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Aktuell Warschau

Hauptstadt im Wandel

Die einst graue Maus an der Weichsel modernisiert sich im Eiltempo zur hippen Metropole

Nachbildung einer Synagoge im jüdischen Museum. Hier beteten einst Juden in einem Dorf der heutigen Ukraine.
Nachbildung einer Synagoge im jüdischen Museum. Hier beteten einst Juden in einem Dorf der heutigen Ukraine. Foto: Emanuel K. Schürer
Nachbildung einer Synagoge im jüdischen Museum. Hier beteten einst Juden in einem Dorf der heutigen Ukraine.
Foto: Emanuel K. Schürer

Eine Städtetour nach Warschau? Das galt lange Zeit als absonderliche Idee. Erst mit der Fußball-Europameisterschaft vor zehn Jahren erfolgte der Startschuss für die Tourismuskarriere der polnischen Hauptstadt. Davor hatte die Metropole an der Weichsel ein eher unattraktives Image. Das ist Geschichte.

   Wer jetzt als Besucher durch Warschau streift, spaziert durch eine Stadt, die sich rasant verändert. Mit dem grauen, tristen Warschau der kommunistischen Zeit hat die Metropole nicht mehr viel gemein. Zu entdecken ist eine quirlige, moderne Weltstadt mit vielen neuen Wolkenkratzern, hippen Szenelokalen, großer Geschichte, interessanter Museumslandschaft und reichhaltigem Kulturleben. Die Stadt hat 1,8 bis 2,5 Millionen Einwohner – Genaueres weiß man nicht, sagt Stadtführer Antoni Wladyka. Nicht zuletzt viele ukrainische »Gastarbeiter« und Kriegsflüchtlinge machen genauere Schätzungen unmöglich.

»Stalins Torte«

Während der kommunistischen Herrschaft war das Stadtbild Warschaus geprägt vom riesigen Kulturpalast. Das 1955 fertiggestellte Hochhaus im russischen Zuckerbäckerstil war ein Geschenk der Sowjetunion an Polen. Heute fällt der Bau unter den vielen neu hochgeschossenen Wolkenkratzern im Stadtbild nur noch wegen seines Baustils auf. Der mit Antenne 237 Meter hohe Sandsteinbau war ursprünglich weiß, strahlt aber längst nicht mehr so hell. Richtig begeistert waren die Warschauer in den 50er-Jahren nicht über das sowjetische Geschenk mit seinen 3 288 Räumen, berichtet Wladyka. Man habe gar nicht gewusst, wie man die vielen Räume nutzen sollte. "Das brauchte damals niemand. Es fehlte vor allem an Wohnungen." Die Warschauer verspotteten die Gabe aus Moskau als "Stalins Stachel" oder »Stalins Torte«.

Inzwischen hat sich der Kulturpalast zum beliebten Treffpunkt gemausert. »Da geht man hin.« Ein Besuch lohnt sich auch für Touristen. Von der Aussichtsplattform auf 130 Meter Höhe kann man sich einen Überblick über die Stadt verschaffen. Am günstigsten ist ein Besuch in den Abendstunden, rät Wladyka, denn dann ist das Licht am schönsten. Zu sehen ist da etwa der Varso-Tower, das mit 310 Meter Höhe höchste Hochhaus in der Europäischen Union, und der von Stararchitekt Daniel Libeskind geplante elegante Zlota44-Tower, das höchste reine Wohnhaus in der EU. Hier soll der polnische Kicker Robert Lewandowski eine Wohnung besitzen.

Stilvolles Stadtbild

»Wir haben einen eigenen Architekturstil in Warschau. Den nennen wir Chaos«, witzelt Stadtführer Wladyka. Bauten aus allen Epochen und viel Neues nebst zahlreichen Bauprojekten prägen das Stadtbild. Am deutlichsten wird das am Pilsudski-Platz. Von ihm aus ist eine Skyline mit dem Kulturpalast und anderen Hochhäusern zu sehen. Der Platz selbst ist umrahmt von Gebäuden aus verschiedensten Bauperioden.

