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Aktuell Interview

So ist die Arbeitsmoral der Gen Z

Viele Unternehmer halten die Generation Z für faul, verwöhnt und viel zu fordernd. Der Jugendforscher Simon Schnetzer ist ganz anderer Meinung.

Nicht nur die Gen Z wünscht sich mehr Freizeit – sie kommuniziert es nur am lautesten.
Nicht nur die Gen Z wünscht sich mehr Freizeit – sie kommuniziert es nur am lautesten. Foto: Uwe Umstätter/westend61/picture alliance / Westend61
Nicht nur die Gen Z wünscht sich mehr Freizeit – sie kommuniziert es nur am lautesten.
Foto: Uwe Umstätter/westend61/picture alliance / Westend61

REUTLINGEN/KEMPTEN. Laut dem Jugendforscher Simon Schnetzer mangelt es der Jugend nicht an Leistungsbereitschaft, sie hätten aber höhere Erwartungen an ihre Arbeitgeber. Und er ist sich sicher: Erst in altersgemischten Teams zeige sich, dass die Superkraft im Miteinander entstehe.

GEA: Immer wieder gibt es Vorwürfe an die Generation Z, es mangele ihr an Leistungsbereitschaft. Ist dies aus Ihrer Sicht berechtigt?

Simon Schnetzer: Die pauschale Behauptung, der Jugend mangele es an Leistungsbereitschaft, ist falsch. Richtig ist, dass junge Menschen heute höhere Erwartungen an Arbeitgeber haben und diese auch einfordern. Wir haben einen Arbeitnehmermarkt, an den sich Führungskräfte und Arbeitgeber erst noch gewöhnen und lernen müssen, wie sie junge Menschen für Leistung motivieren.

Wie würden Sie die Gen Z beschreiben, welche Haltung zu Beruf und Arbeit hat diese Generation?

Schnetzer: Die Generation Z steht für eine Altersgruppe, die durch das Aufwachsen mit Smartphones und Social Media unglaublich viele Möglichkeiten hat. Jedoch sind sie genau deswegen, was ihre eigene Zukunft angeht, eher überfordert. Darüber hinaus haben sie in der Covid-19-Pandemie erfahren, wie wenig sie sich auf die Zukunft und ihre Pläne verlassen können. Auf ihre Arbeitseinstellung wirkt sich das direkt aus: Die Sorge davor, falsche Entscheidungen zu treffen, paralysiert einige, und sie suchen die Balance der Work-Life-Balance nicht im Ruhestand, sondern im Hier und Jetzt – beispielsweise mit der Vier-Tage-Woche.

»Den 30- bis 50-Jährigen, der Generation X und Y, ist die Work-Life-Balance wesentlich wichtiger als den Jungen.«

Viele sagen, junge Menschen wollen heutzutage generell weniger arbeiten, dafür mehr Freizeit. Ist das wirklich so, oder geht es der Gen Z in Wirklichkeit um etwas ganz anderes?

Schnetzer: Der Vergleich der Generationen in der Trendstudie »Jugend in Deutschland 2025« zeigt, dass die Angehörigen der sogenannten Gen Z nicht weniger arbeiten als ältere Altersgruppen. Allerdings fordern sie sehr klar, dass die im Arbeitsvertrag festgelegten Arbeitszeiten eingehalten oder als Überstunden vergütet werden. Die Bereitschaft, am Wochenende oder abends zu arbeiten, ist eher gering und bedarf einer soliden Bedarfserläuterung und Wertschätzung durch den Arbeitgeber. Den 30- bis 50-Jährigen, der Generation X und Y, die sich in der Rushhour des Lebens befinden, ist die Work-Life-Balance übrigens wesentlich wichtiger als den Jungen.

Es wird aus der Wirtschaft immer wieder kolportiert, die Arbeitsmoral der Gen Z wäre eine Bedrohung für unseren Wohlstand.

