CRANS-MONTANA/STUTTGART. Crans-Montana war ein Schock. Videos von der Silvesternacht in dem Schweizer Skiort zeigen, dass die Bar brennt. Doch die Menschen feiern und filmen – statt zu fliehen. Was geht da in den Köpfen vor? Und was ist mit ähnlichen Fällen von Handy-Missbrauch: Selfies auf Felsklippen oder Videos von Unfallopfern? Sarah Seidl, Psychologin aus Stuttgart, erklärt im GEA-Interview, warum dieses Verhalten nicht so verrückt ist, wie es scheint. Und warum viele von uns ähnlich handeln würden.
Im Schweizer Skiort Crans-Montana kam es in der Silvesternacht zu einer Brandkatastrophe. Videos in den sozialen Medien zeigen, dass in der Kellerbar »Le Constellation« die Decke brennt. Die Jugendlichen feiern und filmen – statt zu fliehen. Für außenstehende Beobachter erscheint das irrational. Wie erklären Sie dieses Verhalten?
Sarah Seidl: Die Zuschauer kennen das schreckliche Ende und sehen die Videos mit diesem zusätzlichen Wissen. Darum empfinden sie das Verhalten der Barbe-sucher als unnatürlich. Diese Sichtweise dient auch dem Selbstschutz. Die Zu-schauer denken: Mir wäre das nicht passiert. Damit geben sie die Schuld den Opfern und beruhigen sich selbst. Das ist aber falsch: Sie hätten höchstwahrscheinlich genauso reagiert.
Denn für die Barbesucher stellte sich die Situation ganz anders dar. In ihrer Lage konnten sie nicht angemessen urteilen, entscheiden und reagieren. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen: Ihnen war die Gefahr, in der sie sich befanden, nicht bewusst. Vermutlich dachten einige, dass das Feuer an der Decke zur Show mit den Wunderkerzen gehörte. Andere hielten das Feuer womöglich für lokal begrenzt. Sie konnten nicht wissen, wie schnell und wie stark der Brand sich ausbreitet. In derlei unklaren Situationen, wo die Betroffenen das Risiko nicht einschätzen können, verzögert sich die Reaktion.
Erschwerend kommen mehrere kognitive Verzerrungen hinzu. Das sind Denkmuster, die sich das Gehirn angewöhnt hat. Gleichsam Abkürzungen, um zu-rechtzukommen mit den vielen, komplexen Informationen im Alltag. Damit kann das Gehirn schnell entscheiden, was zu tun ist, anstatt jede Situation neu zu bewerten. Im Normalfall funktionieren diese Denkmuster gut, in der Ausnahmesituation versagen sie jedoch.
Welche Denkmuster sind das?
Sarah Seidl: Die eine Verzerrung, die in Crans-Montana eine Rolle spielte, ist übertriebener Optimismus. In Bezug auf die eigene Person überschätzen Menschen die Wahrscheinlichkeit von positiven Ereignissen und unterschätzen Häufigkeit und Schwere von negativen Ereignissen. Die Leute denken: Es wird schon gutgehen, mir wird schon nichts passieren. Im Normalfall gibt uns das den Mut, den Alltag anzupacken und Risiken einzugehen. In Crans-Montana jedoch führte das zum Verhängnis.
Die andere Verzerrung ist Festhalten am Status quo. Das Gehirn liebt Gewohnheiten und hasst Veränderungen. In Crans-Montana waren die Barbesucher eingestellt auf Party. An diesem Skript wollte das Gehirn festhalten. Den Wechsel zum anderen Skript – nämlich Gefahr und Flucht – schaffte es nicht schnell genug. Dafür hätte es eindeutigere Informationen und mehr Zeit gebraucht. Die Feiernden hatten aber nicht einmal eine Minute, bis der Keller in Flammen stand.
In derartig unklaren Situationen greift der Zuschauereffekt: Der Einzelne schaut, was die Gruppe macht – und macht dasselbe. Weil in Crans-Montana alle feierten statt zu fliehen, brach kaum jemand aus dem Schema aus. Bei Jugendlichen spielen auch der Wunsch nach Anerkennung und die Angst vor Blamage eine Rolle. Sie denken: Wenn ich jetzt losrenne, dann mache ich mich lächerlich. Macht ja sonst auch keiner.
Wie hätte Crans-Montana verhindert werden können?
Sarah Seidl: In Schulen finden regelmäßig Brandschutz-Übungen statt. Wenn der Alarm losgeht, dann verlassen alle Kinder geordnet das Gebäude. Diese Reaktion erfolgt automatisch, der Kopf muss nicht denken.
In Crans-Montana hätten Brandschutz-Übungen allerdings nur begrenzt geholfen. Allenfalls den Mitarbeitern, viele Gäste waren mit der Lokalität nicht vertraut. Dort darf man deshalb die Verantwortung nicht auf den Einzelnen abwälzen. Stattdessen hätte der Brandschutz durch die Barbesitzer und die lokalen Behörden gewährleistet sein müssen.
