MÜNCHEN. Ein Sommertag, 34 Grad, die Stadt kocht. In Büros drehen sich Ventilatoren, Passanten setzen auf Erfrischung durch eine Portion Stracciatella-Eis, Kinder springen vom Dreimeterbrett ins Freibadbecken. Aber was ist mit jenen Menschen, die sich mit ihrem Rollator nur schleppend über einen sonnenbeschienenen Marktplatz bewegen können? In deren Dachwohnung sich die Gluthitze staut, weil Rheumaschmerzen schon das Schließen von Jalousien unmöglich machen? Die vergessen, über den Tag hinweg genügend zu trinken? Ältere Menschen schlauchen hohe Temperaturen besonders. Auch für Kommunen wird Hitzeschutz für Senioren deshalb immer wichtiger.
»Ältere und Menschen mit Pflegebedarf sind eine Hochrisikogruppe für hitzebedingte Gesundheitsprobleme«, sagt die Gerontologin Elisabeth Feustel. Das hat mehrere Gründe. Feustel zufolge können Ältere beispielsweise weniger beweglich und weniger mobil sein, die meisten haben ein verringertes Durstgefühl. Viele ältere Menschen lebten zudem allein oder sozial isoliert, sodass niemand mitbekomme, wenn es ihnen schlecht gehe. Auch litten Ältere oft an chronischen Erkrankungen und müssten teils mehrere Medikamente einnahmen – und die Medikation bei großer Hitze ärztlich abklären lassen. Und manche würden etwa wegen einer Migrationsbiografie und sprachlicher Schwierigkeiten gar nicht von unterstützenden Angeboten erreicht. »Für diese Gruppen gibt es während Hitzeperioden ein erhöhtes Sterberisiko«, sagt Feustel.
»Für Altere und Menschen mit Pflegebedarf gibt es während Hitzeperioden ein erhöhtes Sterberisiko«
Die Hitzebelastung in Deutschland nimmt zu. Hitzewellen, heiße Tage und tropische Nächte werden häufiger. Stadtbewohner kann das laut Feustel noch ärger treffen als Menschen auf dem Land: Eng bebaute Flächen heizen sich tagsüber auf und geben die Wärme nachts ab, nächtliche Temperaturen können in Städten bis zu 10 Grad höher sein als im ländlichen Raum. Das betrifft auch Altenheime oder Pflegeeinrichtungen, die sich in Zentren befinden.
Kommunen entwickeln Strategien, um sich für den Klimawandel zu rüsten. Dazu gehören unter anderem eine angepasste Bebauung und mehr Grünflächen sowie Hitzeaktionspläne für das Sozialleben in Städten. Das vom Gesundheitsministerium geförderte Portal »Hitzeservice« listet eine ganze Reihe von Maßnahmen für Kommunen und ihre Akteure in Sportvereinen und Kindertagesstätten, für Gewerbebetriebe und Arbeitgeber.
Beim Hitzeschutz speziell für Senioren kommt es Elisabeth Feustel zufolge darauf an zu informieren – und dass die Informationen ankommen. So müssten Kommunen darauf achten, dass Ältere andere Medien nutzten als jüngere Menschen. Kommunen könnten Veranstaltungen anbieten, präventive Hausbesuche organisieren, ein Hitzetelefon einrichten, dessen Nummer Bürger wählen können, wenn sie Fragen zu Hitzeepisoden haben. Zudem könnten sie mit bestehenden Pflegeeinrichtungen und Seniorenvertretungen kooperieren und Schulungen anbieten für Pflegekräfte und pflegende Angehörige.
Feustel arbeitet im Gesundheitsreferat der Stadt München. Wie andere Städte hat auch die bayerische Landeshauptstadt eine »Karte kühler Orte« erstellt. In diesem Stadtplan sind Stellen eingetragen, an denen Menschen bei brütender Hitze ausruhen können. Kirchen spielen eine wichtige Rolle: weil sie frei zugänglich sind und dort kein Verzehrzwang herrscht.
