Auf Gerechtigkeit war der Eurovision Song Contest noch nie ausgelegt. Genau das macht ihn ja aus. Hier sind Zwerge Riesen, haben Winzlinge wie Malta oder San Marino dieselbe (Stimm-)Macht wie die großen Platzhirsche Deutschland, Frankreich oder Großbritannien. Ist nicht logisch, gehört aber zur Verrücktheit dieses Spektakels dazu. Genau wie das Ritual, dass sich in Osteuropa »Bruderstaaten« die Punkte zuschanzen, Schweden eine ungeschriebene Top-Ten-Garantie hat und von vornherein gewonnen, sobald Loreen antritt. Klar, die Sängerin hat die Show gerockt mit unfassbarer Stimmgewalt. Der Song an sich war aber im Grunde die Kopie ihres letzten, bei anderen hätte man gemeckert, nicht bei Loreen.
Es sind genau diese verrückten Gesetze und Rituale, die den ESC ausmachen. Ein Contest, bei dem Show alles, Wettbewerbsverzerrung die Regel und das Kuriose normal ist. Wäre es anders, wäre es nicht der ESC. Hier hat der kleinste Underdog noch große Chancen, während die europäische Großmacht Deutschland schicken kann, wen sie will, und doch zuverlässig am Ende des Feldes landet – Ausnahmen bestätigen die Regel. Man hat es mit einem schrillen Queeren probiert (Jendrick, 2021), mit einem jungen Songwriter-Rapper mit Afro-Hintergrund (Malik Harris), jetzt mit gestandenen Metal-Heroen – inzwischen kann man es nicht einmal mehr dem viel gescholtenen NDR mit seinem Vorentscheid in die Schuhe schieben, dass »Germany« den letzten Platz gepachtet hat.
Da hilft es nichts, sich darüber aufzuregen, dass ein jämmerlicher Spice-Girls-Abklatsch aus Polen auf Platz 19 landet. Und Soulsänger Gustaph aus Belgien gleich mehrfach von Jurys Höchstpunktzahlen kassiert, obwohl er sicher vieles kann, aber nicht Soul singen. Während fast durchweg ungewürdigt blieb, wie ausgefeilt Lord-of-the-Lost-Sänger Chris Harms die Spanne verschiedener Metal-Gesangstechniken ausreizte.
Ein bisschen darf man sich aufregen über den Trend, dass weiße Stars sich mit einem schwarzen Gospelchor aufhübschen, der aber, bitte schön, immer brav im Hintergrund bleiben soll. Die Ukraine hat’s besser gemacht und den schwarzen Star nach vorne geschickt. Aber aufregen hilft nichts. Gönnen wir den Underdogs den Triumph. Nehmen wir den bizarren Ausgang mit einem Lächeln und das Schlusslicht-Abo mit Gelassenheit. Was eine Band wie Lord of the Lost wert ist, entscheidet sich eh nicht beim ESC. Sondern immer noch in Wacken.

