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Gesundheitswesen will auch bei Ärzten für Organspende werben

Baden-Württemberger sind Organspende-Muffel. In keinem anderen Bundesland werden nach dem Tod so wenige Organe entnommen wie im Ländle. Fachleute wollen nun verstärkt bei Patienten und auch bei Ärzten für das Thema werben.

Organspende
Organspende. Foto: dpa
Organspende.
Foto: dpa
Stuttgart (dpa/lsw) - Nach dem Skandal um Organtransplantationen in mehreren Krankenhäusern kämpfen Politik und Gesundheitswesen auch im Südwesten um das Vertrauen der Menschen in das System. Zwar hat der Rückgang bei den Organspenden zum Jahresende Baden-Württemberg weniger stark erwischt als andere Bundesländer. Allerdings ist der Südwesten auch schon seit Jahren bundesweites Schlusslicht. »Wir wollen die Menschen aufklären und informieren«, sagte die Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Baden-Württemberg, Christina Schleicher, der Nachrichtenagentur dpa. Aber auch bei den Ärzten selbst müsse das Thema Organspende noch stärker ins Bewusstsein gebracht werden.

»Der Skandal macht es vielen, die sich ohnehin ungern mit dem Thema Tod beschäftigen wollen, einfacher, sich zurückzuziehen«, sagte Schleicher. Die Leidtragenden seien die Patienten, die länger auf ein lebenswichtiges Spenderorgan warten müssten - und im schlimmsten Fall sterben, bevor dieses zur Verfügung steht.

Der Skandal um Manipulationen unter anderem in Transplantationszentren in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig hatte die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende Ende 2012 schlagartig zurückgehen lassen. In Baden-Württemberg, wo es an keiner Klinik einen Manipulationsverdacht gibt, war der Rückgang zwar deutlich schwächer. Der Südwesten steht jedoch seit Jahren ganz unten in der Statistik. Auf eine Million Einwohner kamen im vergangenen Jahr 11,0 Organspender, bundesweit waren es 12,8.

Die Gründe dafür seien schwer zu ermitteln, sagte Schleicher. 2006 sei Baden-Württemberg noch im Bundesschnitt gewesen - seitdem habe der Südwesten den Anschluss verloren. Doch das sei nur zum Teil auf die fehlende Bereitschaft der Menschen zurückzuführen, nach ihrem Tod Organe zu spenden.

Einen wichtigen Grund sehen Experten in den zahlreichen kleinen Krankenhäusern im Land. »In vielen Kliniken gibt es nur alle paar Jahre einen Patienten, der aus Sicht der dort behandelnden Ärzte überhaupt als Organspender infrage kommt«, sagte der Transplantationsbeauftragte der Uniklinik Tübingen, Peter Petersen. »Das ist dann eine Ausnahmesituation, die einzelne Krankenhäuser überfordern kann.«

Allerdings sei auch schon manches erreicht worden, betonte Schleicher. »Gerade die kleineren Krankenhäuser in Baden-Württemberg haben im letzten Jahr ihre Aktivität bei der Organspende deutlich steigern können.«

Generell sei es wichtig, die Ärzte auch in kleineren Kliniken für das Thema zu motivieren, betonte Petersen. »Viele kennen das Elend auf den Wartelisten in den Transplantationszentren nicht, ebenso wenig die Erfolge, die ohne Spenderorgane nicht möglich sind.«

Große Hoffnungen setzen die Experten in die Krankenkassen, die ihre Versicherten bis Ende 2013 über das Thema informieren und ihnen einen Organspendeausweis zuschicken müssen. Die Techniker Krankenkasse war die erste im Land, die im November ihre 800 000 Versicherten angeschrieben hat. 1150 Menschen hätten sich seitdem mit Fragen zur Organspende an die TK gewandt, sagte Sprecher Hubert Forster. »Beim Großteil ging es um medizinische Rückfragen. 'Bin ich nicht eigentlich schon zu alt für Organspende?' und 'Kann ich mit meinen Vorerkrankungen Organe spenden?' waren die häufigsten Fragen.« Auf jeden Fall sei bei vielen ein Denkprozess angestoßen worden.

Das Gesundheitsministerium in Stuttgart setzt nach dem Manipulationsskandal vor allem darauf, das Vertrauen der Patienten in das System zurückzugewinnen. »Das können wir einzig und allein dadurch, dass wir Transparenz herstellen und dafür sorgen, dass sich an den Kliniken keine solchen Vorfälle wiederholen«, sagte Sprecher Helmut Zorell. Im September hatte das Ministerium dazu mit den fünf Transplantationszentren im Land neue Regeln vereinbart. Unter anderem gilt jetzt bei Transplantationen ein Sechs-Augen-Prinzip.