BERLIN. Zuerst eine Sensation des rasanten automobilen Aufbruchs, dann Refugium für zwielichtige Gestalten, schließlich ein Lost Place – und heute ein ebenso schmuckes wie außergewöhnliches Berliner Baudenkmal: Das sind die Kantgaragen in Berlin-Charlottenburg.
Die Geschichte des Garagenpalasts ist wechselvoll und schillernd. Das Gebäude war bei der Einweihung vor 95 Jahren der erste Hochgaragenbau Berlins und damit eine Sensation. Das Gebäude war sozusagen ein Apartmentbau fürs Automobil, des deutschen liebstes Kind. Beheizte Stellplätze für 300 Fahrzeuge, Waschanlage, Werkstatt und Tankstelle, errichtet im Stil der klassischen Moderne. Eine absolute Sensation war die wie eine Doppelhelix aufgebaute Auf- und Zufahrt. Beim Rauf- und Runterfahren begegneten sich die Autos nicht mehr. Nur gut betuchte Automobilisten konnten sich das leisten. Die Miete einer dieser geräumigen Garagen war damals ebenso teuer wie ein kleines Luxus-Apartment.
Am 1. Oktober 1930 wurde die im Auftrag des Unternehmers Louis Serlin errichtete Garage unter der Bezeichnung »Kant-Garagenpalast« eröffnet. Der Bau war so sachlich-modern und innovativ, dass dort während der Internationalen Bauausstellung 1932 sogar Führungen angeboten wurden. Heute gehört er zu den ältesten noch erhaltenen architektonischen Zeugnissen ihrer Art. Weltweit gibt es wohl nur einen älteren ähnlichen Garagenbau. Das ist die zwei Jahre vorher entstandene Richmond Garage in Virginia/USA. In Europa ist die Kantgarage die älteste erhaltene, derartige Anlage.
Automobiler Aufbruch
Berlin wurde zum automobilen Mittelpunkt. Man benötigte Tankstellen, Werkstätten und Parkplätze für die rasant zunehmende Zahl der Autos. 1936 wurde an der schon 1909 gebauten Automobil-Verkehrs- und Übungsstrecke, der berühmten Avus-Rennstrecke vor den Toren Berlins, die Haupttribüne gebaut. Von dort konnten die autobegeisterten Berliner Temporekorde und Autorennen mitverfolgen und ihre neuen Helden und deren »Renner« feiern. Das Zeitalter der Pferde und Kutschen war vorüber, doch die Städte waren noch nicht auf den Autoverkehr eingestellt. Am Straßenrand parkende Fahrzeuge behinderten den Verkehr, für Tankstellen gab es keinen Platz.
Der Geschäftsmann und Ingenieur Louis Serlin kaufte 1928 das Gelände Kantstraße 126/127, um dort ein Auto-Hotel für wohlhabende Autobesitzer bauen zu lassen. Doch das Grundstück war beengt und die darauf stehende Gründerzeitvilla Schulze wollte er nicht abreißen. So plante dort das Architekturbüro Lohmüller, Korschelt & Renker 1929 einen modernen Stahlbetonskelettbau.
Serlin hatte Glück, weil er als Hauptmieter für die geplante Garage den Deutschen Auto-Club e. V. gewinnen konnte, der den Architekten Hermann Zweigenthal mitbrachte. Er begleitete das Bauvorhaben ganz maßgeblich. Nach etwas mehr als einem Jahr war das kühne Projekt fertiggestellt. Schon während der Bauzeit hatte der Garagenpalast nicht nur in Architekturkreisen für Aufsehen ge-sorgt, denn über ihn wurde auch international berichtet.
An der Stahl-Glas-Front fanden sich im Erdgeschoss die Ein- und Ausfahrten zum Parkhaus. Der beheizte Palast beherbergte eine Tankstelle, Portier, Einrichtungen für Reparatur und Wagenpflege, Waschplätze und Stellplätze als einzeln verschließbare Metall-Parkboxen, die Heinrichs-Boxen mit ihren einzigartigen, auf Schienen gleitenden, abschließbaren und feuerfesten und großen Stahlschiebetoren der Berliner Firma Paul Heinrichs.
Kantine als »Groschenkeller«
Auf der Höhe des ersten Obergeschosses war das Gebäude mit der 1895 errichteten Villa Schulze verbunden, die von Serlin als Verwaltungsbau genutzt wurde und in der sich eine Chauffeur-Kantine befand. Die Kantine war gleichzeitig eine Kneipe, der »Groschenkeller«. Dort verkehrten in den 30er-Jahren zwielichtige Gestalten ebenso wie Künstler vom Kaliber eines Kurt Weill oder Bertold Brecht, und dort soll noch Jazzmusik gespielt worden sein, als sie im Dritten Reich bereits verboten war.
