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Aktuell Konflikte

Wie Putin die Geschichte manipuliert

Die Ukraine sei ein untrennbarer Teil Russlands, sagt der russische Präsident. Stimmt nicht, sagen Historiker.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat Verhandlungen angeboten.
Russlands Präsident Wladimir Putin hat Verhandlungen angeboten. Foto: NIKOLSKY/DPA
Russlands Präsident Wladimir Putin hat Verhandlungen angeboten.
Foto: NIKOLSKY/DPA

KIEW/MOSKAU. Russland und die Ukraine gehören zusammen. Nicht nur weil sie sich räumlich nahe sind und eine gemeinsame Geschichte in der Sowjetunion haben. Das behauptet zumindest Russlands Präsident Wladimir Putin. Russland und Ukraine seien historisch gesehen eine Nation, behauptet er und rechtfertigt damit seine Expansionspolitik im Osten der Ukraine. Eine Darstellung, der Historiker und Politologen vehement widersprechen. »Politisch bisher ohne Einfluss in Kiew, versucht der Kreml mit allen Mitteln, die Ukraine zu destabilisieren. Weil in Putins bizarrem Weltbild Russland nur als ein Imperium mit einer eigenen Einflusszone existiert oder gar nicht, gilt dem Kreml die Hegemonie über die Ukraine als Axiom russischer Machtpolitik«, erklärt der Leiter des Instituts für Osteuropäische Geschichte der Uni Tübingen, Prof. Klaus Gestwa, dem GEA. Wir werfen einen Blick auf die Geschichte der beiden Länder, um einordnen zu können, wie Putins Äußerungen zu verstehen sind.

- Was ist Putins Standpunkt?

»Die Ukraine ist für uns nicht nur ein Nachbarstaat«, sagt Putin in seiner Rede, nachdem russische Soldaten in der Ostukraine einmarschiert sind. »Sie ist untrennbarer Teil unserer gemeinsamen Geschichte, Kultur, geistlichen Raums.« Die Ukraine ist für Putin also kein eigener Staat, keine eigenständige Nation.

- Sind diese Ansichten neu?

Nein, mit einem Aufsatz zur »historischen Einheit von Russen und Ukrainern« hatte der Kremlchef schon im Juli 2021 für Aufsehen gesorgt. In seiner Ukraine-Rede schockierte Russlands Präsident die Weltöffentlichkeit nun mit der Behauptung, die heutige Ukraine sei »ganz und gar von Russland erschaffen«.

- Was steckt hinter derartigen Behauptungen?

Ebenso wie Russland und Belarus sieht sich die Ukraine in der Nachfolge des mittelalterlichen Reiches der sogenannten Kiewer Rus, das die Ostslawen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer vereinte. Das war ein Zusammenschluss von Fürstentümern, gegründet von normannischen Warägern. Nach der Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert zerfällt es in mehrere Fürstentümer. Während der westliche Teil des Gebietes im 16. Jahrhundert zunächst unter polnische Herrschaft gerät, stellt sich die Osthälfte 1654 unter den Schutz des Moskauer Zaren.

Foto: Deutsche Presse Agentur
Foto: Deutsche Presse Agentur

Als Folge der polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert spalten Russland und Österreich dann auch das restliche Gebiet unter sich auf. Unter der Herrschaft der Habsburger können sich Sprache und Kultur der Ukrainer frei entfalten – im Zarenreich sind sie »einer starken Russifizierung ausgesetzt«, heißt es bei der Landeszentrale für politische Bildung. Mit dem politischen Umbruch in Russland und der Gründung der Sowjetunion wird die Ukraine 1922 zu einer Sozialistischen Sowjetrepublik. Anders als im Zarenreich ist sie dort als eigene Nation anerkannt. Ihre Sprache wurde anerkannt, ukrainische Kultur gefördert. Das war unter Lenin. Nach dessen Tod, als Stalin die Macht in der Sowjetunion übernommen hatte, änderte sich die Lage. Dem »Holodomor«, dem Hungertod nach der Zwangskollektivierung Anfang der Dreißigerjahre, fielen knapp vier Millionen Ukrainer zum Opfer. Für die Ukraine ist unbestreitbar, dass sich sowjetische Aggression gegen sie als ukrainisches Volk richtete, dass es sich um Völkermord handelt.

- Wie steht Putin zu der Rolle Lenins und Stalins?

Lenin, unter dem es der Ukraine innerhalb der Sowjetunion gut ging, kam in Putins live im russischen Fernsehen übertragener einstündiger Geschichtslektion am 21. Februar schlecht weg. Anstelle einer auf Moskau ausgerichteten Machtvertikale habe er dem neuen Sowjetimperium eine föderale Ordnung gegeben und damit überhaupt erst die Ukraine als eigenständige Sowjetrepublik geschaffen. Die Kiewer Führung habe dann 1991 den Austrittsparagrafen in der unter Stalin nicht umgeschriebenen sowjetischen Verfassung genutzt, um ihre Eigenstaatlichkeit zu erklären. Putin, so der Tübinger Historiker Gestwa, sieht Lenin damit verantwortlich für einen Geburtsfehler des Sowjetimperiums, der dieses schließlich zerfallen ließ. »So simpel ist die Geschichte zwar nicht, aber das passt gut in Putins Weltbild«, wie Gestwa sagt.

Stalin, verantwortlich für den Völkermord an den Ukrainern, hingegen erscheine in Putins Geschichtsbild nicht mehr als brutaler Despot und Menschenschlächter, sondern als durchgreifender Industrialisierungsmanager und Kriegstriumphator, so Gestwas Urteil.

- Und wie verhält es sich bei der Krim?

Zarin Katharina die Große hatte die strategisch bedeutsame Halbinsel im Schwarzen Meer 1783 »von nun an und für alle Zeiten« annektieren lassen. Zum 300. Jahrestag der Vereinigung von Russen und Ukrainern 1954 gliedert der aus der Ukraine stammende Kremlchef Nikita Chruschtschow die mehrheitlich von Russen bewohnte Krim der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik an.

Seit dem Zerfall der UdSSR 1991 gehört die Krim zur unabhängigen Ukraine – und birgt bis heute Konfliktpotenzial. Auf den Sturz einer gewählten prorussischen Regierung 2014 reagiert Moskau nach einem umstrittenen Referendum mit der vom Westen als völkerrechtswidrig verurteilten Annexion der Halbinsel.

- Warum beruft sich Putin gerade jetzt wieder auf die Geschichte?

Die Russen sind stolz auf ihre Geschichte. Und da holt Putin die Menschen in seinem Land im Augenblick ab. Gleichzeitig lenkt der Präsident von politischen Repressionen und ökonomischer Stagnation im Inneren ab, wie Gestwa betont. Mit den militärischen Offensiven in der Ostukraine (Spätsommer 2015), besonders aber mit der »Heimholung der Krim«, die in Wirklichkeit eine Annexion ist, habe Putin einen wunden Nerv in der »von neoimperialen Phantomschmerzen geplagten russischen Gesellschaft« getroffen, wie der Tübinger Historiker erläutert: » Die Moskauer Propaganda zeichnete mit triumphalem Pathos das Bild eines vermeintlich jahrelang gedemütigten Russlands, das sich unter Putins entschlossener Führung endlich von seinen Knien erhoben habe, um dem Westen die Stirn zu bieten. Das ließ Putins zuvor fallende Popularitätswerte wieder in die Höhe schießen«. (GEA)