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Aktuell INTERVIEW

Kornblum fordert mehr Geduld

MÜNCHEN. John C. Kornblum (68) ist ein heftiger Kritiker europäischer Soft Power-Politik. Der frühere hochkarätige US-Diplomat Kornblum gilt als einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Nach wie vor vermisst er Europas handfeste wirtschaftliche, militärische und politische Unterstützung der USA, wenn es um Probleme und Krisen wie jetzt beim Umbruch in der arabischen Welt geht. Kornblum hat deutsche Vorfahren und war US-Botschafter in Deutschland (1997 bis 2001). Seit dem Ende der diplomatischen Karriere arbeitet er für deutsche Firmen. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz sprach er mit GEA-Politikredakteur Jürgen Rahmig über die Krise in der arabischen Welt und Präsident Obamas Bemühungen um eine Lösung.

GEA: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den USA und Europa vor dem Hintergrund der Krise in Arabien?

John C. Kornblum: Die allgemeine Zusammenarbeit zwischen Amerika und Europa ist gut. Gerade in dieser Krise hat es enge Abstimmungen gegeben. Aber es gibt immer das alte Problem, dass die Europäer keine Ressourcen haben. Wenn es um Unterstützung von solchen Projekten geht, müssen es die Vereinigten Staaten im Endeffekt selbst machen.

Sie meinen finanzielle und militärische Unterstützung?

Kornblum: Ja, finanziell, militärisch, aber auch politisch. Das ist traurig. Das wissen auch die Europäer. So ist es im Endeffekt immer die Rolle der Vereinigten Staaten, die Initiative zu ergreifen und solche Probleme zu lösen.

Wie sehen Sie das dann mit der Reform der Bundeswehr? Werden da nicht Ressourcen abgebaut? Abschaffung der Wehrpflicht, die Reform selbst, die Sparvorgaben?

Kornblum: Herr Guttenberg sagte, die Bundeswehr wird danach fitter und stärker sein. Ich hoffe, das stimmt!

In Israel herrscht wegen der Lage in den arabischen Staaten und vor allem in Ägypten helle Aufregung. Was unternimmt Washington, um Jerusalem zu beruhigen?

Kornblum: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Aber man konsultiert sehr eng. Ich glaube, der Punkt ist, man sieht, wie Präsident Obama die Sache in die Hand nimmt. Er sagte ganz klar, dass es Demokratie geben soll und einen neuen Präsidenten, aber er will auch einen geordneten Übergang haben. Es gibt viele Leute, die sagen, das muss sofort sein, sofort eine neue Regierung, sofort Wahlen. Frau Merkel hat das in München sehr gut formuliert. Im Jahr 1989 wollten das auch alle sofort haben, und es hat fast ein Jahr gedauert - und selbst das war schon sehr schnell. Gerade wenn ein Regime fast 60 Jahre im Amt ist (Anm. der Red: Kornblum meint auch die ägyptischen Präsidenten vor Husni Mubarak), ist ein geordneter Übergang sehr wichtig. Darauf arbeiten wir hin.

Aber auf Mubarak als Übergang kann man doch nicht mehr setzen!

Kornblum: Das ist auch meine persönliche Meinung. Aber im Moment sind wir in einer Phase der Verhandlungen und Mubarak sitzt im Moment da, und sein Abgang ist auch ein Teil der Verhandlungen. Es ist sehr wichtig für alle zu verstehen, dass es, wenn man sagt, wir brauchen einen geordneten Prozess, nicht bedeutet, dass man nicht dasselbe Ziel teilt. Es ist so, wie die Kanzlerin es sagte: Dass auch sie weiß, wie ungeduldig man sein kann.

Auf ein ganz konkretes Ziel darf man sich bei diesem Prozess in solch einer Phase wohl auch nicht festlegen.

Kornblum: Nein. Man will natürlich Demokratie, eine neue Regierung und einen neuen Präsidenten, aber wie man dahin kommt, da gibt es sehr viele Unwägbarkeiten.

War man in den USA über die Ereignisse in der arabischen Welt sehr überrascht?

Kornblum: Alle waren wohl etwas überrascht. Man wusste zwar seit Jahren, dass die Lage etwas unklar war und es dort auch brodelte, aber genau zu diesem Zeitpunkt hat man das wohl nicht erwartet.

Aber man wusste doch, dass auch der ägyptische Präsident nicht jünger wird ...

Kornblum: Man wusste, dass ein Wechsel nahe war, aber nicht, dass dieser so auf der Straße passieren könnte. Ich glaube, man hat auch nicht erwartet, dass es in Tunesien passieren würde. Die westlichen Regierung blickten nach Afghanistan und anderswo hin. (GEA)