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»Das Lehrerzimmer« gewinnt Deutschen Filmpreis

Nachdem »Im Westen nichts Neues« vier Oscars gewonnen hatte, schien die Verleihung des Deutschen Filmpreises wenig spannend zu werden. Am Ende des Abends kam es allerdings zu einer Überraschung.

Deutscher Filmpreis 2023
Zusammen mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth (im blau-weiß gestreiften Kleid) stehen die Preisträger des Deutschen Filmpreises auf der Bühne. Foto: Hannes P. Albert
Zusammen mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth (im blau-weiß gestreiften Kleid) stehen die Preisträger des Deutschen Filmpreises auf der Bühne.
Foto: Hannes P. Albert

Beim Deutschen Filmpreis hat die Literaturverfilmung »Im Westen nichts Neues« von Regisseur Edward Berger gleich neun Auszeichnungen gewonnen. Die Goldene Lola für den besten Spielfilm ging allerdings an das Drama »Das Lehrerzimmer«, wie die Filmakademie am Freitagabend in Berlin bekanntgab. Regisseur Ilker Çatak erzählt darin von einem Konflikt an einer Schule, der aus dem Ruder läuft. Der Film mit Schauspielerin Leonie Benesch gewann fünf Preise.

Benesch spielt eine Lehrerin, die eine Diebstahlserie an ihrer Schule aufklären will und sich entscheidet, dafür heimlich eine Kamera im Lehrerzimmer mitlaufen zu lassen. Benesch wurde dafür als beste Hauptdarstellerin geehrt.

Çatak erhielt die Lola für die beste Regie. Als er die Auszeichnung entgegennahm, erzählte er, dass er mit den Filmen von Fatih Akin großgeworden sei. »Er war ein Leuchtturm und ich konnte zu ihm aufschauen. Und dafür danke ich dir, Fatih.« Çatak hat in der Vergangenheit etwa auch »Es gilt das gesprochene Wort« gedreht.

Sein neuer Film entfaltet einen ziemlichen Sog. Er zeigt einen Mikrokosmos zwischen Papierstapeln im Lehrerzimmer und Sportmatten in der Turnhalle. Eine Welt, an die sich viele noch erinnern, auch wenn ihre Schulzeit schon lange zurückliegt. Der Film läuft derzeit im Kino und erzählt etwas über Dynamiken, die zwischen Menschen entstehen können. Und man kann ihn als Kommentar auf eine Debattenkultur verstehen, in der es mehr um Empörung als ums gegenseitige Verstehen geht.

In den USA vier Oscars gewonnen

Das Antikriegsdrama »Im Westen nichts Neues«, das nach seinem Erfolg in Hollywood als Favorit gehandelt worden war, gewann mit neun Lolas die meisten Preise, verpasste aber den Hauptpreis. Stattdessen erhielt er die Lola in Silber. Der Film über den Ersten Weltkrieg basiert auf einem Roman von Erich Maria Remarque (1898-1970). Er hatte in den USA vier Oscars gewonnen.

»Im Westen nichts Neues« war nach Angaben der Filmakademie die erste Produktion eines Streaminganbieters, die für den Deutschen Filmpreis nominiert war. In Berlin wurde der Film etwa für Musik, Kameraführung und Tongestaltung geehrt. Die Schauspieler Felix Kammerer und Albrecht Schuch erhielten jeweils eine Lola als bester Haupt- und Nebendarsteller. Kammerer saß mit weißem Hemd und Perlenkette im Publikum und schlug bei der Nachricht die Hände vor dem Gesicht zusammen. Die Lola in Bronze ging an den Thriller »Holy Spider« über einen Frauenmörder im Iran.

Auftritt unter Tränen

Regisseur Volker Schlöndorff (»Die Blechtrommel«) wurde für herausragende Verdienste um den deutschen Film geehrt. Hollywoodstar John Malkovich und andere Filmschaffende würdigten seine Arbeit per Video. Viele hätten beim Blick auf die Preisliste sicher gedacht: »Ach der schon wieder?«, scherzte Schlöndorff in seiner Dankesrede für den Ehrenpreis. »Und ich habe sogar gedacht: «Habe ich den nicht schon?»« Er bedankte sich unter Tränen etwa bei seiner früheren Partnerin, der Regisseurin Margarethe von Trotta.

Die Auszeichnung für den besten Dokumentarfilm ging an »Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen«. Bester Kinderfilm wurde »Mission Ulja Funk«. »Die Schule der magischen Tiere 2« erhielt eine Auszeichnung als besucherstärkster Film. Schauspielerin Jördis Triebel wurde als beste Nebendarstellerin für ihre Rolle in »In einem Land, das es nicht mehr gibt« geehrt.

Der Deutsche Filmpreis gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen der Branche. Die Nominierungen und Auszeichnungen sind mit insgesamt rund drei Millionen Euro für neue Projekte dotiert. Das Geld stammt aus dem Haus von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne). Der Abend wurde vom ZDF zunächst online und später im Fernsehen gezeigt.

Zur Verleihung waren rund 1600 Gäste ins Theater am Potsdamer Platz eingeladen. Moderatorin Jasmin Shakeri warb anfangs rappend für die Kunstfreiheit und griff mit »Jin, Jiyan, Azadi« (»Frau, Leben, Freiheit«) die Schlagworte der Protestbewegung im Iran auf. Sie kommentierte mit scharfen Pointen das politische Geschehen und machte Witze, etwa zur Dauer der Verleihung: »Wer nach all den Jahren noch nicht gelernt hat, sich ein fucking Sandwich in seine Clutch zu packen, der hat jetzt halt für drei Stunden Pech gehabt.«

Aktuelle Debatte zu Arbeitsbedingungen an Sets

Mehrfach eingegangen wurde auch auf eine aktuelle Debatte zu Arbeitsbedingungen. Kulturstaatsministerin Roth mahnte eine offene Auseinandersetzung mit Missständen in der Branche an. Sie forderte dazu auf, Probleme zu benennen - etwa Abhängigkeitsverhältnisse, Machtmissbrauch und Übergriffe. Es brauche eine ehrliche und offene Auseinandersetzung. Es müsse möglich sein, darüber zu sprechen, was falsch laufe und was man verbessern könne. »Ein Klima der Angst können und wollen wir nicht dulden.«

Nach einem »Spiegel«-Bericht über angebliche Schikane und ein »Klima der Angst« bei den Dreharbeiten zum Film »Manta Manta - Zwoter Teil« von Regisseur Til Schweiger hatte die Produktionsfirma Constantin angekündigt, mögliche Vorfälle am Set aufklären zu lassen. Schweigers Anwältin hatte dem »Spiegel« zu den Vorwürfen mitgeteilt, ein Teil der »Sachverhalte« sei ihrem Mandanten »nicht bekannt«; ein anderer unterstelle »angebliche Sachverhalte, die es nicht gegeben hat«. Weiter hieß es dort, seit Jahren »kursierende Gerüchte« würden »zu Unrecht als tatsächlich« dargestellt. Auf eine Anfrage der Deutschen Presse-Agentur hatte Schweiger nicht reagiert.

© dpa-infocom, dpa:230512-99-668949/15