Serlin musste sein Grundstück mit Hochgarage im Zuge der Arisierung durch SS-Hauptsturmführer Gustav Lombard 1938 abtreten. 1942 wurde Günther Graf von der Schulenburg neuer Eigentümer. Auf dessen Grundstücken entstanden gerade die Werke zum Bau des Kdf-Wagens (KdF = Kraft durch Freude), die späteren VW-Werke.
Der Kant-Garagenpalast überstand die Kriegseinwirkungen ohne ernsthafte Beschädigungen. Die Villa dagegen wurde zerstört. Louis Serlin gelang nach dem Krieg die Rückübertragung. Ab 1957 gab es auf dem ehemaligen Villengelände eine Pflegedienst- und Wagenabstellhalle. Den Tankstellen- und Garagenbetrieb ließ Serlin von einer Betriebsgesellschaft bis 1961 führen, bevor er die Garagen an den Berliner Immobilienunternehmer Karl Heinz Pepper verkaufte.
Colani und die Wax-Werkstatt
Die Immobilie machte den Wandel Berlins während der Nazi-Herrschaft und in der wechselvollen Zeit danach mit. In den Kantgaragen hausten Autofreaks, Rennfahrer und Stasi-Agenten. Ost- und Westberlin mit der trennenden Mauer war die Frontstadt des Kalten Krieges zwischen Warschauer Pakt und Nato. Hier sammelten sich viele Aussteiger und sehr viele Agenten und Spione. Die mächtigen stählernen Schiebetore verbargen in den Heinrichsboxen nicht nur luxuriöse Flitzer und Sammlerfahrzeuge, sondern auch zweifelhafte Gestalten. Hier befand sich im fünften Geschoss seit 1955 auch die Werkstatt Auto-Wax des Automechanikers, Alfa Romeo-Handelsvertreters und Stasi-Agenten Hans Hubert »Hanne« Wax. Sein Handwerk mit Fahrzeugen hatte Wax in der Motorenschule der Reichsjugendführung gelernt.
Der später ebenso bekannte wie extravagante Designer Luigi (eigentlich Lutz) Colani bastelte in der Wax-Werkstatt an glasfaserverstärkten Karosserien. Dort entstand unter der Regie des gebürtigen Berliner Designers unter anderem der Prototyp des Abarth-Alfa Romeo 1300 Berlinetta. Im Zweitberuf arbeitete sein ChefHanne Wax unter dem Decknamen »Donner« für die DDR-Staatssicherheit. Er war nicht nur Mechaniker, denn im Zweiten Weltkrieg hatte er beim Panzerjagdkommando und bei der SS das Hantieren mit hochexplosiven Materialien erlernt. Sprengstoffanschläge, Sabotage-Aktionen und Kidnapping gehörten zu seinen Aufgabenbereichen. 1955 war der vielseitig einsetzbare Kfz-Mechaniker an der Verschleppung des Agenten Werner Rieker beteiligt. 1958 sprengte Wax einen von russischen Emigranten betriebenen Radiosender. Und er schmuggelte in einem Alfa Romeo im Westen erbeutete brisante US- und Nato-Papiere in die DDR. Das führte im kommunistischen Bereich zur Enttarnung und Verhaftung zahlreicher Westagenten.
Später übernahm der Berliner Rennfahrer und Autohändler Herbert Schultze zusätzlich zu seinem Autohandel die Werkstatt und Alfa-Handelsvertretung in der Kantstraße. In den 60er-Jahren gewann Schultze mit Alfa Romeo dreimal hintereinander die deutsche Tourenwagenmeisterschaft.
Doch die Zeit dieser Garagen ging zu Ende, der Unterhalt war zu teuer. Die Hochgarage geriet zur Ruine. Der Eigentümer wollte sie abreißen lassen, doch die Behörden stellten das Gebäude 1991 unter Denkmalschutz. In den folgenden Jahrzehnten verfiel der Bau weiter. 2013 stellte Christian Pepper einen weiteren Abrissantrag, um den so lange gestritten wurde, bis 2013 der Unternehmer Dirk Gädecke die Ruine kaufte. Gädecke hatte dort noch als Student seinen Mini reparieren lassen. Schon damals hatte ihn das Gebäude mit der Rampe fasziniert.
Im Oktober 2017 startete der Umbau zu einem Büro-, Event- und Galeriegebäude. Er ist inzwischen abgeschlossen. Von den 132 denkmalgeschützten Heinrichs-Boxen verblieben 36 im Gebäude, die als Büroräume für Start-ups dienen. (GEA)