Ein eindeutiges Stadtzentrum hat Warschau nicht, sagt Wladyka: »Wenn man einem Taxifahrer sagt: Fahr mich ins Zentrum, dann fragt er zurück: In welches?« Ist die Altstadt gemeint, der Bahnhof, der Kulturpalast oder ein anderes? Die Wirrnis hat historische Gründe. Die deutschen Besatzer sprengten im Zweiten Weltkrieg die Gebäude. 90 Prozent der Altstadt wurden dem Erdboden gleichgemacht. Polen hat sich mit der Rekonstruktion der Bauten und Straßenzüge viel Mühe gegeben. Die wieder errichtete Altstadt wurde von der Unesco sogar zum Weltkulturerbe erklärt. Für Touristen ist sie die Sehenswürdigkeit Nummer eins, so der Stadtführer. Was Reisende mit Sinn für Geschichte an der Altstadt begeistert, komme bei den Einheimischen nicht ganz so gut an, ist zu hören. »Die Warschauer kommen hier nur her, wenn sie sich verlaufen haben«, lästert der Stadtführer. Zum Leben und Wohnen seien andere Stadtviertel viel attraktiver.

Kopernikus und Chopin

Die breite Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie verbindet die Altstadt mit dem Stadtzentrum. An ihr befinden sich große Kirchen und Paläste sowie das alte Universitätsgelände und die Kunstakademie. Vor der Akademie der Wissenschaft erinnert ein Denkmal an den Astronomen Nikolaus Kopernikus. Ein Glasquader vor der Heiligkreuz-Kirche zeigt, wie der Maler Canaletto im 18. Jahrhundert die Straße gemalt hat, und erlaubt so den Vergleich des historischen Warschau mit dem heutigen.

Das Herz des Komponisten Frederic Chopin ist in der Kirche begraben. Sitzbänke davor spielen kurze Musikstücke von ihm. Wer mehr Lust auf Chopin hat, kann den Lazienki-Park besuchen. Dort gibt es beim Chopin-Denkmal in der warmen Jahreszeit sonntags um 12 und 16 Uhr hochkarätige Klavierkonzerte umsonst und draußen. Den historischen Marktplatz Warschaus ziert die Statue einer Seejungfrau. Warum, lässt sich heute nicht mehr klären, weil große Teile der Archive im Lauf der Geschichte zerstört wurden.

Jüdische Kultur

Warschau beherbergte einst die größte jüdische Gemeinde Europas und galt als kulturelles Zentrum des Judentums. Mitten im einstigen Ghetto-Gelände ist das Denkmal für die Helden des jüdischen Aufstands von 1943. Hier ist der deutsche Bundeskanzler Willy Brand 1970 niedergekniet – eine Geste, die als Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg verstanden wurde. Das Museum für die Geschichte der polnischen Juden gegenüber erinnert nicht nur an die Judenverfolgung durch die Nazis, sondern präsentiert jüdisches Leben und jüdische Kultur vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Es lohnt sich, für einen Besuch viel Zeit einzuplanen und im Museumsrestaurant koscheres Essen zu probieren.

Der Warschauer Stadtteil Praga liegt am anderen Ufer der Weichsel. Auch hier wird im Eiltempo neu- und umgebaut. Vor kurzem wurde hier das Centrum Proskie Koneser eröffnet. Es war bis 2007 eine Wodkafabrik, heute finden sich hier Büros von Firmen wie Google, Gastronomie und Läden.

Hochprozentig

Interessant ist das Wodka-Museum. Das hochprozentige Getränk aus Roggen, Weizen, Gerste oder Kartoffeln hat in Polen rund 500 Jahre Tradition. Ausschließlich um polnischen Wodka geht es im Warschauer Museum. Hier erfährt man, dass das Wort »Wodka« ursprünglich vom polnischen Wort für einen Teich auf dem Land stammt. »Es ist kein russisches Wort, wie leider fälschlicherweise im Duden angegeben ist«, betont der polnische Museumsführer. Die spezielle Trinkkultur, nach der die Wodkagläser nach einem Trinkspruch immer gleichzeitig geleert wurden, wird heute kaum noch gepflegt, heißt es. Zum Museumsbesuch gehört auch eine Verkostung.

Ebenfalls im Stadtteil Praga findet sich das Neon-Museum mit seinen vielen Neonreklamen. Im vorigen Jahrhundert sei Warschau für seine Neonschilder berühmt gewesen, sagt der Museumschef David Hill. Die Neonzeichen seien im kommunistischen Polen oft ohne Rücksicht auf die Kosten von berühmten Grafikkünstlern im staatlichen Auftrag designt worden. Heute verfügt sein Museum rund 300 davon, 130 wurden renoviert und funktionieren wieder. (GEA)

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