REUTLINGEN. Die Bahn kommt, aber mit Verspätung. Das kennen Fahrgäste nicht nur von Zügen, sondern auch von Stuttgart 21. Darum überrascht es nicht, dass die für Ende 2026 angekündigte Teil-Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs jetzt abgesagt wurde. Die Verzögerung reiht sich ein in eine lange Serie von Pannen: Ursprünglich war die Eröffnung des Großprojekts für 2019 geplant, inzwischen wird ein Starttermin nicht einmal mehr genannt. Im Laufe der Zeit schnellten die Baukosten hoch von 4,5 auf 11 Milliarden Euro. Die Misere schadet allen: der Landeshauptstadt, der Bahn und dem Klima.
Deutschland hat kein Glück mit seinen Großprojekten: Nicht nur bei Stuttgart 21, sondern auch beim Hauptstadtflughafen BER, bei der Elbphilharmonie Hamburg und bei der Erweiterung des Bundeskanzleramts liefen Bauzeit und Kosten aus dem Ruder. Den Planern muss man zugestehen, dass solche Zeiträume und Geldbeträge schwer zu kalkulieren sind, dass Regeln sich ändern und Unvorgesehenes passiert. Die Bahn verweist daher zu Recht auf Bürgerklagen, Brandschutz und Artenschutz. Doch die Schuld nur bei Anderen zu suchen, ist schlechter Stil. Ebenso wie die Kommunikation: Scheibchenweise Informationen, kurzfristige Absagen, kein neuer Zeit- und Kostenplan sind Partnern und Bürgern nicht länger zuzumuten.
Mit ihrem desaströsen Krisenmanagement verspielt die Bahn das letzte bisschen Vertrauen der Fahrgäste. Die kämpfen ohnehin bereits mit Verspätungen, Ausfällen und Streckensanierungen. So lockt die Bahn niemanden von der Straße auf die Schiene. Stattdessen vermasselt sie die Verkehrswende und heizt das Klima weiter auf. Sie verpasst die Chance, ein starkes Zeichen zu setzen: Dass Deutschland preiswerte, umweltfreundliche, digitale Mobilität kann. (GEA)

