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Allheilmittel Latschenkiefer: Eine Duftreise ins Sarntal

Die Bauern und Brenner im Hochtal oberhalb von Bozen leben nach den Regeln der Natur.

Ein grün-braunes Meer voller Latschenkiefern prägt das Sarntal oberhalb von Bozen.  FOTOS: SCHWAIBOLD
Ein grün-braunes Meer voller Latschenkiefern prägt das Sarntal oberhalb von Bozen. FOTOS: SCHWAIBOLD
Ein grün-braunes Meer voller Latschenkiefern prägt das Sarntal oberhalb von Bozen. FOTOS: SCHWAIBOLD

SARNTAL. Soweit das Auge blickt: Wer bei Reinswald im Sarntal vom Pichlberg zur Getrumalm wandert, dem eröffnet sich in der Ferne ein grandioses Panorama. Zum Greifen nah scheinen hier die Dolomiten, obwohl sie eigentlich noch weit entfernt sind. Doch vor allem sehen die Wanderer ein grün-braunes Meer voller Latschenkiefern. Von Mai bis Oktober werden sie geerntet, und trotzdem werden es nicht weniger, weiß Christine Eschgfeller: »Es wächst mehr nach als wir ernten«.

Christine muss es wissen. Sie und ihr Mann Philipp betreiben eine von drei Latschenbrennereien im Sarntal. Es ist die drittgrößte Gemeinde Italiens, mehr als 300 Quadratkilometer groß, und doch auch klein: Gerade mal rund 7.200 Einwohner wohnen in diesem abgelegenen Tal oberhalb von Bozen.

In der Triaszeit ist hier einst ein Vulkan ausgebrochen, und seither steckt saurer Vulkanit in der Erde. »Deshalb wächst die Latsche bei uns so gut«, sagt Christine. Auf einer Fläche von gut 2.000 Hektar sind die Latschen verbreitet, das macht fast ein Drittel der Latschenbestände von ganz Südtirol aus. Würden sie nicht Jahr für Jahr geerntet, würden die Weiden und Wanderwege rasch zuwachsen und verwildern. So aber haben sie im Sarntal ein kleines Wanderparadies geschaffen.

Öl aus Holz gewinnen

Die Eschgfellers sind einer der letzten Latschenbrenner im Tal. Aus den Nadeln, Zweigspitzen und Zapfen gewinnen sie mittels Wasserdampfdestillation das kostbare ätherische Öl. Seine besondere Note duftet frisch, waldig und harzig – und erdet die Menschen. Die Produkte, die daraus entstehen, sind vielfältig und reichen von Naturkosmetik, Massageölen, Likören, Raumdüften bis hin zu Handarbeiten und Schokolade. Der Aufwand ist enorm: Um einen Liter Öl zu gewinnen, braucht man rund 300 Kilogramm Latschenmaterial. Der Wasserdampf entzieht dem Häckselgut das ätherische Öl. Das Verfahren ist uralt, schon die Ägypter haben es angewandt. Christine schwärmt: »Das Großartige ist doch, dass man aus einem Stück Holz ein Öl herausholen kann.«

Aber auch ein Latschenkieferbad kann bei ihr genommen werden. Wer sich traut, wird im Freien in ein Tuch eingewickelt und ringsum mit warmem Latschenhäckselgut zugedeckt, das nach der Destillation übrig geblieben ist. 25 Minuten dauert die Zeremonie, danach folgt ein kalter Schlauchguss. Zum guten Schluss ruht der Gast auf einer Liege nach, damit der Körper sich regeneriert. Die Haut fühlt sich nach der Anwendung butterweich an.

»Seele der Pflanze«

»Duftreise zu den Zirben des Sarntals«, nennt Christine Eschgfeller ihre geführten Wanderungen, die sie ebenfalls im Programm hat. Katharina aus Stuttgart und ein Ehepaar aus München machen sich mit ihr auf den Weg. Kurz vor der Getrumalm biegt die Gruppe ab ins Latschenlabyrinth. Ein bisschen Nervenkitzel ist hier garantiert, nicht nur wegen der anspruchsvollen Kletterei durchs felsige Gestein. Denn plötzlich stoppt Katharina abrupt. Eine Kreuzotter liegt vor ihr auf einem Felsblock. »Ich glaube, die Kreuzotter hat sich noch mehr erschreckt als ich«, sagt die 24-Jährige und lacht befreit auf, als die Schlange blitzschnell im Gestrüpp verschwindet.

