REUTLINGEN. Jan Drexelius und Roland Heindel würden sich wohl nie begegnen, obwohl sie in der gleichen Stadt wohnen. Unsere neue GEA-Serie »Lass uns reden« hat sie zusammengeführt, und zwar gerade deshalb, weil sie so gegensätzlich sind. Wir haben Leser nach ihren Ansichten zu den Corona-Regeln befragt und wollten herausfinden, ob trotz extremer Meinungsunterschiede ein Gespräch möglich ist. Ob man die Sprachlosigkeit zwischen Corona-Gegnern und -Befürwortern überwinden kann.
Die Zuschrift von Roland Heindel stach heraus. Die Antworten waren extrem kurz. Von den fünf Fragen beantwortete er vier mit nein. Heindel ist ein ausgesprochener Kritiker der Corona-Regeln. Bei Jan Drexelius war es gerade anders herum. Drei Mal ja, einmal nein und eine ausführliche Begründung, warum die Bundesregierung in der Krise erfreulich viel unternehme, aber dennoch einige Bürger zu wenig Hilfe erhalten. Drexelius bewertet den Umgang mit dem Virus als weitgehend richtig.
Das war ideal, unterschiedliche Meinungen zu Corona und unterschiedliche Charaktere. Auf der einen Seite Heindel, 61 Jahre, verheiratet, aus Reutlingen Orschel-Hagen, der bei Bosch in Reutlingen in der Entwicklung arbeitet und der mathematisch präzise antwortet, einem digitalen ja-nein-Schema folgend. Bei ihm dient ein Gespräch in erster Linie dem Austausch von Informationen. Deshalb hat er zum Treffen mit Drexelius auch einen Packen Papier mitgebracht: Statistiken und Textausdrucke aus dem Internet. Er ordnet sich selbst als überzeugten Corona-Gegner ein und findet, dass die Gefahr übertrieben werde. Die öffentliche Berichterstattung sei durch Angstmache geprägt. Heindel informiert sich im Internet, weil ihm die Medien zu einseitig sind. Manche würden ihn als Verschwörungstheoretiker bezeichnen, sagt er selbst. Deshalb ist er zunächst skeptisch, ob er bei der GEA-Serie mitmachen soll. Er fürchtet eine Bloßstellung, die Etikettierung mit diesem abfälligen Wort Verschwörungstheoretiker, das alle Argumente vom Tisch wischt und einen als Spinner brandmarkt.
Auf der anderen Seite Drexelius, 46, verheiratet, Steuerberater aus Reutlingen-Sickenhausen. Er liebt das Gespräch, den Austausch, die Debatte. Ihm geht es nicht darum, jemand zu überzeugen. Er muss sich auch nicht rechtfertigen, weil er bei Corona eine große Mehrheit hinter sich weiß. Drexelius ist neugierig und bereit, eine andere Meinung anzuhören. Deshalb lässt er sich auf das Experiment ein.
Hoch oben auf der Achalm, dem Hausberg von Reutlingen, findet das Treffen statt. Der Blick reicht weit ins Tal, das Wetter ist schön. Ideale Voraussetzungen, um den geistigen Horizont zu weiten.
Es fängt gut an. Die beiden begegnen sich mit Sympathie. »Ich will den GEA-Lesern zeigen, dass es auch andere Meinungen zu Corona gibt, die sonst nicht so präsent sind«, beschreibt Heindel seine Motivation. »Mich stört, dass der Ton bei Corona immer härter wird«, erzählt Drexelius. Gerade in den sozialen Netzwerken werde rumgepöbelt, nur weil jemand eine differenzierte Meinung vertrete. Heindel stimmt zu. Deshalb sei der Ansatz der neuen GEA-Serie gut, sind sich beide einig. Es sei besser, miteinander statt übereinander zu sprechen. Das ist der Startschuss für die Debatte.
Für Heindel steht fest, dass die Corona-Gefahr übertrieben werde, weil es handfeste wirtschaftliche Interessen gibt. Es fällt der Name Bill Gates, der Impfmittel verkaufen wolle. Zudem unterstützte der Milliardär die Charité und damit Christian Drosten, das Robert-Koch-Institut (RKI), die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie die Tübinger Firma Curevac, die an einem Corona-Impfstoff forscht. Für ihn steht fest, es geht um wirtschaftliche Interessen. Drosten, die WHO und das RKI sind befangen. Deshalb überzeichnen sie die Gefahr.
