LONDON. Im letzten Jahr wäre es beinahe um sie geschehen gewesen. Prinzessin Anne, das zweitälteste Kind der verstorbenen Queen und Schwester von König Charles III., erlitt auf ihrem Landsitz Gatcombe Park einen mysteriösen Unfall. Sie selbst kann sich nicht erinnern, was passiert ist, man vermutet, dass sie ein Pferd am Kopf getroffen hatte. Jedenfalls wurde die Prinzessin mit einer schweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert und musste dort fünf Tage bleiben. Dennoch will Anne nicht zurückstecken und womöglich weniger arbeiten.
Seit dem Unfall, sagt sie, »ist jeder Tag ein Bonus«. An diesem Freitag feiert Prinzessin Anne ihren 75. Geburtstag und sie hat vor, ihren royalen Pflichten nachzukommen solange es geht. Große öffentliche Veranstaltungen zur Feier ihres Geburtstages wird es nicht geben. Aber das kümmert Anne nicht, sie hat nie viel auf Brimborium um ihre Person gegeben.
»Wenn es nicht Heu frisst oder furzt,ist sie nicht interessiert.«
»Wenn es nicht Heu frisst oder furzt«, hatte ihr Vater einmal über sie gesagt, »ist sie nicht interessiert.« Das respektlose Bonmot von Prinz Philip über seine pferdenärrische Tochter verrät die unkomplizierte Natur der Prinzessin. Anne Elizabeth Alice Louise Windsor war schon immer das bodenständigste Kind der Queen. Und Pferde sind ihre große Leidenschaft. Alle Windsors lieben das Reiten, aber Anne ist da in einer Klasse für sich. Sie war Schülerin der Spanischen Hofreitschule in Wien. Mit 21 Jahren gewann sie die Goldmedaille bei der Europameisterschaft im Vielseitigkeitsreiten und vier Jahre später nochmals eine Silbermedaille. Sie nahm für ihr Land an den Olympischen Spielen 1976 in Montreal teil und war von 1986 bis 1994 Präsidentin der Dachorganisation des internationalen Pferdesports.
Durch die Liebe zum Reitsport lernte sie auch ihren ersten Ehemann kennen. Mark Phillips war Leutnant in der Ersten Dragonergarde der Queen, als er Anne 1968 auf einer Party traf. Bis zur Verlobung und Heirat gingen noch einmal fünf Jahre ins Land, aber ihre Hochzeit am 14. November 1973 war die erste in einer Reihe von sogenannten Märchenhochzeiten, die global für Interesse sorgten. Es war die erste Hochzeit der Windsors, die vom Farbfernsehen übertragen und von rund 500 Millionen Menschen weltweit verfolgt wurde. Beide Eheleute wurden Mitglieder des britischen Olympischen Teams, aber bald ritten sie in verschiedene Richtungen. Vom Hindernisspringen zum Seitensprung war es nicht weit. 1989 trennten sie sich, 1992 kam die Scheidung, und Anne heiratete Monate später Timothy Laurence, ebenfalls Reiter. Es wurde im Kontrast zu ersten eine ganz intime Hochzeit, vor rund 30 Gästen.
Anne ist eines der wenigen Mitglieder der Königlichen Familie, das beweisen konnte, dass royal auch ohne Skandal geht. Doch ein paar Fehltritte hat sie sich auch geleistet. Das reicht von Geschwindigkeitsübertretungen – gleich mehrmals wurde ihr der Führerschein wegen Raserei eingezogen – bis hin zu einer strafrechtlichen Verurteilung, nachdem ihr Bullterier zwei Kinder gebissen hatte. Damit wurde sie zum ersten Royal mit Vorstrafe. Wie kaltschnäuzig sie sein kann, illustriert eine Episode als sie gerade einmal 24 Jahre alt war. Auf der Heimfahrt zum Palast wurde ihre Limousine von Ian Ball gestoppt, der zu schießen begann. Nachdem Ball Leibwächter, Fahrer und einen anwesenden Journalist angeschossen hatte, ging er zur Limousine, erklärte, dass er Anne entführen wolle, um Lösegeld zu erpressen, und forderte sie auf auszusteigen. »Verdammt unwahrscheinlich«, zischte die Prinzessin und entwischte auf der anderen Seite des Wagens.
Auch als 75-Jährige will die Prinzessin sich nicht aufs Altenteil zurückziehen. Sie ist eines der fleißigsten Mitglieder des Königshauses und Schirmherrin von mehr als 200 Wohltätigkeitsorganisationen. Niemand im Hause Windsor absolviert mehr offizielle Termine und Repräsentationsaufgaben, im letzten Jahr waren es 474 Engagements. Wenn sie von ihrem Vater Philip die brüske Art und gelegentlich derbe Wortwahl gelernt hat, so erbte sie von ihrer Mutter Queen Elizabeth II. den Fleiß, die Disziplin und das Pflichtgefühl im Dienst der Monarchie. Nach den Querelen um die jüngeren Royals und dem Exit von Prinz Harry und seiner Frau bietet das Beispiel von Prinzessin Anne ein zwar wenig glamouröses, aber dafür grundsolides Rollenmodell, das zweifellos die Monarchie stützt. (GEA)

