REUTLINGEN. Ein 28-Punkte-Friedensplan, der direkt aus der Feder Russlands stammt? Es scheint, als würde Hollywood an einem neuen Drehbuch für einen oscarreifen Polit-Thriller schreiben. Tatsache ist: Das Papier kommt Moskau in zentralen Forderungen weit entgegen. Es verlangt von der Ukraine schmerzhafte Zugeständnisse, wie etwa die Abtretung großer Gebiete in der Ostukraine an Russland, eine Begrenzung der Truppenstärke und den Verzicht auf einen künftigen Nato-Beitritt. Tatsache ist aber auch: Trump und seine Regierung brauchen unbedingt schnelle Erfolge, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Ein Spiel so alt wie die Politik selbst.
Als Reaktion berieten am Rande des G-20-Gipfels in Johannesburg am Wochenende Vertreter aus mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Großbritannien, sowie aus Japan, Kanada und der EU-Kommission intensiv über eine überarbeitete Version des von den USA vorgelegten Plans. Und kündeten ad hoc ein Treffen in Genf an, von dem gestern erste positive Signale kamen. Doch wie die Verhandlungen ausgehen, wie die US-Regierung und Russland auf die Änderungen reagieren, bleibt abzuwarten.
Man kann es nicht beschönigen: Europa und die Ukraine wurden mit dem neuen Friedensplan von der Regierung Trump und Russland rüde an die Wand gedrängt. Doch Europa darf jetzt nicht zulassen, dass Jahre der mühsamen, verlustreichen und nicht zuletzt teuren Verteidigung der Ukraine in einem Friedensabkommen verpufft, aus dem Putin als Sieger hervorgeht. Kanzler Merz sprach gestern von einem »Schicksalsmoment«. Es ist tatsächlich nichts weniger.