Es wird warm und die Sonne scheint mit voller Kraft auf die Latschen. Wer ein bisschen mit der Nase schnuppert, riecht ihr Öl sofort. Eine Erfahrung, die Christine auch aus ihrem Laden bei Unterreinswald kennt. »Wenn bei uns die gestressten Städter ankommen und im Shop die Düfte riechen, ändert sich sofort ihr Gesichtsausdruck«, erzählt sie. Denn »das Öl ist die Seele der Pflanze«, sagt die 46-Jährige »und macht was mit den Menschen«.

Historischer Saumpfad

Wer im Sarntal wandert, kommt nicht nur an Latschenkiefern vorbei. Denn die wachsen erst oberhalb von 1.800 Metern. Wer es dagegen lieber etwas abenteuerlich mag, der erkundet zum Beispiel die atemberaubende Hängebrücke über das Marterloch. Mit 130 Metern Höhe und 270 Metern Länge ist sie eine spannende Herausforderung. Schwindelfrei sollte man schon sein. So manchen Besucher animiert die Brücke sogar zu besonderen Maßnahmen. Andreas Roth etwa holt seine Handpuppe »Wiwaldi« aus dem Rucksack und spricht damit für seiner Enkelin eine leicht verwackelte Grußbotschaft ins Handy. Der 64-Jährige aus Baden-Baden ist ein regelmäßiger Gast im Sarntal, weil er mit seiner Frau »nicht die touristischen Hotspots sucht, sondern die Ruhe«. Das betont auch Walter Perkmann, der Geschäftsführer des Tourismusvereins Sarntal: »Wir müssen unsere unberührte Natur unbedingt erhalten und dürfen keine großen Sünden machen.«

Der Weg zur Brücke übers Marterloch jedenfalls folgt einem historischen Saumpfad, der über Jahrhunderte die einzige Verbindung zwischen Bozen und dem Tal war. Die Schlucht war einst die Schlüsselstelle des Saumpfads ins Sarntal. Denn früher hatten selbst die nah gelegenen Bozner kaum den Weg dorthin gefunden. Das hat sich längst geändert. Moderne Straßentunnel führen auf direktem Weg nach Sarnthein, der größten Gemeinde im Tal.

Allheilmittel der Bauern

Hier hat sich 1989 der VfB Stuttgart im Trainingslager auf das größte Spiel seiner Vereinsgeschichte vorbereitet: die Uefa-Cup-Endspiele gegen den SSC Neapel. Tourismusmanager Perkmann erinnert sich gleich zweifach: zum einen stand er vor fast 40 Jahren in der einheimischen Auswahlmannschaft, die damals ein Trainingsspiel gegen den VfB mit 1:8 verlor. Und zum anderen war er von den Stuttgartern später zum Final-Rückspiel ins Neckarstadion eingeladen worden, als Napoli mit dem großen Maradona den VfB in zwei hart umkämpften Partien nicht zuletzt mit Hilfe des Schiedsrichters gerade noch so in die Schranken wies. Im Stadion zeigte die Abordnung um Perkmann stolz ihr Plakat: Sarntal grüßt den VfB!

Zusammenhalt zählt halt noch etwas in diesem Tal, und man lebt wie eh und je nach den Regeln der Natur. Ihre Latsche nennen sie »die Kraft aus den Bergen«. Denn sie wissen: das aus der Sarntaler Latschenkiefer gewonnene Öl spendet Kraft und hilft gegen Schmerzen. Längst ist es nicht mehr nur das Allheilmittel der Bergbauern, sondern steckt auch in vielen Gesundheits- und Kosmetiklinien. (GEA)