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Krieg und Klima: Ein ungewöhnlicher Kirchentag

In Nürnberg geht morgen ein hochpolitischer Kirchentag zu Ende - und einer, an dem einiges anders war als sonst. Das zeigt sich nicht zuletzt am Applaus des Publikums.

Kirchentag
Kanzler Olaf Scholz unterhält sich bei einem Rundgang auf dem Messegelände. Foto: Daniel Karmann
Kanzler Olaf Scholz unterhält sich bei einem Rundgang auf dem Messegelände.
Foto: Daniel Karmann

Ein Bundespräsident, der sich Gedanken darüber macht, wie Wasser zu Wein wird. Ein CDU-Chef, der sich fragt, wie es nach dem Tod weitergeht - und ein bayerischer Ministerpräsident, der in der Bibel-Geschichte über Josef und seine Brüder nicht viel mehr sieht als »«Gute Zeiten, schlechte Zeiten» in der Bibel«.

Spitzenpolitiker haben den Evangelischen Kirchentag in Nürnberg auch dazu genutzt, ihre religiösen Gedanken zu formulieren. Der eine mehr, der andere sehr viel weniger fundiert. In Erinnerung bleiben wird der Kirchentag aber nicht, weil die Politiker sich von ihrer religiösen Seite zeigen - sondern die evangelische Kirche sich explizit politisch und ganz anders, als man es von ihr kennt.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, das Umfrage-Hoch der AfD, der Klimawandel - all dies macht der Kirchentag zum Thema und gibt Spitzenpolitikern viel Raum, das auch zu tun.

Applaus für Scholz, Baerbock, Merz und Breuer

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) verteidigen den Asylkompromiss und ihre Außenpolitik im russischen Angriffskrieg, CDU-Chef Friedrich Merz wendet sich klar gegen jede Form von Appeasement-Politik Russland gegenüber. Alle drei bekommen am Samstag viel Applaus - ebenso wie am Vortag der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, mit seinem erwartbar klaren Ja zu Waffenlieferungen in das Kriegsgebiet.

Das ist zumindest so ungewöhnlich für den traditionell pazifistisch bewegten Kirchentag, dass die Organisatoren es bei der Pressekonferenz am Samstag deutlich hervorheben. Einige Politiker wären früher vielleicht eher ausgebuht worden, sagt die Generalsekretärin des Kirchentags, Kristin Jahn. »Ist vielleicht auch gut, dass sich da was ändert.« Denn die gesellschaftlichen Herausforderungen seien groß und bräuchten ein Mit-, und kein Gegeneinander.

Altbundespräsident Joachim Gauck greift das in einer Diskussionsrunde mit Baerbock auf und betont, Pazifismus sei eine wunderschöne Idee. »Leider hab ich aber lernen müssen, dass wir manchmal auch in einer romantischen Blase waren«, sagte er, und »dass es einen Unterschied gibt zwischen unseren schönen Visionen und Wünschen und dem, was politisch machbar ist«. Er betont: »Natürlich musst Du dem Überfallenen helfen. Was denn sonst?« Das sieht er wie Baerbock, die sagt: »Auf der Seite des Angreifers zu stehen, ist für mich keine Option.«

Luisa Neubauer und Carla Hinrichs zu Gast

Auch die große Herausforderung Klimawandel bekommt viel Platz auf dem Kirchentag: Die Aktivistin Luisa Neubauer ist zu Gast und wird fast gefeiert in den alten Mauern der Kirche St. Sebald. Und Carla Hinrichs von der Gruppe Letzte Generation sitzt zusammen mit Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auf dem Podium.

Die klimatischen Veränderungen sind für Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) aus Baden-Württemberg eine »Zeitenwende«. Auch er schafft den Spagat zwischen Bibel-Exegese und politischer Botschaft souverän und entlässt sein Publikum trotz der Herausforderungen durch den Klimawandel ziemlich hoffnungsvoll: »Die Zeit wird kommen - die Zeit ist schon gekommen.«

Der Kanzler freilich fühlt sich sichtlich wohler, wenn das Thema Kirche und Glaube abgehandelt ist und er nicht viel dazu sagen muss: Er ist evangelisch getauft und ausgetreten, erläutern mag er seine Beweggründe nicht. Nur so viel: Die Bibel habe er komplett gelesen und findet, das kulturelle Denken der Menschen sei davon geprägt.

Vergleichsweise klein fällt da die Zahl der Veranstaltungen zum Thema Missbrauch in der evangelischen Kirche aus - und das Interesse an der Hauptveranstaltung zum Thema zumindest auf den ersten Blick auch. Zur Podiumsdiskussion mit dem Titel »Missbrauch beim Namen nennen« bleibt der Großteil der Sitze in der Halle leer.

© dpa-infocom, dpa:230610-99-09043/3