwach sind, wichst du nicht zurück/O Sultan, du mußt selbst gestehen/Fürwahr, das war kein Heldenstück.« Offenbar waren die Redakteure der Meinung, bei Bismarcks Hund handele es sich um den ein Jahr zuvor verstorbenen Vorgänger Sultan. 

Bismarck im Grunewald.  FOTO: MARUSZAT
Bismarck im Grunewald. FOTO: MARUSZAT
Bismarck im Grunewald. FOTO: MARUSZAT

- Gab es weitere Gedichte auf den Reichshund?

1886 dichtete der sozialdemokratische Schriftsteller Karl Friedrich Henkell: »Der Kaiser ist heiser, der Reichshund bellt/Bald gerät aus den Fugen die ganze Welt«. Seine Gedichtbände wurden im Schweizer Exil publiziert. Heinrich Mann karikierte mit dem Reichshund in seinem Roman »Der Untertan«, erstmals erschienen 1918, die Treue zur Obrigkeit. »Untertan« Heßling, selber Besitzer eines Dackels nach dem Vorbild seines Kaisers, wird beim Regierungspräsidenten von Wulckow vorstellig, aber nicht gleich vorgelassen. Während er wartet, kommt die präsidiale Dogge Schnaps, kratzt an der Tür zum Arbeitszimmer, wird hereingerufen und klinkt die Türe auf. Heßling folgt dem Hund. Der Regierungspräsident quittiert, ohne von seinem Schreibtisch aufzublicken, Heßlings Ansprache mit »Nanu, quatschst du auch schon, Schnaps?« und beachtet den Besucher nicht weiter.

- Warum wurde Bismarck so oft auf Statuen mit Hund dargestellt? 

Bereits seit dem Mittelalter wurden Fürsten mit Hunden als Zeichen von Treue und Stärke dargestellt. So ruht etwa zu den Füßen der Tübinger Universitätsgründerin Mechthild von der Pfalz auf ihrem Grabmal in der Tübinger Stiftskirche ein Hund. Bismarck ist auf Postkarten mit seinem Hund als »Wacht am Rhein« dargestellt. Der Reichshund symbolisierte im Kaiserreich militärische Stärke und militärischen Gehorsam. Denkmäler von Bismark mit Reichshund gab es in Leipzig, auf der Rudelsburg und in Berlin.

- Welchen Hund hatte der Kaiser?

Kaiser Wilhelm II. bevorzugte Dackel. Auf der Roseninsel im Höhenpark Wilhelmshöhe in Kassel liegt einer seiner Dackel begraben. Der Grabstein trägt die Inschrift »Meinem geliebten Dachshund Erdmann«. (GEA) 

SO GEHT’S WEITER

In der nächsten Folge unserer Serie geht es um König Wilhelm von Württemberg, der seine Hunde mit der Gabel fütterte. Der Artikel erscheint am Donnerstag, 25. Oktober. (GEA)