In der Gesellschaft sollte sich die Regel durchsetzen: Handy weg bei Gefahr. Denn wer filmt, der fühlt sich als unbeteiligter Beobachter, der ein Ereignis dokumentiert. Er erkennt sich nicht als Betroffener, der jetzt handeln muss. Dieser Rollenwechsel verzögert die Reaktion.
In Crans-Montana war die Zeit also zu kurz, um die Gefahr zu erkennen. Aber was ist mit Touristen, die spektakuläre Selfies auf steilen Felsklippen machen? Diese Menschen kennen und wählen das Risiko doch bewusst.
Sarah Seidl: Hier ist die Hoffnung auf soziale Anerkennung größer als die Angst vor Verletzung oder Tod. Obwohl bereits Hunderte Menschen bei waghalsigen Selfies gestorben sind. Auch hier gilt wieder die Optimismus-Verzerrung: Mir wird schon nichts passieren, ich bin klüger als die anderen, das Wetter ist besser als üblich, usw. Hinzu kommt der Sensations-Hunger: Das Adrenalin, das der Körper ausschüttet, wenn das Wagnis gutgegangen ist, ruft Glücksgefühle hervor.
Männer gehen dabei größere Risiken ein als Frauen. Das liegt zum einen am Hormon Testosteron, zum anderen am sozialen Druck. Das leider weit verbreitete Rollenbild auf Social Media schreibt vor, dass Männer stark und mutig sein müssen. Von Frauen dagegen wird erwartet, dass sie hübsch und lieb sind.
Selbstinszenierung statt Selbstschutz: Gab es das schon vorher oder erst seit Social Media?
Sarah Seidl: Das Phänomen ist nicht neu, wird aber durch Social Media verstärkt. Das liegt an der enormen Reichweite: Die vermeintliche Heldentat wurde früher von drei Kumpels bewundert, heute wird sie von Hunderten Followern gelikt. Außerdem sieht man auf Instagram und Co., was andere machen – und will das dann auch machen.
Die Funktionslogik der sozialen Medien befeuert diesen Trend: Die Algorithmen spielen Extremes stärker aus. Weil man nur noch Krasses zu sehen bekommt, hält man das für normal – und will es toppen, um aus der Menge hervorzustechen. Das setzt eine Eskalationsspirale in Gang. Die Grenze des Zeigbaren verschiebt sich. Wir sind permanent mit einer virtuellen Welt konfrontiert, welche die reale Welt verzerrt abbildet.
Ein anderer Fall: Diesmal geht es nicht um Selbstgefährdung, sondern um Fremdgefährdung. Manche Passanten filmen einen Unfall anstatt Erste Hilfe zu leisten oder den Notruf abzusetzen. Sind das alles mitleidslose Gaffer?
Sarah Seidl: Der eine mag das Spektakel suchen. Die andere auf ein virales Video hoffen. Der Dritte sich wichtig fühlen: Schließlich war er dabei und kann berichten. Sein Leben ist interessant, er also auch.
Oft ist der vermeintliche Voyeurismus aber nicht böse gemeint. Viele sind sich unsicher, wie sie helfen sollen. Sie haben Angst, Fehler zu machen, dabei gefilmt und dann online bloßgestellt zu werden. Manche glauben auch, bereits zu helfen, indem sie das Geschehen per Video dokumentieren.
Wichtig ist hier wieder der Zuschauereffekt: Man schaut, was andere machen. Wenn keiner eingreift, dann wird es so schlimm schon nicht sein. Wenn alle filmen, dann wird das schon in Ordnung sein. Die Verantwortung verteilt sich auf mehrere Schultern – und verpufft schließlich. Denn warum sollte gerade ich aktiv werden, wenn doch auch jeder andere aktiv werden könnte. So denken leider viele.
Die meisten Menschen sind also grundsätzlich bereit, Unfallopfern zu helfen. Sie wissen aber nicht, was zu tun ist. Wie lässt sich das ändern?
Sarah Seidl: Für den Führerschein muss ein Erste-Hilfe-Kurs absolviert werden. Dort lernt man Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage. Man lernt, aus der Menge herauszutreten und selbst Hand anzulegen. Man lernt, andere Passanten direkt anzusprechen und ihnen Aufgaben zuzuteilen. Diesen Kurs sollte man idealerweise regelmäßig auffrischen. (GEA)
Zur Person
Professorin Sarah Seidl ist Psychologin mit eigener Praxis in Stuttgart. Dort bietet sie (vor allem systemische) Psychotherapie für Einzelne, Paare und Familien an, außerdem berufsbezogenes Coaching für Mitarbeiter, Führungskräfte und Teams. Parallel bekleidet Seidl eine Professur für Psychologie an der SRH Fernhochschule Riedlingen. (GEA)