Schnetzer: Wer eine wichtige Rolle bei der Gen Z sieht, um den Wohlstand des Landes zu sichern, sollte diese Generation aktiv in Entscheidungen einbeziehen, damit diese sich mit der Zukunft und dem eingeschlagenen Kurs identifizieren. Schauen wir auf die Politik und Krisenbewältigung der letzten Jahre, dann sehen wir bei der Jugendbeteiligung großteils vor allem eins: Fehlanzeige.

»Wer eine wichtige Rolle bei der Gen Z sieht, um den Wohlstand des Landes zu sichern, sollte sie aktiv in Entscheidungen einbeziehen«

Sind junge Menschen vielleicht sogar produktiver, als Digital Natives in der heutigen Welt schneller unterwegs als die Generationen vor ihnen?

Schnetzer: Junge Menschen sind grundsätzlich offener für Neues. In unseren Trendformaten mit Jugendlichen sehen wir, dass sie beispielsweise KI-Tools viel mehr nutzen als ihre älteren Kolleginnen und Kollegen. Doch in altersgemischten Teams zeigt sich, dass die Superkraft im Miteinander entsteht: die Offenheit für Neues und die Ruhe sowie den Weitblick der Erfahrung.

Der Jugendforscher Simon Schnetzer.
Der Jugendforscher Simon Schnetzer. Foto: Foto: Dietrich Kühne
Der Jugendforscher Simon Schnetzer.
Foto: Foto: Dietrich Kühne

Kann die Generation Z die Arbeitswelt vielleicht sogar positiv beeinflussen?

Schnetzer: Junge Menschen der Generation Z haben die Arbeitswelt schon jetzt maßgeblich beeinflusst, weil ihre Forderungen an Arbeitgeber dieselben sind, wie die der älteren Kollegen. So gesehen ist es ein generationenübergreifender Beitrag für mehr Bedürfnisorientierung und Flexibilität bei der Arbeit. Ich habe selbst einen Gen Z-Reverse Mentor und bin Samuel Keitel dankbar dafür, wie er mich darin unterstützt, Leben, Arbeit, Trends und Zukunft durch die Brille junger Menschen zu sehen und diese Erkenntnisse unternehmerisch umzusetzen.

Zur Person

Simon Schnetzer (Jahrgang 1979) ist Jugendforscher, Speaker und Leadership-Coach. Seit 2010 veröffentlicht er die Trendstudien »Jugend in Deutschland«, die Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelten erforschen. Schnetzer studierte Volkswirtschaftslehre an der Uni Konstanz. Er bietet Firmen, Verbänden und Gemeinden Vorträge und Trainings dazu an, wie junge Leute ticken und wie man sie etwa als Mitarbeiter gewinnen und binden kann. (GEA)

Erklären Sie doch bitte, was ein Gen Z-Reverse Mentor ist.

Schnetzer: Üblicherweise ist ein Mentor eher ein älterer oder erfahrener Kollege, der den oder die Jüngere begleitet und berät. Das Reverse-Mentoring dagegen nutzt die Erfahrung und Sichtweise der Jüngeren. Das kann sowohl durch jüngere Kolleginnen erfolgen als auch durch extern rekrutierte Gen Z-Vertreter. Die externe Variante hat den Vorteil, dass diese auch wirklich Entscheidungen und Sichtweisen kritisieren. Wer dazulernen will, muss aus der Komfortzone raus und sich trauen, lieb gewonnene, aber falsche Sichtweisen mutig zu überdenken.

Wie wichtig sind altersgemischte Teams?

Schnetzer: Die Arbeit in altersgemischten Teams sind für alle Beteiligten eine Bereicherung und die Voraussetzung, um einerseits von dem Erfahrungswissen einer Organisation zu profitieren und andererseits dieses in der Organisation weiterzugeben. Diese generationenübergreifende Arbeit führt zwangsläufig auch zu Reibungen und Konflikten. Doch genau diese Reibung ist, was ausmacht, ob ein Unternehmen zukunftsfähig bleibt, oder nicht. Wer Zukunft haben will, muss sich immer wieder aus der Komfortzone heraustrauen. So gesehen sind junge Kollegen Boten für Neues und ein wahrer Segen für jede Organisation.