REUTLINGEN. Großbaustellen wie Stuttgart21, die Hamburger Elbphilharmonie oder der neue Berliner Flughafen BER ziehen immer die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich. Allerdings sind die genannten Projekte während ihrer Erstellung mehr durch Kostensteigerungen, Bauverzögerungen und die eine oder andere Panne aufgefallen, als durch ihre pünktliche Fertigstellung. Als jüngstes Negativbeispiel dient einmal mehr der neue Bahnhof der baden-württembergischen Landeshauptstadt, dessen Eröffnungstermin erst zahlreiche Male verschoben wurde und erst kürzlich durch die Mitteilung des Bahnkonzerns nicht einmal mehr genau festgelegt ist. In anderen Ländern der Welt wird zügiger und reibungsloser gebaut, zumindest scheint es so. Doch ist es eine Tatsache, dass Deutschland keine Großprojekte mehr im selbst gesetzten Zeitrahmen kann? Eine genauere Betrachtung zeigt, dass Vergleiche nicht immer einfach sind und viele Probleme nicht aus den Bauarbeiten selbst resultieren.
Alexander Müller (Name von der Redaktion geändert) stammt aus dem Südwesten und ist mittlerweile Baurechtsexperte in Berlin und Spezialist für große Infrastrukturbauten auf der ganzen Welt. Da er aktuell in mehrere bekannte Projekte involviert ist, möchte er seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Die Umsetzung von Stuttgart21 verfolgt er schon einige Jahre, fast von Beginn an, wie er sagt. »Generell kann man nicht den einen Punkt nennen, warum es in den vergangenen Jahrzehnten mit Großbauten in der Republik nicht so wirklich klappt. Da muss man schon jede einzelne Baustelle für sich anschauen. Aber es gibt durchaus gewisse Hemmschuhe im System, die oft ursächlich für Verzögerungen sind«, erklärt Müller.
Es habe sich in gerade in der Baugesetzgebung eine mittlerweile überbordende Bürokratie aufgebaut, die in großen Teilen mit den Bedürfnissen von modernen Bauabläufen nicht mehr vereinbar sei. Dies beginne bei »endlosen Genehmigungsverfahren«, die oft genug schon den Baustart unnötig verzögern würden, bis hin zur stetigen Abstimmung mit diversen Gremien auf kommunaler, landes- und bundespolitischer Ebene. Bei hochkomplexen Bauprojekten könne im Vergabeverfahren nicht das wichtigste Kriterium sein, dass der günstigste Bieter den Zuschlag bekomme, sagt Müller mit einem Kopfschütteln.
»Das ist das alte Prinzip von zu vielen Köche, die den Brei am Ende verderben. In anderen Ländern, wie beispielsweise Frankreich, gibt es auch einen gewissen Föderalismus. Aber bei Großprojekten haben die ausführenden Unternehmen einen Ansprechpartner. Das verschlankt die Abläufe und schafft deutlich mehr Flexibilität.« Zudem müsse man bedenken, dass es in vielen Ländern der Welt keine Strukturen mit rechtsstaatlich abgesicherten Ausschreibungen und Vergaben gebe. »Da bekommt meist das größte Bauunternehmen den Zuschlag oder eben auch das, bei dem der Chef die besten Beziehungen zur Regierung hat.«
Stuttgart21 sei dafür geradezu ein Paradebeispiel, wie Bürokratie und zahlreiche Beteiligte einen Bau verlangsamen können. Natürlich habe der Bahnhof auch mit baulichen Problemen wie beispielsweise durch den schlechten Untergrund und den damit verbundenen Planungsänderung zu kämpfen gehabt. Nicht zu vergessen die rechtlichen Auseinandersetzungen, die die Weiterführung erschwert haben. Doch generell sieht Alexander Müller die scheinbar endlosen Abstimmung und das Projektmanagement der vielen Beteiligten wie der Bahn, den Bauunternehmen, Behörden und der Politik ursächlich für die größten Verzögerungen.
Die explodierenden Baukosten resultierten, laut dem Bauexperten, größtenteils durch diese Verzögerungen. »Deswegen macht man ja einen Bauzeitenplan. Wenn große Projekte über mehrere Jahre, manchmal ein Jahrzehnt, gebaut werden, sind Kostenschätzungen irgendwann nicht mehr realistisch. Besonders in den vergangenen zwanzig Jahren sind viele abrupt und manchmal unerwartet Kosten gestiegen - bei Preisen von Rohstoffen wie Stahl und Beton oder Tariflöhnen.« Dies wiederum bedinge Nachfinanzierungen, welche bei staatlichen Baustellen wiederum durch Gremien genehmigt werden müssten, was zu neuen Zeitverzögerungen führe. Blickt Müller in die vergangenen drei Jahrzehnte zurück, hätte geraden nach dem Jahrtausendwechsel dann noch die mangelhafte Digitalisierung in den Behörden ihren Beitrag zu Verspätungen beigetragen. Dies habe sich allerdings in den vergangenen Jahren aber deutlich verbessert und spiele kaum noch eine Rolle.
Ein weiterer bedeutsamer Grund, warum Bauten nicht vorankommen, sind laut Müller selbstgesetzte Standards und Regularien. »Da gibt es endlos viele Beispiele. Wir regulieren alles, bis hin zur chemischen Zusammensetzung des Gummimaterials eines Türstoppers.« Es gehe hier nicht um die Standards, die wichtig sind, wie genereller Brandschutz oder ähnliches. Es gehe darum, dass ein Architekt in Deutschland schon beim Entwurf für ein Funktionsgebäude geschätzt ein Drittel mehr Regularien beachten müsse, als bei einem vergleichbaren Projekt in unseren direkten EU-Nachbarstaaten, moniert Müller.
