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Aktuell GEA-Serie

Streitgespräch über das Tempolimit: »Autofahren muss Spaß machen«

»Lass uns reden«: Mit dieser Serie will der GEA Menschen unterschiedlicher Meinung zum Diskutieren bringen. Dieses Mal zum Thema Tempolimit. Kurt Ziegler (56) besitzt ein schnelles Auto, der Fahrspaß ist ihm wichtig. Auch Gert-Henning Spellenberg (68) kommt gerne flott voran, ist dennoch für ein Tempolimit. Beide trafen sich an einem Parkplatz an der B 28, um über dieses Thema zu sprechen

Gert-Henning Spellenberg (links) und Kurt Ziegler haben an einem Parkplatz an der B 28 über das Thema Tempolimit gesprochen. Foto: Niethammer
Gert-Henning Spellenberg (links) und Kurt Ziegler haben an einem Parkplatz an der B 28 über das Thema Tempolimit gesprochen.
Foto: Niethammer
REUTLINGEN. »Das Thema Tempolimit ist ja so was von ausgelutscht«, sagt Gert-Henning Spellenberg. Sein Gesprächspartner Kurt Ziegler stimmt ihm zu. Trotzdem haben sich beide auf den Aufruf zum fünften und letzten Teil der Serie »Lass uns reden« beim GEA gemeldet.

Die Debatte über eine flächendeckende Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Schnellstraßen wird in Deutschland tatsächlich seit Jahrzehnten geführt. Und man muss den beiden Gesprächspartnern eingestehen: Das Thema Tempolimit ist ausgelutscht und wäre schon längst vom Tisch, wenn nicht der Bundesvorsitzende der Grünen, Robert Habeck, vor einem Monat erneut diesen Themenkomplex angesprochen hätte. Falls die Grünen ein Teil der nächsten Bundesregierung werden sollten, wäre ein generelles Tempo von 130 Stundenkilometer auf Autobahnen eine ihrer ersten Amtshandlungen. Parteichef Habeck sagte in einem Interview: »Es gibt kein Recht auf Rasen in Deutschland.« Dadurch könne man die Kohlendioxid-Emission reduzieren und die Umwelt schützen. Außerdem könne man Staus verringern und für mehr Sicherheit sorgen, so die Argumentationslage Habecks.Viele Parteien sind dagegenBei einer Abstimmung im Bundestag scheiterte ein Vorstoß der Grünen bereits 2019. Die Gegenwehr anderer Parteien war zu groß. Die CDU ist klar gegen eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Genauso wie die FDP: »Ein generelles Tempolimit auf Autobahnen sowie die weitere Absenkung allgemeiner Höchstgeschwindigkeiten lehnen wir ab«, schreiben sie auf ihrer Homepage. Auch bei der AfD sieht’s ähnlich aus: »Für die AfD ist das selbst genutzte Auto ein Symbol der Freiheit, und ein sachlich nicht begründetes, allgemeines Tempolimit wird von uns abgelehnt«, verkündete Dirk Spaniel, verkehrspolitische Sprecher. Unterstützung bekommen die Grünen von den Linken. Sie wollen ein Tempolimit auf Autobahnen sogar von 120 Stundenkilometern.

Auch die Bundeskanzlerin steht derweil kritisch zum Tempolimit: »Ich persönlich bin der Meinung, dass die heute gängigen, angepassten Geschwindigkeiten, die auch sehr variieren können mit der Tageszeit, ausreichen, um vernünftigen Verkehrsfluss hinzubekommen«, sagte Angela Merkel am gestrigen Freitag in Berlin während ihrer Sommer-Pressekonferenz. Der Empfehlung des Bundesumweltamts, eine generelle Höchstgeschwindigkeit einzuführen, schließe sie sich »im Augenblick nicht an«. Die Umweltbehörde empfiehlt ein Tempolimit auch für den Klimaschutz.

Beim Thema Tempolimit ist das Land somit gespalten. Das zeigte sich auch im »Lass-uns-reden«-Gespräch: Mit der Serie sollte eine Basis für den Dialog zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Meinung geschaffen werden. Auch zum Thema Tempolimit kamen mit Gert-Henning Spellenberg und Kurt Ziegler zwei GEA-Leser zusammen, die sich uneins waren und doch eine Gesprächsbasis fanden.

Spellenberg ist ein Befürworter des Tempolimits. Er ist ein ehemaliger Bundespolizist, 68 Jahre alt, ansässig in Jettenburg. Sein Gegenüber ist Kurt Ziegler aus Sondelfingen, ein Gegner des Tempolimits. Er ist 56 Jahre alt, Elektromeister und Geschäftsführer einer Firma in Reutlingen. Ziegler ist beruflich viel unterwegs, hat über zwei Millionen Fahrkilometer hinter sich.Aggressivität würde abnehmenDass nicht nur sie beim Thema Tempolimit nicht ruhig bleiben können, zeigte sich nach dem GEA-Aufruf auch in den Reaktionen anderer Leser: In der Redaktion gingen zahlreiche Anrufe ein. Auch in den sozialen Medien zeigten sich einige in der Kommentarspalte empört. Ein User schreibt: »Bald dürfen wir Autos kaufen, aber sie nicht fahren.« Die Thematik scheint den Menschen nahe zu stehen.