Auch die Stadt Stuttgart hat eine digitale Karte mit Rückzugsorten wie schattigen Grünflächen und öffentlichen Gebäuden mit angenehmer Temperatur erstellt. Darauf sind zudem öffentliche Trink- und Mineralbrunnen verzeichnet. Davon hat Stuttgart 127 und damit nach eigenen Angaben das dichteste Netz in Deutschland. Unter anderem arbeitet die Stadt auch mit Vertretern aus der Altenhilfe zusammen, um Schutzbedürftige über den geeigneten Umgang mit Hitze zu informieren.
»Alle denken immer erst daran, wenn es heiß ist«
Denn vor allem geht es darum, Aufmerksamkeit für das Thema Hitzeschutz zu schaffen – nicht nur im Juli und August. »Alle denken immer erst daran, wenn es heiß ist«, sagt Feustels Kollegin Bernadette Hülsmann aus München. Mit dem Konzept »München – Gesund vor Ort« besucht sie Münchner Stadtteile, um dort wohnortnahe Gesundheitsangebote zu entwickeln.
Im Stadtteil Moosach beispielsweise gab es 2024 Vorträge, Plakate und Broschüren zum Thema Hitze sowie Bewegungsangebote an schattigen Plätzen, die Senioren fit halten sollen. Dieses Jahr sollen dort unter anderem lokale Fachkräfte zu »Hitzehelfern« ausgebildet und Veranstalter darüber informiert werden, was sie bei der Planung eines Sommerfestes beachten müssen.
Die Stadt Köln hat bereits vor einigen Jahren einen »Hitzeaktionsplan für Menschen im Alter« erstellt, ebenso entstand 2022 das »Aktionsbündnis Hitzeschutz Berlin«, auch die Stadt Mannheim hat Menschen über 65 und Pflegebedürftige in ihrem Hitzeaktionsplan von 2021 als Risikogruppen ausgemacht. Problem: Nicht alle Menschen aus dieser Risikogruppe verstehen sich selbst als hilflos, manche unterschätzen die eigene Gefährdung durch Hitze, wie sein Sprecher der Stadt mitteilt. Es sei wichtig, Bürgern diese Kategorisierung nicht aufzulegen, aber auch unabdingbar, Sensibilisierungsarbeit zu leisten.
Mannheim setzt dabei auf Menschen, die mit Senioren etwa über Einrichtungen, Apotheken und Vereine in Kontakt sind und sie über Hitzeschutz informieren. Neben Vorträgen, einer Broschüre und dem Ausbau der städtischen Trinkbrunnen kooperiert die Stadt auch mit der Universität Heidelberg: Das Forschungsprojekt »Silverways« soll einen Routenplaner für hitzevermeidende und seniorenfreundliche Wegstrecken durch die Stadt entwickeln. (GEA)
Kommunen arbeiten an Hitzeaktionsplänen
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Stuttgart haben zwölf Kommunen in Baden-Württemberg bereits Hitzeaktionspläne erstellt, weitere zehn Kreise und 29 Gemeinden planen es. Das Hitzeschutzbündnis Tübingen gibt es seit 2023, die Stadtverwaltung kooperiert mit dem Bündnis. Die Stadt Reutlingen hat Tipps zusammengetragen, auf die Senioren bei hohen Temperaturen achten sollen: »Sommerhitze - heiße Tage gesund meistern« heißt die Broschüre. Darin heißt es zum Beispiel: »Ich schalte elektrische Geräte aus, die ich nicht benötige. Sie strahlen Wärme ab«, »Ich hänge feuchte Tücher über meinen Wäscheständer. Damit kühle ich den Raum« oder »Ich esse leichtes, gesundes Essen wie Gemüse, Salate, Obst und Milchprodukte«. Außerdem gibt es ein Verzeichnis für Trinkbrunnen in der Stadt. Mehr unter https://www.reutlingen.de/Hitze-und-Trockenheit. Am Mittwoch, 4. Juni, findet der dritte bundesweite Hitzeaktionstag statt. Dazu gibt es in mehreren Städten Veranstaltungen. In Tübinger Landratsamts (Wilhelm-Keil-Straße 50) beantworten Mitarbeiter von 9 bis 13 Uhr Fragen rund um das Thema Hitzeschutz und verteilen Informationsmaterial.

