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30 Jahre - Vom Aufstieg und Fall der SMS

Mit dem Gruß »Merry Christmas« begann vor 30 Jahren das Zeitalter der SMS. Anfänglich als Nischentechnologie belächelt, eroberte der Short Message Service die Welt - um dann wieder verdrängt zu werden.

Die SMS wird 30
Auf dem Display eines alten Mobiltelefons steht »Kurzm. wird gesendet«. Foto: Peter Endig
Auf dem Display eines alten Mobiltelefons steht »Kurzm. wird gesendet«.
Foto: Peter Endig

Der Short Message Service (SMS) kennt wie so viele technische Innovationen viele Väter. Wer zuerst auf die bahnbrechende Idee kam, ungenutzte Kapazitäten im Mobilfunknetz für das Senden und Empfangen von Kurznachrichten zu verwenden, bleibt unter Historikern umstritten. Das erste tragfähige Konzept - da sind sich die Experten einig - stammte 1985 vom Bundespost-Manager Friedhelm Hillebrand.

Anfangs wurde der deutsche Mobilfunkpionier noch belächelt, vor allem weil er der Machbarkeit zuliebe die SMS auf eine Länge von 160 Zeilen beschränkt hatte. Der studierte Elektrotechniker war sich sicher, dass 160 Zeichen völlig ausreichen, um interessante Nachrichten zu transportieren: Er argumentierte damit, dass bei Fax und Postkarte meist auch nicht mehr Zeichen verwendet werden.

Das Versenden der weltweit ersten SMS war dann aber dem britischen Softwareentwickler Neil Papworth im Auftrag von Vodafone vergönnt. Er probierte vor 30 Jahren (3.12.1992) die neue Übertragungstechnik aus und sendete von seinem Computer aus die berühmt gewordenen 14 Buchstaben »Merry Christmas« (Fröhliche Weihnachten) auf das Handy des Vodafone-Managers Richard Jarvis. Ein Mobiltelefon, mit dem man eine SMS hätte schreiben können, gab es damals noch nicht.

Start mit gesalzenen Preisen

Kommerziell startete der neue Dienst dann 15 Monate später auf der Computermesse CeBIT 1994 in Hannover. Die Preise waren aus heutiger Sicht gesalzen. Anfangs kosteten die Kurzmitteilungen 39 Pfennig pro Stück, mit der Einführung des Euro etablierten sich 19 Cent als Standardpreis für eine SMS. Discounter lockten dann die Kundschaft mit Preisen von fünf oder sechs Cent pro SMS an.

Der »Short Message Service« entwickelte sich zum Goldesel der Branche. Schon 1998 wurde erstmals die Schwelle von einer Milliarde versendeten SMS in Deutschland überschritten. Danach ging es rasant weiter. Der Rekord wurde 2012 mit knapp 60 Milliarden SMS erreicht.

Bei der Deutschen Telekom hatte die SMS ihr Allzeithoch zum Jahreswechsel 2011/12. Am Silvester- und Neujahrstag wurden zusammen 137,4 Millionen Kurzmitteilungen übermittelt.

Der SMS-Boom spülte den Telekommunikationsanbietern Gewinne in Milliardenhöhe in die Kassen. Er änderte aber auch die Art und Weise, wie insbesondere Jugendliche untereinander kommunizieren.

Dabei war Eingabe der Texte im Vergleich zu den Smartphones heute kompliziert: Es gab keine Buchstaben-Tastatur, sondern nur die Ziffern von 0 bis 9 sowie * und #. Jede Ziffer wurde mehrfach mit Buchstaben belegt. Wer zum Beispiel den Buchstaben f schreiben wollte, musste drei Mal hintereinander auf die Taste 3 drücken.

Ein Hoch auf die Abkürzung

Diese Umstände förderten einen Abkürzungsjargon, den heute noch manche bei Whatsapp und Co. verwenden. So stehen die Buchstaben »hdg« für »Hab Dich gern« oder GN8 für Gute Nacht. Akla? (Alles klar?)

