NÜRNBERG. Im April musste der Nürnberger Jesuitenpater Jörg Alt für 25 Tage ins Gefängnis, weil er eine Geldstrafe nicht bezahlen wollte. Nun stellte der katholische Ordensmann, der studierter Philosoph ist, die Erkenntnisse seines Aufenthalts in der Nürnberger Justizvollzugsanstalt in einer 40-seitigen Studie vor und machte Anregungen für eine Reform des Strafvollzugs.
- Sitzen die richtigen Leute im Gefängnis?
Als Pater Alt nach Anlegung der Gefängniskleidung von einem JVA-Vollzugsbediensteten in die Haftzelle gebracht wurde, fragte dieser, wie lange er einsitzen müsse. »Nicht lange – nur 25 Tage« sagte ich.»Jeder Tag hier drinnen ist ein Tag umsonst«, war seine Antwort. Alt fragte den Beamten wie er das meine. »Viele hier brauchen psychologische Betreuung oder Suchtberatung, andere einen Streetworker und dann haben wir einen kleinen Rest, der gehört ins Gefängnis«, antwortete der Beamte.
- Welche Erfahrungen machte der Priester mit anderen Gefangenen?
»Eines Tages wurde meine Zelle mit Wasser geflutet«, berichtet Alt. Der Grund dafür war, dass ein Häftling aus Protest gegen seine Unterbringung und Versorgung seine Toilette verstopfte und dann die Spülung so oft betätigte, bis der Korridor und angrenzende Zellen überschwemmt wurden. Daraufhin wurde diesem Häftling das Wasser abgedreht, was dann für diesen ein Problem mit der Toilette und Trinkwasser bedeutete. Andere Häftlinge verschmieren die Wände tatsächlich mit Kot oder Essen, insbesondere die Kamera, wenn sie sich gegen die permanente Beobachtung zur Wehr setzen.
- Wie erlebte der Mönch Gewalt von Häftlingen gegen JVA-Bedienstete?
»Gewalt von Häftlingen gegenüber Bediensteten kommt vor, während meiner Zeit in der JVA standen diese offensichtlich im Kontext von Drogenkonsum oder Entzug«, schildert Alt. Ein tragischer Fall sei ein 16-jähriger gewesen, der mit seinem Essgeschirr aus Blech einen Beamten schlug und dann neben dem Priester in den besonders gesicherten Haftraum kam. Nach Angabe der Justizvollzugsgewerkschaft komme es im Schnitt jeden Tag zu einem Vorfall von Gewalthandlungen gegen JVA-Bedienstete, so Alt.
- Berichtet der Priester auch von Gewalt der Beamten gegen Gefangene?
»Während meiner Zeit in der JVA Nürnberg, in unmittelbarer Nachbarschaft der besonders gesicherten Hafträume, kann ich solche Vorfälle nicht bestätigen«, schreibt Alt, zwar scheine der Anteil psychisch labiler Personen und Personen mit Entzugserscheinungen recht hoch zu sein und strapaziert die Nerven aller. »Trotzdem konnte ich hören, wie Vollzugsbedienstete sich mit viel Geduld mit den Eingeschlossenen zu unterhalten versuchten«, schildert der Pfarrer. sie hätten dabei auch versucht, auf die Wünsche der Beschäftigten einzugehen. Etwa nach Verpflegung, wenn dieser Wunsch außerhalb der Versorgungszeiten geäußert wurde, nachdem vorherige Angebote regulärer Kost abgelehnt wurden. Dass dann natürlich nur Brot mit Marmelade und kalter Tee greifbar waren und kein reguläres Essen liegt in der Natur der Sache und hat nichts mit bösem Willen zu tun.
- Wie ist das Essen im Knast?
In einem Zeitungsinterview zur Halbzeit seiner Haft befand Alt, das Essen sei gut und meinte damit das Mittagessen. Offenbar seine Privatmeinung, denn: »Dafür bekam ich von Gefangenen viel Kritik, denn erstens gäbe es neben dem gelobten Mittagessen noch Frühstück und Abendessen (beides wirklich gewöhnungsbedürftig), zweitens würden sich viele Speisen recht oft wiederholen, drittens sind frische Zutaten eher selten, verkocht und welk bei der Ausgabe, so deren Meinung«
- Wie einfach ist es, sich im Gefängnis verbotene Dinge zu beschaffen?
