Der Bildschirm des Laptops zeigt ein komplexes Strukturverzeichnis: An oberster Stelle steht »Digitales Archiv«, darauf folgt »Archivalien«, schließlich erreicht das Verzeichnis das eigentliche Dokument. Nach diesem Muster sollen künftig auch die E-Mails von Ex-Regierungschef Stefan Mappus (CDU) im baden-württembergischen Landesarchiv gespeichert werden, nachdem sie an diesem Freitag vom Staatsministerium übergeben wurden. Was »digital born« (digital entstanden) ist, wird digital archiviert, erklärt Landesarchiv-Präsident Robert Kretzschmar. Nach Ablauf der Sperrfrist von 30 Jahren sind die Mails dann für jedermann einsehbar.
Die Mails waren politischer Zündstoff - und sind deshalb auch von historischem Wert für das Landesarchiv. Die grün-rote Landesregierung hatte gehofft, dass sie im Untersuchungsausschuss Schlossgarten II Aufschluss über einen möglichen Einfluss von Ex-Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) auf den harten Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Kritiker Ende September 2010 geben können. Doch zwei Gerichte entschieden dagegen - und für die Löschung auf den Servern des Staatsministeriums. »Was wesentlich ist: Was im Archiv ist, ist auf Dauer dort verwahrt«, sagt Kretzschmar. »Regierungshandeln soll für die zukünftige Geschichtsschreibung nachvollziehbar sein.«
In den Magazinen lagern - bei angenehmen 18 Grad und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit - in drei unterirdischen Stockwerken Schriftdokumente aus dem Mittelalter bis heute. Hobbyforscher wie Wissenschaftler finden dort Urkunden mit faustgroßen Wachssiegeln, Akten über Hexenprozesse aus dem 17. Jahrhundert, Protokolle des herzoglichen Rats, gemalte Landkarten in knallig bunten Farben und Poster mit Kriegspropaganda. Im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart reihen sich 25 Kilometer Archivgut aneinander. Zusammen mit den Akten aus den anderen acht Standorten des Landesarchivs sind es 148 Kilometer.
Was ins Archiv genommen wird und was nicht, darüber entscheiden allein die Archivare. Die Regierung darf keinen Einfluss auf sie nehmen. Die Behörden müssen alle Unterlagen, die sie nicht mehr benötigen beziehungsweise nach Ablauf bestimmter Fristen, dem Landesarchiv anbieten. »Sie dürfen nach dem Landesarchivgesetz nichts ohne uns vernichten«, sagt Kretzschmar. Ist aus vergangener Zeit relativ wenig überliefert, kämpfen die Archivare mittlerweile mit einem Massenproblem. »Und das wird immer größer. Jedes Stück, das wir verwahren, kostet etwas - Personal, Raum, Zeit.«
Die Digitalisierung hat die Arbeit der Archivare verändert. »Die Mappus-Emails sind ein typisches Beispiel für den Medienwandel. Für uns sind sie auch ein Vorgang, der für die Veränderungen in der Kommunikation und Aktenführung steht«, sagt Kretzschmar. Die Digitalisierung hat nicht nur E-Mails und Internet-Seiten zu Archivmaterial gemacht, sie hat auch Papierakten vervielfacht. Bei den Behörden werde viel ausgedruckt, etwa Power-Point-Präsentationen. »Künftige Generationen werden es nicht einfacher haben, wenn sie in den Akten aus unserer Zeit recherchieren«, meint der Archivar.
Der stellvertretende Präsident des Archivs, Gerald Maier, nennt die Arbeit der Archivare »Informationsmanagement«. Seitdem digitale Archivalien hinzugekommen sind, sei eine weitere Herausforderung, dass die technischen Systeme stets auf den neuesten Stand gebracht werden müssen. »Alte Formate werden in neue Formate umgesetzt, so dass die Dokumente immer lesbar bleiben. Wir wollen diese Archivalien über Jahrtausende erhalten.«
Was an der Arbeit im Archiv oftmals verstaubt, rückwärtsgewandt oder vergangen daherkommt, hat eigentlich viel mehr zu tun mit dem Antizipieren der Zukunft. Was sollen künftige Generationen über die Gegenwart erfahren? Was war politisch relevant und muss genau so festgehalten werden? »Unsere Aufgabe ist es, Unterlagen, die zum Zwecke der Verwaltung entstanden sind, zu nutzbaren historischen Quellen zu machen«, sagt Kretzschmar. Waren Verwaltungsunterlagen vor dem 19. Jahrhundert Herrschaftswissen, ist das Archiv zu einer öffentlichen Einrichtung und Forschungsstätte geworden. Kretzschmar nennt es »Gedächtnis der Gesellschaft«. (dpa)