»Jetzt muss ich aber mal was Böses sagen«, kontert Drexelius. »Genau durch diese Vermischung von verschiedenen Sachverhalten entstehen Verschwörungstheorien«, warnt er. Er verweist darauf, dass Gates einen großen Teil seines privaten Vermögens einer Stiftung überschrieben habe und ein Wohltäter sei. Dass er deshalb etwas Mitsprache einfordert, findet er nachvollziehbar. Zudem habe Gates doch ohnehin schon genug Geld und müsse nicht den Umsatz für Impfmittel hochtreiben. Auch mache die Pharmabranche nicht mit Impfmitteln das große Geld. Beim Umsatz mache dieser Bereich gerade einmal vier bis fünf Prozent aus. Für Drexelius setzt sich der US-Milliardär für die Weltgesundheit ein. Die Anschuldigungen von Heindel sind aus seiner Sicht nicht belegt.
Immer wieder kommt Heindel auf die beiden Corona-Kritiker Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi zu sprechen. Sie sind seine Kronzeugen und beide Ärzte. Auf sie stützt sich seine Kritik. Das seien doch exzellente Fachleute, die bewusst schlecht gemacht würden und viel zu selten zu Wort kommen, nur weil sie Corona-Kritiker sind, meint Heindel. Dabei sei das Buch von Bhakdi, dem thailändisch-deutschen Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologen, auf Platz fünf der Spiegel-Bestsellerliste gewesen.
Drexelius verweist darauf, dass Bhakdi ein wissenschaftlicher Außenseiter sei und eben nicht die herrschende Meinung vertrete. Das Gespräch geht hin und her, eine gemeinsame Haltung zu den beiden Corona-Kritikern finden die beiden nicht. Schließlich einigen sie sich auf die Formel, dass keiner von ihnen die wissenschaftliche Qualifikation von Bhakdi und Wodarg beurteilten könne.
Heindel kommt immer wieder darauf zurück, dass der Lockdown unsinnig war. Er kritisiert die Einschränkung der Freiheitsrechte, warnt vor einer Pflichtimpfung. Doch wenn es um die Begründung der eigenen Haltung geht, gerät das Gespräch in eine Sackgasse. Dann werden neue Statistiken oder Experten eingeführt. Doch jeder hat seine eigenen Kronzeugen, die sich natürlich widersprechen. Hier wird die Spaltung offensichtlich. Was die beiden fundamental unterscheidet, ist das Vertrauen beziehungsweise das nicht mehr vorhandene Vertrauen in Autoritäten, in den Staat. Das zieht sich durch wie ein roter Faden.
Nach etwa einer Stunde verdüstert sich der Himmel, ein Gewitter zieht auf. Das Gespräch bleibt weiterhin entspannt trotz aller Differenzen. Der Austausch scheint möglich, ohne Hass und ohne persönliche Anfeindungen.
Doch was hat das Gespräch gebracht? Hat es sich für die beiden gelohnt? Heindel fasst es so zusammen: »Wir haben nach Leibeskräften versucht, Argumente zu finden. Ich hoffe, dass ich meinen Gesprächspartner zumindest davon überzeugen konnte, auf die eine oder andere Internetseite zu schauen«, berichtet er.
Zugleich sieht er die Debatte auf der Achalm als eine Chance. »Ich finde, man muss über so kontroverse Themen reden«. Deshalb hat er seine Sorgen vor einer Zur-Schau-Stellung überwunden und sich auf das Wagnis eingelassen. Nur dann könne man andere überzeugen.
Drexelius lobt den guten Debattenstil. »Wir haben uns ruhig unterhalten und sind respektvoll miteinander umgegangen«. Inhaltlich haben sie nicht zusammengefunden. Dazu seien die Auffassungen zu konträr. Dennoch bleibt die Begegnung auf der Achalm für ihn nicht folgenlos. »Mein Gesprächspartner hat mir ans Herz gelegt, dass ich mich mit Herrn Bhakdi auseinandersetzen soll.« Drexelius kennt zwar den Namen und die Haltung des Mikrobiologen, aber er räumt ein, dass er sich bislang nur oberflächlich mit dem Corona-Kritiker auseinandergesetzt habe. »Ich werde mich unter Berücksichtigung verschiedener Quellen über Bhakdi kundig machen«, verspricht er, auch wenn seine Skepsis weiterhin überwiegt.
Der vereinbarte Dialog ist zu Ende. Beide fahren nach Hause, jeder in seine Welt. Ihre Meinung, ihre Grundauffassung haben sie nicht geändert. Dennoch hat die Begegnung beide verändert. Sie haben erfahren, dass der Andere, egal ob Corona-Befürworter oder -Gegner, ein netter und freundlicher Mensch sein kann, den man nicht fürchten muss. Mit dem es sich zu diskutieren lohnt. Die Feindbilder wurden aufgeweicht. Doch dazu muss man miteinander reden. (GEA)