Im internationalen Wettbewerb seien die Bauabläufe an sich schon nicht mehr richtig vergleichbar. In Asien, im Nahen Osten oder auch in Amerika und manchen europäischen Ländern werde auf Großbaustellen im Schichtbetrieb, teilweise rund um die Uhr und damit auch nachts gearbeitet. In Deutschland sei industrieller Schichtbetrieb aus der handwerklichen Tradition heraus schon unüblich. Heimische Unternehmen könnten beispielsweise einen Drei-Schicht-Betrieb gar nicht umsetzen. Was nächtliche Bauarbeiten angehe, könne in Ausnahmefällen eine Genehmigung beantragt werden, doch der Weg dorthin sei kosten- und nachweisintensiv und mit vielen Auflagen verbunden.
Qualität braucht ihre Zeit
Dennoch dürfe man nicht alles schlechtreden, was große Bauprojekte in Deutschland angehe. »Viele Beispiele, die im Internet immer wieder verbreitet werden, sind wie bereits schon gesagt eigentlich nicht vergleichbar.« Das reiche von den baulichen Voraussetzungen bis hin zur Nachhaltigkeit des errichteten Gebäudes oder der Infrastruktur. Müller erinnert sich an ein Beispiel, dass während der Coronapandemie häufig die Runde machte. »Da wurde das Beispiel eines Krankenhauses in China geteilt. Das haben sie innerhalb eines Monates gebaut. Das ist mir immer wieder in Sozialen Netzwerken aufgefallen. Schaut man aber genauer hin, handelt es sich um ein recht kleines Gebäude, das «auf der grünen Wiese» entstanden ist.« Ein solches Hau-Ruck-Projekt mit dem Bau eines Krankenhauses in Deutschland gleichzusetzen sei weder realistisch noch fair.
Wenn Müller Stuttgart21 bewerten soll, schickt er erst folgendes voraus: »Ein so großes Verkehrsprojekt mitten in einer Großstadt, unterirdisch, im Bestand und unter laufendem Betrieb zu realisieren, ist mitunter das wohl am schwierigsten umzusetzende, was man sich vorstellen kann.« Müller fügt zudem an, dass bei der Elbphilharmonie oder dem BER viele ähnlich komplexe Faktoren miteinbezogen werden mussten. Auch gibt er zu bedenken, dass sich die öffentliche Hand in Deutschland gegenüber den Bürgern für die Verwendung der Steuergelder rechtfertigen müsse. »Wir bauen heute praktisch für die Ewigkeit und berücksichtigen umfangreiche wichtige Standards, wie den Brandschutz, Klimaneutralität, Energieersparnis und vieles mehr.« Entsprechend dessen sei es manchmal eben besser einen weiteren Korrekturzyklus einzubauen und eine Verzögerung in Kauf zu nehmen.
Dass die Deutschen aber auch noch pünktlich bauen können zeigen folgende Projekte:
Die Allianz-Arena bei München ist vielleicht das bekannteste der deutschen Großprojekte der letzten 30 Jahre, die vor dem geplanten Fertigstellungstermin abgeschlossen wurden. Ihre Bauzeit betrug rund drei Jahre (von 2002 bis 2005). Die geplante Fertigstellung war zur Fußball-WM 2006. Tatsächlich war das Stadion bereits im April 2005 fertiggestellt. Experten wie Alexander Müller benennen die klare Zielvorgabe zum Weltmeisterschaftstermin sowie die relativ einfache Entscheidungsstruktur und ein konsequentes Projektmanagement als Erfolgsfaktoren.
Ein weiteres Beispiel aus den vergangenen drei Jahrzehnten ist der Umbau des Reichstagsgebäudes von 1995 bis 1999. Trotz des Neubaus der Glaskuppel und dem kompletten Umbau zum Parlamentssitz wurde das Projekt pünktlich zum Umzug der Regierung fertig. Weil der Umbau klare politische Priorität hatte und die Zuständigkeiten weitestgehend klar geregelt waren und es auch wenige Planänderungen gab, war diese Unternehmung pünktlich fertig. Ferner führen Experten den hohen öffentlichen und internationalen Druck, welche der Umzug der Regierung mit sich brachte als Treiber des Erfolgs an.
Die Talbrücke Rahmede ist ein Ersatzneubau für eine 2023 abgebrochene Brücke der Autobahn 45 bei Lüdenscheid. Das alte, 453 Meter lange Bauwerk wurde täglich von rund 65.000 Fahrzeugen befahren und 2023 wegen Baufälligkeit gesprengt. Ende des gleichen Jahres begannen die Arbeiten für den Brückenneubau. Ursprünglich sollte die neue Brücke im Herbst 2026 fertiggestellt sein. Doch bereits Ende dieses Jahres war die Brücke wieder befahrbar. Einige Restarbeiten dauern noch an, trotzdem wird das Bauwerk deutlich schneller fertig als geplant.
Der Neuer Kanzlerplatz-Komplex, auch bekannt als Neues Europaquartier, ist ein Hochhausensemble im Bonner Stadtteil Gronau. Dieser wurde für rund 69 Millionen Euro zwischen 2019 und 2023 erbaut und besteht aus drei Hauptgebäuden, wobei das höchste (Hochhaus am Kanzlerplatz) mit 101,5 Metern und 28 Stockwerken das derzeit dritthöchste Gebäude in Bonn ist. Das Ensemble wurde überpünktlich Ende 2022 fertiggestellt und verfügt seitdem über 66.000 Quadratmetern an Büroflächen.