Was nehmen Sie aus diesem Gespräch mit? Volontärin Melinda Weber hält Gert-Henning Spellenbergs Fazit mit der Kamera fest. Foto: Niethammer
Was nehmen Sie aus diesem Gespräch mit? Volontärin Melinda Weber hält Gert-Henning Spellenbergs Fazit mit der Kamera fest.
Foto: Niethammer

An einem Parkplatz an der B 28 zwischen Metzingen und Reutlingen trifft an diesem Donnerstagabend Gert-Henning Spellenberg daher auf Kurt Ziegler, der mit seinem Sportschlitten mit über 700 Pferdestärken zum Gesprächsort fährt. Die Diskussion über eine mögliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen beginnt, im Hintergrund rauscht der Feierabendverkehr über die Bundesstraße.

»Wir sind das einzige Land in Europa ohne Tempolimit. Freie Fahrt auf der Autobahn. Mit einem Tempolimit gäbe es weniger brenzlige Situationen und somit weniger Tote«, startet Spellenberg in die Thematik. Generell sei er für »flottes Fahren«, man müsse dennoch ein Tempolimit einführen. »Es würde entschleunigter und dadurch gemütlicher gefahren werden.« Die Aggressivität auf der Straße würde abnehmen. Ziegler entgegnet: »Das Seltsame ist, dass in den umliegenden Ländern trotzdem mehr Unfälle passieren als in Deutschland.« Grundsätzlich ist er nicht gegen ein Tempolimit. Aber der PS-Fan fragt: Was ist überhaupt schnell? Für Spellenberg heißt das: auf der Autobahn bei 170 km/h. »Also, warum macht man das Tempolimit nicht bei 170?«, fragt Ziegler. »Dann gibt’s wieder Leute, denen es zu langsam ist«, sagt Spellenberg.

Der ehemalige Bundespolizist springt zu einem anderen Thema. »Man sagt immer: Autoland Deutschland. Unsere Automobilindustrie würde darniederliegen, wenn wir keine schnellen Fahrzeuge bauen würden.« Er hält das aber für einen Mythos. Die Firmen sollten lieber mehr sicherheitstechnische Sachen einbauen. Als Beispiel bringt er einen Abstandsassistenten ins Gespräch ein. »Mein Auto ist sieben Jahre alt und diese Technik ist drin, aber die Sensoren und die Software kosten halt«, antwortet Ziegler. Er fragt: »Wer will die Autofahrer für diese Technologie verpflichten?« Die Frage bleibt offen.

Ziegler ist dagegen der Meinung, dass doch bereits viele Streckenabschnitte auf den Autobahnen eingeschränkt seien: »Die paar tausend Kilometer zu limitieren, die noch frei sind, halte ich nicht für sinnvoll. Ich fahre schnell. Eine angenehme Reisegeschwindigkeit ist 180 km/h. Das muss aber die Straße zulassen.« Er bringt als Gegner des Tempolimits den Vorschlag, nur zu bestimmten Uhrzeiten die Geschwindigkeit einzuschränken. Beispielsweise könnte die A 8 Karlsruhe/Salzburg während der Geschäfts- oder Urlaubszeiten auf 130 km/h beschränkt werden. »Da hätte ich Verständnis für. Warum? Weil man eh nicht schneller fahren kann.« Dafür zeigt er kein Verständnis, wenn Bereiche auf 130 auch nachts bei leerer Straße reduziert sind.

»Wenn's geht, fahre ich gern schnell«: Kurt Ziegler ist gegen ein Tempolimit. Foto: Niethammer
»Wenn's geht, fahre ich gern schnell«: Kurt Ziegler ist gegen ein Tempolimit.
Foto: Niethammer

Frage: Gibt es mit Tempolimit weniger Stau? Beide sagen Nein. »Beim gleichmäßigen Fahren kommt es dennoch auf den Verkehr an. Man kann das mit einem Tempolimit nicht verhindern, aber man kann das aggressive Fahren regeln«, sagt Spellenberg. »Derjenige, der wie ein Gestörter fährt, der auffährt, Lichthupe gibt und nötigt, der lässt sich auch durch ein Tempolimit von seinem Fahrstil nicht abbringen«, entgegnet Ziegler.Kreuzfahrtschiff richtet mehr anZum Hinweis des Bundesumweltamts, langsameres Fahren sei besser für die Umwelt, haben die beiden Gesprächspartner ebenfalls unterschiedliche Meinungen. Tempolimit-Befürworter Spellenberg meint, »den CO2-Ausstoß darf man bei der heutigen Klimadiskussion nicht außer Acht lassen.« Das dauernde Gas geben, bremsen, wieder Gas geben sieht er als problematisch an. Tempolimit-Gegner Ziegler behauptet indessen, »man bewegt sich in einem solch geringen Bereich, dass es völlig uninteressant ist. Je nach Fahrstil schwankt der CO2-Ausstoß um fünf Prozent.« Ein Kreuzfahrtschiff würde deutlich mehr anrichten, so Ziegler. Spellenberg muss ihm hier zustimmen.

Nun das Fazit der beiden: »Wir sind gar nicht so weit voneinander entfernt. Gert hatte gute Argumente, konnte aber meine nicht vollständig entkräften«, sagt PS-Fan Ziegler. Etwas anders sieht das sein Gegenüber: »Wir haben uns ausgetauscht, sind aber zu keinem Ergebnis gekommen. Es ist ein sehr komplexes Thema, es gibt zu viele Faktoren, die mit reinspielen«, sagt Tempolimit-Befürworter Spellenberg. Beide sind sich aber in zwei Sachen einig: Gut, dass man über dieses emotionale Thema ruhig sprechen konnte. Und: Autofahren muss Spaß machen! (GEA)