MERAN. Touristen und Meran – das scheint heute eine fast schon Gott gegebene Einheit zu sein. Ob bummeln durch die Laubengassen, baden in der modernen Therme an der Passer, übernachten in edlen Jugendstilhotels wie dem Adria im Villenviertel von Obermais, lustwandeln durch die wunderbaren Gärten von Schloss Trautmannsdorf oder wandern auf einem der zahlreichen Waalwege: die jährlich fast neun Millionen Gäste können hier aus dem Vollen schöpfen.
Das war nicht immer so. Die Schäden der napoleonischen Kriege, eine Serie von Missernten und zwei Hochwasser gaben Meran einst den Rest. Der Niedergang hatte sogar schon viel früher eingesetzt. Bis ins 15. Jahrhundert war Meran Landeshauptstadt. Dann aber ging diese Würde auf Innsbruck über. Meran verfiel in die Bedeutungslosigkeit, in einen fast vier Jahrhunderte dauernden Dornröschenschlaf. Es gibt zwar Weinanbau, Landwirtschaft und eine schöne Landschaft, Meran jedoch ist ein armes, verschuldetes Landstädtchen.
Erst der weltoffene Bürgermeister Josef Valentin Haller, von 1823 bis 1861 im Amt, erkannte, dass der Tourismus eine Chance war, um der verarmten Meraner Bevölkerung zu Wohlstand zu verhelfen. Ein Glücksfall für ihn und den Tourismus in Meran war der Aufenthalt von Fürstin Mathilde von Schwarzenberg, begleitet von ihrem Leibarzt Johann Nepomuk Huber im Jahr 1836. In diesem Jahr brach von Spanien ausgehend die Cholera über Mitteleuropa herein. Auch in Bozen und Meran starben Hunderte von Menschen.
Doktor Huber kümmerte sich um die Cholerakranken. Und er notierte minutiös alle seine Beobachtungen und Erkenntnisse zu Wetter, Temperatur, Wasserquellen, Nahrungsmitteln und Krankheiten der einheimischen Bevölkerung. Das Buch trug den sperrigen Titel »Über die Stadt Meran nebst Bemerkungen über Milch-, Molken- und Traubenkur und nahe Mineralwasserquellen«. Es ist der schriftliche Gründungsakt, die »magna charta« für den Meraner Tourismus, so heißt es in einer Festschrift zum einhundertjährigen Bestehen des Kurhauses im Jahr 2014.
Zumal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Kuren in Europa populär wurden. Doch die wegen ihrer heilenden Quellen bekannt gewordenen böhmischen Kurorte Marienbad, Karlsbad und Franzensbad hatten nur Sommerbetrieb. Sie suchten einen Nachkurort für den Winter. Dafür bot sich nun Meran an. Das südliche Klima konnte man dort bestens genießen. Die Südtiroler Historikerin Renata Abram schrieb einst: »Nicht die deutsche Sprache war das Interessante, sondern dass es da Kachelöfen und Doppelfenster in den Zimmern gab, was weiter im Süden nicht mehr der Fall war, so dass man also im Falle eines Kälteeinbruchs so leben konnte, wie man es nördlich der Alpen gewohnt war.«
Meran wurde vom österreichisch-ungarischen Kaisertum zum »Südbalkon der Donaumonarchie« geadelt, in der 1840 bereits mit der Kaltwasseranstalt von Dr. Mazegger die erste Kureinrichtung der Stadt entstand. Und die Kurpolizei achtete penibel darauf, dass die Damen ihre Schleppen nicht auf dem Boden nachschleiften. Der aufgewirbelte Staub wäre Gift gewesen für die Lungen- und Atemwegserkrankten. Auch der Bau der Eisenbahn bringt den Fortschritt. Ab 1858 gab es die Eisenbahn von München nach Innsbruck und jene von Verona nach Bozen. 1867 folgt die Brennerbahn und 1881 jene von Bozen nach Meran.
Ein weiterer Glücksfall für Meran war, dass nach der Fürstin Schwarzenberg auch die Kaiserin Elisabeth zu Besuch kommt. Sie reist wegen ihrer jüngsten Tochter Marie Valerie an, die oft krank ist. Denn auch die Herrscherfamilie in Wien hatte vom guten Heilklima in Meran gehört und erhoffte sich Besserung für Sissis letztgeborenes Kind, das sehr schwach auf die Welt kam. »Da stand dann jeden Tag in der Meraner Zeitung, wie es dem Kind geht«, berichtet Karin Maringgele vom Landesmuseum Touriseum. Als es am Ende der Kur hieß, jetzt kann sie schon zwei, drei Stunden wandern, war das beste Werbung für Meran.
Die Kaiserin liebte eh ausgedehnte Spaziergänge. Auf dem gut ausgeschilderten Sissiweg kann man heute vorbei an herrschaftlichen Villen und alten Parkanlagen auf ihren Spuren bis hinauf zu Schloss Trautmannsdorf gehen. Eine Station entlang des Sissiwegs ist auch das Hotel Adria. Dort kehrte die Kaiserin einst mit ihrer Hofdame zum Tee ein. Das denkmalgeschützte Jugendstiljuwel hat noch viel mehr zu berichten. 1886 als Hotel Austria eröffnet, etablierte es sich rasch als elegante Adresse in Obermais. Schon damals lockten mondäne Salons, eine Zentralheizung oder gar ein Aufzug die adligen Gäste und Künstler an. Direktor Florian Ellmenreich: »Ein Aufzug galt damals noch als Sensation.«
Doch das Gebäude blickt nicht nur auf goldene Zeiten zurück: Schon der Erste Weltkrieg bedeutete eine Zäsur. Die Wissenschaftlerin Maringgele vom Touriseum sagt: »Die Glitzerwelt des Belle Epoques versinkt in den Kriegswirren.« Und Südtirol fällt nach dem Kriegsende an Italien. Die Faschisten sorgen dafür, dass deutsch-österreichische Namen getilgt werden. Aus dem Hotel Austria wird das Hotel Adria, aus dem Habsburger Hof wird das Bellevue, und aus der Magdeburger Hütte wird das Rifugio Dante. Auch im Zweiten Weltkrieg werden die Hotels dann wieder als Lazarett genutzt. Verwundete Soldaten finden hier Genesung, Zimmer verwandeln sich in OP-Säle.
Nach den Weltkriegen kommt Meran stärker als je zuvor zurück. Zumal es dank der Lazarette kaum zerstört wurde. Eines der symbolträchtigsten Gebäude ist heute das Kurhaus. Nachdem der noch im 19. Jahrhundert gebaute alte Kursaal dem stetig wachsenden Tourismus nicht mehr gewachsen war, wurde 1914 nach den Plänen des aus Galizien stammenden Architekten Friedrich Ohmann ein neues Kurhaus gebaut.
Fast zeitgleich entstanden zahlreiche moderne und elegante Hotels. »Heute ist das Publikum sehr international«, sagt Adria-Direktor Ellmenreich. Er beherbergt etwa gleich viel deutsche wie italienische Gäste, aber auch viele Engländer finden zu ihm. Und Meran hat die Vision des früheren Bürgermeisters Haller längst umgesetzt. Der hatte sich nämlich einst zum Ziel gesetzt, den Wandel »von der Kuhstadt zur Kurstadt« einzuläuten. (GEA)