Inzwischen nutzen nur noch wenige Menschen die SMS für ihre private oder berufliche Kommunikation. Die Zahl der versendeten SMS in Deutschland sank seit dem Höchststand von 2012 (59,8 Milliarden) jedes Jahr kontinuierlich und erreichte 2020 mit 7,0 Milliarden einen Tiefstand. Im Jahr 2021 verzeichnete die Bundesnetzagentur allerdings erstmals wieder ein leichtes Plus auf 7,8 Milliarden.

Daraus schöpft die Branche Hoffnung: »Die SMS war vor 30 Jahren eine Innovation, aber Technik-Geschichte ist sie noch nicht: Sie wird uns noch viele Jahre begleiten«, sagt die Technikchefin von Vodafone Deutschland, Tanja Richter. Das leichte Plus hat aber vor allem damit zu tun, dass die SMS häufig bei Anwendungen wie Online-Banking zum Versand mobiler Transaktionsnummern verwendet wird. Bei Telefónica O2 hat sich das Volumen in diesem Bereich in den vergangenen vier Jahren verdoppelt.

Das bestätigt auch der Digitalverband Bitkom: »Die SMS wird weiterhin eine Rolle in der Kommunikation spielen«, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. »Nicht nur für Menschen, die kein Smartphone besitzen, sondern insbesondere bei Authentifizierungsverfahren, etwa bei Bezahldiensten.«

Vorteil Verschlüsselung

Milliarden-Gewinne wird die SMS aber nicht mehr produzieren, weil die internet-basierten Messengerdienste sich durchgesetzt haben. Sie sind komplett kostenlos oder kosten nur eine kleine Startgebühr wie bei Threema aus der Schweiz. Außerdem können Nachrichten-Apps wie Whatsapp, ICQ, iMessage, Signal, Telegram, Viber oder Wire die Inhalte durch eine Verschlüsselung schützen.

Inzwischen bieten die Netzbetreiber mit RCS (Rich Communication Services) einen eigenen SMS-Nachfolger an, der auch eine Verschlüsselung bietet. RCS konnte sich aber bislang weder in Deutschland noch international richtig durchsetzen. Das liegt vor allem an der Tatsache, dass RCS nur auf der Android-Plattform von Google unterstützt wird. Apple verwendet beim iPhone mit iMessage einen eigenen SMS-Nachfolger, der nicht mit RCS kompatibel ist.

Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Apple-Chef Tim Cook erteilte unlängst auf einer Konferenz dem RCS-Standard eine Absage: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Nutzer von uns verlangen, dass wir da viel Energie reinstecken.« Zuvor hatte ein Konferenzteilnehmer gesagt, dass er seiner Mutter, die ein Android-Smartphone besitzt, gerne vom iPhone aus ein Video zusenden würde. »Kauf Deiner Mutter ein iPhone«, antwortete Cook lakonisch.

Angela Merkel und die SMS

Die SMS war in der Ära vor Whatsapp & Co. nicht nur bei jungen Leuten populär. So steuerte Angela Merkel (Jahrgang 1954) als Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende oft ihr Kabinett und die Partei mit gezielten SMS. In der schwarz-gelben Koalition betonte 2010 der damalige Außenminister Guido Westerwelle (FDP), wie intensiv er mit der Regierungschefin per SMS kommuniziere. »Absolut ungetrübt, sehr intensiv und regelmäßig« sei der Umgang miteinander: »Wir simsen, was das Zeug hält.« Das Wort »simsen« für das Senden und Empfangen von SMS war schon 2004 in den Duden aufgenommen worden. Die damalige Kanzlerin nahm bei ihrer intensiven SMS-Nutzung auch das Risiko in Kauf, abgehört zu werden. SMS werden bis heute nicht verschlüsselt. Als 2013 durch die Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden der Verdacht aufkam, dass Merkel von US-Geheimdiensten ausgespäht wurde, sagte sie nur, Ausspähen unter Freunden gehe gar nicht.

© dpa-infocom, dpa:221202-99-750509/2