REUTLINGEN. Ob Hexe auf dem Besen, frittiertes Hähnchen oder surfende Weihnachtsmänner: Rund um den Globus wird das Fest ganz unterschiedlich gefeiert. Ein Streifzug durch kuriose, überraschende und liebenswerte Weihnachtsbräuche – von Italien über Japan bis nach Australien und Peru.
Italien: La Befana, die Weihnachtshexe
Wie zu erwarten, spielt gutes Essen in Italien an den Festtagen eine wichtige Rolle. Am 25. Dezember stehen reichlich Antipasti bereit, bevor ein großer Braten samt Beilagen aufgetischt wird. Eine Tradition, die das italienische Weihnachtsfest jedoch besonders prägt, ist La Befana: eine freundliche Hexe, die am Morgen des 6. Januar auf ihrem Besen in die Häuser kommt, Geschenke bringt und Strümpfe mit Süßigkeiten und kleinen Überraschungen füllt. Für viele italienische Familien gehört sie genauso zu den Feiertagen wie der Weihnachtsbaum.
Japan: KFC zu Weihnachten
Weihnachten ist in Japan kein religiöser Feiertag, Christmas wird dennoch gefeiert – nur eben anders als erwartet. In den Siebzigerjahren startete KFC in Japan die Kampagne »Kentucky for Christmas«. Der Gedanke setzt sich durch, und bis heute gehören die knusprigen Hähnchenteile für viele Japaner:innen einfach zum Weihnachtstag dazu. Wer sicher sein will, am Feiertag auch wirklich seinen Eimer zu bekommen, bestellt ihn oft Wochen im Voraus. Ebenso typisch ist das Weihnachtsdessert: ein Erdbeerkuchen, der für viele Familien zum 25. Dezember dazugehört.
Österreich: Der Krampus
Während nicht ganz so brave Kinder in vielen westlichen Ländern höchstens ein Stück Kohle im Strumpf finden, tritt in Österreich eine deutlich imposantere Figur auf: der Krampus. Im Volksglauben begleitet er am 6. Dezember – der Krampusnacht – den Heiligen Nikolaus und entscheidet, welche Kinder Geschenke und welche eine Ermahnung erhalten. Seine Erscheinung ist bewusst furchteinflößend: Hörner, zotteliges Fell, Ketten und eine überlange Zunge gehören zum traditionellen Kostüm. 2015 fand die Geschichte sogar ihren Weg ins Kino: In der Weihnachtskomödie Krampus mit Adam Scott und Toni Collette spielt die zottelige Gestalt die tragende Rolle.
Südkalifornien: Surfende Santas
»Ich bin in Los Angeles aufgewachsen, und obwohl der Dezember nicht unbedingt Badezeit ist, läuft Weihnachten fast jedes Jahr gleich ab«, erzählt die Journalistin Megan Spurrell. »Bei klarem Himmel und rund 21 Grad Celsius gehen viele Familien, auch meine, an den Strand. Dort halten wir Ausschau nach der typisch südkalifornischen Figur des Surfing Santa. Meistens suchen wir am Manhattan Beach und Hermosa Beach, vor allem in Pier-Nähe, aber gelegentlich taucht unser Weihnachtsmann auch in Malibu oder Santa Monica auf. In der Regel sind es verklei-dete Locals, die sich am Morgen des 25. Dezember in die Wellen stürzen – zur Unterhaltung der Strandbesucher und für eine kurze Surfsession.«
Australien: Meeresfrüchte-Platten und Pavlova
»Das traditionelle Weihnachtsessen in Australien besteht in der Regel aus Meeresfrüchten, einem kalten Braten, vielen Salaten und einer Pavlova zum Nachtisch«, erklärt Lauren Burvill, die aus Australien stammt. Nach dem Mittagessen spielen viele im Garten Kricket oder – wenn die Lage es zulässt – direkt am Strand. Dort begegnet man oft dem Weihnachtsmann, manchmal sogar in einem aufblasbaren Rettungsboot des örtlichen Surfclubs. Am zweiten Weihnachtsfeiertag verfolgen viele Australier:innen am liebsten das Kricketspiel oder die berühmte Segelregatta von Sydney nach Hobart.
Polen: Festliches Pierogi-Essen
Pierogi sind in Polen mehr als nur ein Gericht – sie sind fester Bestandteil der Weihnachtstraditionen. Viele Familien rollen den Teig selbst aus und füllen ihn traditionell mit Kartoffeln und Hüttenkäse. Auf dem Heiligabend-Tisch dürfen auch der Sauerkrauteintopf Bigos, panierter Fisch und die geteilten Weihnachtsoblaten nicht fehlen. Der Aufwand ist groß, und das Zubereiten der Teigtaschen kann durchaus stressig sein, doch das gemeinsame Essen macht all die Mühe vergessen: Für viele ist es der zentrale Moment des Festes.
England: Cornish Shout
In England wird Weihnachten klassisch gefeiert, doch regionale Besonderheiten prägen die Festtage zusätzlich. In vielen Küstenorten gehört am Boxing Day für Mutige ein Sprung ins eiskalte Meer dazu – eine Tradition, die als erfrischender Neustart gilt. In Cornwall gibt es darüber hinaus ein eigenes Ritual: das kornische Shout. »In der trüben Vorweihnachtszeit werden die gemütlichen Abende auf dem Sofa durch einen Pub-Abend ersetzt, an dem ein kornisches Shout stattfindet«, erklärt Lucy Bruton, Social Media Managerin. »Ein Shout bedeutet, dass die Dorfgemeinschaft zusammenkommt, um in einem Pub Seemanns- und Volkslieder zu singen.«
Peru: Mitternachtspartys
In Peru beginnt Weihnachten – wie in vielen katholisch geprägten Ländern Lateinamerikas – offiziell erst um Mitternacht. Am 24. Dezember warten Familien bis zum Schlag der Uhr, bevor das Festmahl aus Truthahn und Arroz Árabe auf den Tisch kommt. Kaum ist es Mitternacht, erhellen bunte Feuerwerke die Städte, und die Feier verschiebt sich nahtlos in die frühen Morgenstunden. Zunächst im Haus von Verwandten, später nicht selten in Bars oder Clubs. Die Nacht erinnert in ihrer Stimmung fast an Silvester – nur eben ein paar Tage früher.
Schottland: Hogmanay und Schottenröcke
Anders als in vielen anderen Ländern liegt in Schottland der Fokus nicht allein auf Weihnachten, sondern vor allem auf Hogmanay, dem Neujahrsfest. Nach dem ersten Weihnachtstag richten sich die Feierlichkeiten zunehmend auf die Tage rund um den Jahreswechsel. In den Städten wird bis in die frühen Morgenstunden gefeiert, überall erklingt Robbie Burns' »Auld Lang Syne«, und ein traditioneller Brauch darf nicht fehlen – das First Footing. Die erste Person, die nach Mitternacht ein Haus betritt, soll Glück für das kommende Jahr bringen – idealerweise kommt sie dabei nicht mit leeren Händen.

