Seit 1967 hat Geurten für diesen Traum gekämpft, und jetzt ist er am Ziel: Im nächsten Frühling werden sich in Meßkirch (Kreis Sigmaringen) die ersten Handwerker an die Arbeit machen. Der Gemeinderat hat am Dienstagabend als letztes Gremium grünes Licht dafür gegeben. Wenn alles gut geht, ist die Stadt 2055 fertig. »Als die Entscheidung da war, ist mir ein Schauer über den Rücken gelaufen«, erzählt der 62-jährige Geurten.
Angefangen hatte alles 1967: In einer Ausstellung in Aachen sah der gelernte Journalist das Modell eines mittelalterlichen Klosters. Wissenschaftler aus den USA hatten die Anlage im kleinen Maßstab nach Plänen erstellt, die zwischen 819 und 826 auf der Bodensee-Insel Reichenau gezeichnet worden waren. Gebaut wurde das Kloster nie, aber die Pläne gibt es noch. Geurtens Fantasie war entfesselt: Er wollte dieses Kloster bauen - nicht als Modell, sondern in Originalgröße auf zwölf Hektar Fläche.
Doch es dauerte Jahrzehnte, bis der energiegeladene Mittelalter-Fan die Zeit hatte, sein Projekt wirklich mit Nachdruck voranzutreiben. Vor fast genau einem Jahr wurde er nach Gesprächen mit mehreren anderen Städten schließlich in Meßkirch vorstellig. »Wenn man das zum ersten Mal hört, denkt man: Das ist völlig durchgeknallt, das geht ja gar nicht. Aber wenn man sich länger damit beschäftigt, erkennt man den Charme daran«, erinnert sich Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick (CDU).
Während es Geurten vor allem um die kulturhistorische Bedeutung der karolingischen Klosterstadt geht, denken viele Kommunalpolitik im strukturschwachen Meßkirch vor allem an die Touristen, die die Baustelle anlocken soll. Einem Gutachten zufolge könnten jedes Jahr mindestens 180 000 Besucher kommen, um die Bauarbeiten anzuschauen. Für den bislang eher mäßigen Fremdenverkehr in Meßkirch wäre das ein gewaltiger Schub.
Am 2. April 2012 sollen die Arbeiten auf der Mittelalter-Baustelle, die die Stadt zur Verfügung stellt, beginnen. Die ersten Ochsen werden schon den Winter in Meßkirch verbringen, zahlreiche Handwerker haben schon ihre Bewerbung eingereicht. Steinmetze müssen in mühevoller Handarbeit in einem nahe gelegenen Steinbruch Baumaterial herstellen, Zimmerleute müssen ohne Maschinen Bretter und Balken sägen, Metzger sollen ganze Schweine über dem Feuer garen, Brauer mittelalterlichen Bier herstellen.
Mit 15 Arbeitern will Geurten starten. Sie sollen am Anfang vor allem kleine Fachwerkhäuser bauen, in denen sie anschließend arbeiten können. In einigen Jahren werden den Plänen zufolge dann 70 bis 80 Menschen auf der Baustelle arbeiten. Als Anschubfinanzierung zahlen Stadt, Land und Europäische Union mehr als 700 000 Euro.
Die Behörden stehen allerdings noch vor ganz ungewohnten Problemen. Denn wie erteilt man eine Baugenehmigung für eine Kathedrale aus dem Mittelalter? »Das wird kein normaler Bauantrag«, sagt Zwick. »Nicht alles, was damals gebaut wurde, ist immer stehen geblieben. Man hat früher häufig nach dem Prinzip 'Versuch und Irrtum' gebaut - das wollen wir natürlich vermeiden.«
Bis die Klosterstadt mit all ihren Gebäuden und vor allem der Kathedrale steht, werden mindestens 40 Jahre vergehen. Geurten wäre dann weit über 100 Jahre alt. »Aber da bin ich ein Mensch des Mittelalters«, sagt der 62-Jährige. »Wer damals begonnen hat, eine Kathedrale zu bauen, wusste nie, ob er sie je selbst in ihrem vollendeten Zustand sehen wird.«
