Sieht aus wie eine x-beliebige U-Bahn-Station: Nichts deutet darauf hin, dass von diesem Gleis unter dem Bahnhof von Locarno eine der schönsten Zugstrecken der Welt beginnt: die Centovallina.
Centovallina, so nennen die Tessiner liebevoll ihre Eisenbahn. Und feiern begeistert ihren Geburtstag: Am 25. November 1923 fuhr sie zum ersten Mal. Und wem jetzt angesichts der Jahreszahl eine Dampflok in den Sinn kommt, liegt falsch. Schon damals war die Bahn topmodern, das heißt natürlich elektrifiziert. Die Tessiner Verkehrsbetriebe FART, welche die Linie betreiben, haben das Jahr 2024 zum Jubiläumsjahr ausgerufen.
Centovallina schlängelt sich durchs Centovalli, ein etwas abgelegenes Talgebiet und eine Gemeinde im Tessin, überquert bei Ribellasca die Grenze nach Italien und endet nach 53 Kilometern in Domodossola in der Region Piemont.
Vor 100 Jahren hatte das Wort »abgelegen« noch einen Klang, der ernsthaft Isolation und Armut bedeutete. Das war einer der Gründe, diese Bahnlinie zu bauen: Um die Gegend zu erschließen, den Einwohnern zu ermöglichen, sich in den oberitalienischen und Tessiner Städten eine Arbeit zu suchen, oder ihre Waren in die Täler zu schaffen. Und tatsächlich führte die Centovallina zu Beginn einen Güterwagen mit sich. Der andere Grund für den Eisenbahnbau war, eine Verbindung in die Westschweizer Kantone Wallis und Waadt sowie an den Genfer See zu schaffen. Das war bedeutend kürzer als quer durch die Zentralschweiz.
»Es gibt Leute, die halten uns für eine Panoramabahn«, sagt Katja Beretta von der Bahngesellschaft Ferrovia Vigezzina-Centovalli. Nein, so war das nicht gedacht, damals, als der Bau begann. Gleichwohl sind heute zwei Drittel der fast 700.000 Fahrgäste jährlich Touristen.
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Sie bekommen für 47 Franken, der Preis für eine Fahrt von Locarno nach Domodossola und zurück, wahrlich etwas geboten: nämlich ein großartiges Bergpanorama, eine wilde, bezaubernde Natur, eine Wellnesskur von 1 Stunde und 53 Minuten Dauer sowie eine Entschleunigungsübung, von der sie noch lange zehren.
Denn 53 Kilometer in knapp zwei Stunden ergeben eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 28 Kilometern pro Stunde. Da fliegen die Kirchtürme, die Bergwiesen und die Gipfelgrate nicht vorbei und die Zeit bleibt, einen Mitreisenden zu fragen, was das für ein Dorf sei und man bekommt zur Antwort, es handle sich um Intragna mit dem höchsten Kirchturm im Tessin.
Die Fahrt beginnt mit einem Geräusch, das auf Bahnhöfen heute selten geworden ist: einem Pfeifen. Doch, bei der FART arbeiten noch Menschen, viele Menschen, man hat nicht das Gefühl, mit Geisterbahnen durch Geisterbahnhöfe zu fahren, wie in einem gewissen nördlichen Nachbarland der Schweiz.
Einige Minuten später verlässt Centovallina den U-Bahn-Abschnitt und folgt kurz dem Lauf der Maggia. In Ponte Brolla biegt die Bahn mit Kurs auf Centovalli ins Tal der Melezza ein. Bis 1965 gab es an dieser Stelle noch einen Abzweig ins Maggiatal.
Kurz nach dem Bahnhof Ponte Brolla überquert der Zug auf einer 35 Meter hohen Steinbrücke die Maggia, die sich tief da unten eine Schlucht geschaffen hat. Ging es doch zu schnell? Macht nichts. Es kommen noch weitere Brücken, insgesamt sind es 82. Und, damit es nicht langweilig wird, 31 Tunnels. Die spektakulärste Brücke ist das Stahlbauwerk, das sich bei Intragna in 75 Metern Höhe über den Isorno spannt, einen Nebenfluss der Melezza.
Wer kurz nach Intragna runterguckt, hat vielleicht das Glück, einen Blick auf die Ponte Romano zu werfen, die dort den Weg über den Gebirgsfluss ermöglicht. Ganz aus Stein erweckt sie den Anschein einer antiken Brücke. Falsch. Die Baumeister, zwei Brüder, haben sie 1578 errichtet, der Volksmund nannte sie später »Römerbrücke«.
Der Blick nach oben rentiert sich ebenfalls. Dichte Wälder säumen die Flanken der Riesen, deren Felsen am Gipfel die Wolken kratzen. Im Frühjahr leuchtet das frische Grün der Lärchen und Buchen, während die Gipfel noch weiße Mützen tragen. In der Herbstsonne hebt sich das gleißende Gelb der Lärchen vom dunklen Grün ab.
An die steilen Hänge hat jemand Häuschen geklebt, Straßen gibt es kaum. Deswegen überspannen Seile wie Spinnenfäden das Tal, um die Bewohner der jenseitigen Hänge mittels Materialseilbahnen mit dem Notwendigen zu versorgen.
Prossima stazione: Palagnedra. Genau genommen handelt es sich ja nur um ein »Bahnhöfle«, aber bald kommt unten eine Staumauer ins Blickfeld, welche die Melezza daran hindert, weiter frei ins Tal zu rauschen. Stattdessen hat sich ein türkisgrüner, lang gezogener Stausee gebildet, das Bacino di Palagnedra. Und da! Auf einem Felsen, der aus dem Wasser ragt, ein Inselchen sozusagen, mit vielleicht einem Meter Durchmesser, darauf erhebt sich, ganz allein, mittendrin frei stehend, ein einzelner Baum.
Schließlich der letzte Bahnhof auf Schweizer Seite: Camedo. Ein kleines Dörfchen, über dem San Lorenzo thront. Der Tourist wird das unscheinbare Bahndepot mit großem Tor und Gleisanschluss kaum bemerken. Innen befindet sich jedoch ein Kleinod aus der Eisenbahngeschichte – der tiptop-restaurierte Eisenbahnwaggon aus dem Jahre 1923. Die Einheimischen mieten den Nostalgiezug gerne für Veranstaltungen. Für Touristen sind Camedo und andere Stationen gute Ausgangspunkte für Touren in die Berge. So liegt Camedo an der Via del Mercato, ein früherer Marktweg, der heute bei Wandernden beliebt ist. Ortskundige empfehlen von der Stazione Verdasio per Seilbahn rechtsseitig des Flusses nach Rasa hinaufzufahren. Ein Dorf mit der unfassbaren Einwohnerzahl von zwölf, das seinen ursprünglichen Charme bewahrt hat, schon weil es autofrei ist. Auf der linken Talseite führt ebenfalls eine Seilbahn hinauf zum Monte Comino als Ausgangspunkt schöner Spaziergänge mit Panoramablick.
Und wer am Ausgangspunkt Locarno, dieser Perle am Lago Maggiore, nicht auch Erholung findet – dem ist nicht zu helfen. (GEA)
https://www.vigezzinacentovalli.com/de/




