LONDON. Der britische Fernsehsender Channel Four beginnt an diesem Samstag mit der Ausstrahlung einer Dokumentation, die die Ergebnisse einer genetischen Analyse von Adolf Hitler präsentiert. »Hitlers DNA: Bauplan eines Diktators« ist eine zweiteilige Sendung, in der laut Sender »Experten zum ersten Mal Hitlers Erbinformationen identifizieren«. Zu den wichtigsten Entdeckungen gehört, dass der Nazi-Führer am Kallmann-Syndrom litt. Das ist eine angeborene Erkrankung, die die Entwicklung der Sexualorgane und die Testosteron-Produktion beeinträchtigt. Weitere Marker in Hitlers Genom stehen in Verbindung mit bipolarer Störung, Autismus und Schizophrenie.
Hitlers DNA konnte man aus einem Stück Stoff sequenzieren, das sich im »Gettysburg Museum of History« fand. Der amerikanische Oberst Roswell Rosengren hatte es vor 80 Jahren aus dem Sofa in Hitlers Führerbunker in Berlin ge-schnitten, auf dem der Diktator sich per Kopfschuss umgebracht hatte. Ein ge-trockneter Blutfleck auf diesem Stofffetzen reichte den Forschern, um Hitlers Genom und damit das biologische Design eines Tyrannen zu ermitteln.
»Wenn Hitler seine eigene DNA gesehen hätte, hätte er sich selbst in die Gaskammern geschickt«
Professorin Turi King, die Genetik an der Universität von Leicester lehrt, ist eine Wissenschaftlerin von Rang, die die genetische Analyse von Richard III., dem verschollenen Plantagenet-König, geleitet hatte. Sie habe zunächst gezögert, sagte sie, an dem Hitler-Projekt teilzunehmen, »aber es wäre irgendwann passiert, und ich wollte sicherstellen, dass es in einer angemessenen und rigorosen Weise geschieht. Und es nicht zu tuen, hätte Hitler auf ein Podest gehoben«. King unterstreicht: »Seine Gene entschuldigen in keiner Weise, was er tat. Er hätte das langweiligste Genom des Planeten haben können, aber er hatte es nicht.« King ist sich sicher: »Wenn Hitler seine eigenen genetischen Ergebnisse gesehen hätte, hätte er sich selbst in die Gaskammern geschickt.«
Damit meint sie, dass dem überzeugten Eugeniker, der Menschen nach ihren Erbanlagen be- und verurteilte, sein eigenes genetisches Profil nicht gefallen hätte können. Eine Mutation in Hitlers PROK2-Gen weist auf das Kallmann-Syndrom hin und bestätigt eine medizinische Untersuchung aus dem Jahr 1923, die bei Hitler einen nicht abgestiegenen rechten Hoden diagnostiziert hatte. Ein weiteres Symptom des Syndroms kann ein Mikopenis sein. Defizite in diesem sehr persönlichen Bereich können zu dem Mangel an intimen Beziehungen führen, für den Hitler bekannt war. »Es würde Hitlers höchst ungewöhnliche und fast komplette Hingabe an die Politik erklären«, meint der Historiker Alex Kay. »Andere führende Nazis hatten Frauen, Kinder, sogar außereheliche Affären. Hitler ist der einzige innerhalb der gesamten Nazi-Führung, der das nicht hatte.«
»Die DNA ist nur ein Teil von jemandes Rätsel, man kann das Böse nicht in einem Genom sehen«
Die Analyse des Hitler-Genoms hat zudem eine sehr hohe polygene Risikobewertung der Anfälligkeit für eine neurokognitive Entwicklungsstörung ergeben, was Hitler in das oberste Perzentil für Erkrankungen wie Autismus, Schizophrenie oder bipolare Störung platziert. Allerdings, so unterstreichen die Forscher, sei dies lediglich eine statistische, auf einem polygenen Score basierende Einschätzung und noch keine gesicherte Diagnose. Was Hitlers Abstammung betrifft, konnten die Forscher ein Gerücht widerlegen, nachdem der Diktator selbst jüdische Vorfahren gehabt habe. Die Analyse bestätigte eine rein österreichisch-deutsche Herkunft. Professorin King betonte, dass die Gene Hitlers Verbrechen nicht entschuldigen können. Auch gilt natürlich, dass ein bestimmtes genetisches Profil nicht zu Unmenschlichkeit und Grausamkeit führen muss. »Die DNA ist nur ein Teil von jemandes Rätsel, man kann das Böse nicht in einem Genom sehen.« (GEA)

