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Aktuell Kommentar

Speicherung von Kohlendioxid: Kein Freibrief für fossile Energien

Die deutsche Industrie darf Kohlendioxid künftig im Meeresgrund speichern. Das kann eine Übergangslösung für Notfälle sein, meint Politik-Redakteurin Miriam Steinrücken. Aktuell läuft CCS jedoch Gefahr, zum Freibrief für fossile Energien zu werden.

Der Energiekonzern Vattenfall betrieb früh CCS-Pilotprojekte für große Kraftwerke. Damit hat er sich aufgrund der gesetzlichen R
Der Energiekonzern Vattenfall betrieb früh CCS-Pilotprojekte für große Kraftwerke. Damit hat er sich aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen im Lauf der Jahre jedoch aus Deutschland zurückgezogen. Foto: Foto: Rietschel/dpa
Der Energiekonzern Vattenfall betrieb früh CCS-Pilotprojekte für große Kraftwerke. Damit hat er sich aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen im Lauf der Jahre jedoch aus Deutschland zurückgezogen.
Foto: Foto: Rietschel/dpa

REUTLINGEN. Klimaretter oder Scheinlösung? Zur Speicherung von Kohlendioxid unter dem Meeresgrund gehen die Meinungen auseinander. Trotzdem hat der Bundesrat am Freitag den Weg freigemacht für die neue Technologie. Die Gesetzesnovelle erlaubt der privaten Wirtschaft in Deutschland erstmals, das Treibhausgas unterirdisch zu verpressen.

Man kann das als Fortschritt begrüßen. Schließlich will Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Auf dem Weg dahin lässt sich allerdings nicht jede Emission vermeiden. Besonders schwer tun sich Chemiebranche, Zementhersteller und Abfallverbrennung. Ihre Argumente für Carbon Capture and Storage (CCS) sind internationale Konkurrenzfähigkeit, Verbleib in Deutschland und Erhalt der Arbeitsplätze. Industrie und Politik sehen in CCS ein weiteres Instrument im klimapolitischen Werkzeugkasten.

CCS kann aber missbraucht werden als Freibrief, um an fossilen Energien festzuhalten. Besonders irritierend: Auch Gaskraftwerke dürfen laut Gesetz CCS nutzen. Das nimmt Wirtschaft und Gesellschaft den Druck, schnell auf grünen Wasserstoff umzusteigen. Statt alle Kraft in die Energiewende zu stecken, verzettelt man sich mit einer Scheinlösung. Mit neuer Infrastruktur (Pipelines, Speicher) und staatlichem Fördergeld legt Deutschland sich für Jahrzehnte fest. Und zwar auf eine energie- und kostenintensive Technologie, deren Risiken für maritime Ökosysteme derzeit nicht kalkulierbar sind.

So schlimm muss es allerdings nicht kommen. CCS kann hilfreich sein. Wenn Deutschland am Ziel der Klimaneutralität festhält. Wenn der Fokus auf CO2-Sparen statt auf CO2-Speichern liegt. Wenn die neue Technologie ausschließlich für wenige Ausnahmen gilt. Und wenn Naturschutzgebiete und Küstengewässer als potenzielle Speicherorte ausgeklammert sind. Dafür braucht es allerdings strengere Regeln, als die Gesetzesnovelle derzeit vorsieht. (GEA)

miriam.steinruecken@gea.de