»Die Beschaffung von verbotenen Dingen wie Drogen und Handys ist kein prinzipielles Problem«, sagt der Priester. Nachfrage bestimmt das Angebot und, natürlich, den Preis. Aber selbst JVA-Bedienstete geben zu, dass ohne eine Veränderung der Nachfrage das Angebot kaum verringert werden kann – in einem Fall wurde jemand durchsucht und man fand sechs Handys. Das siebte Handy hingegen wurde nicht gefunden. Selbst in Arrestzellen, in dem nun wirklich verschärfte Kontrollmöglichkeiten bestehen, können Handys eingeschmuggelt werden.
- Wie werden Gefängnisse zweckentfremdet?
Hofgang-Gespräche waren auch Zweckentfremdungen von Justizvollzug, berichtet der Priester. Er berichtet, dass Obdachlose mit Regelmäßigkeit im Herbst Straftaten begehen, damit sie im Gefängnis überwintern können. Werden sie im Frühjahr entlassen, erhalten sie zudem Sozialkleidung mit der sie, so ein JVA-Vollzugsbediensteter, dann im Herbst wieder zurückkommen. In diesem Zusammenhang sei es auch schon vorgekommen, dass Osteuropäer sich in Deutschland einsperren lassen, um an eine vergleichsweise gute Gesundheitsversorgung zu bekommen.
- Warum werden so viele Sträflinge nach der Entlassung rückfällig?
"Ein Problem besteht darin, dass sich in bestimmten Berufsgruppen ein hoher Anteil an Ex-Knackis sammelt", weiß der Priester. Das hänge damit zusammen, dass vor allem Ex-Knacki-Arbeitgeber bereit sind, entlassene Strafgefangene überhaupt anzustellen, oder bestimmte Jobs so hart und unpopulär sind, dass niemand sonst sie machen möchte. Ein Gesprächspartner, des Priesters bekam einen gut bezahlten, wenngleich stressigen, Job als Kanalreiniger mit 24-Stunden-Notdienst. Einer seiner Kollegen war selbst Ex-Knacki und der Arbeitgeber steckte sie zusammen in der irrigen Annahme, dass die gemeinsame Vergangenheit ihnen zuträglich sei. Dieser Kollege war allerdings weiter im Drogenhandel und nutzte seine Arbeit und die so unauffällig ermöglichte Mobilität, diverse Depots zu beliefern. Als er einmal wegen seiner Familie Stress hatte und sich Sorgen machte, bot der Kollege ihm Spice zum Runterkommen an und er dachte "Einmal ist keinmal, und das brauch ich jetzt." Leider eine Fehleinschätzung, und bald war er wieder bei Crystal angelangt. Ein weiteres Problem sind nach Wahrnehmung des Geistlichen, Schulden die JVA-Insassen gegenüber kriminellen "Geldverleihern haben. "Es sind solche Abhängigkeiten, wogegen sich der Entlassene kaum wehren kann: wenn etwa bei einer Entlassung jene Gläubiger auftauchen und Gefälligkeiten einfordern lässt – mit einem Neustart in einer kriminellen Karriere", erklärt der Pater.
- Welche Reformen fordert der Pater?
Alt hat seine Forderungen in einem Zehn-Punkte-Plan zusammengestellt. Er fordert: Eine Resozialisierung soll als oberster Auftrag des Strafvollzugs festlegt werden. Zweiter Punkt ist Aufstockung des Gefängnispersonals. Seine dritte Forderung: JVA-Bedienstete brauchen mehr Hilfe zum Umgang mit schwierigen Situationen verursacht durch Drogen, psychische oder kulturelle Probleme, etwa durch Supervision oder Coaching. Alts vierte Forderung: Es braucht medizinisch-therapeutische Wege, um Drogen-Entzugserscheinungen besser vermeiden zu können. Sein fünfter Punkt: Die Zugänglichkeit zu medizinischer Versorgung rund um die Uhr muss verbessert werden. Sein sechster Vorschlag: Gefangene müssen Zugang zu einer zweiten medizinischen Meinung erhalten, wenn Beschwerden trotz Behandlung durch den zugewiesenen Arzt nicht besser werden. Siebtens fordert er: Es braucht Beschwerdeinstanz für Gefangene. Sein achter Punkt: Die Pflege sozialer Kontakte muss erleichtert werden durch Besuche, und Telefonie. Sein neunter Punkt: Die Notwendigkeit von Gefängnishaft sollte verringert werden durch Prävention, und Alternativen zur Haft. Und schließlich: Der Übergang von Haft zur Freiheit muss besser gestaltet werden, sei es durch Vollzugslockerungen oder Offenen Vollzug, durch Übergangslotsen oder eine möglichst frühe und bessere Einbeziehung von Familien. (GEA)

