Die Umfragewerte sind für die FDP kein Mutmacher. Bei fünf Prozent hat sich die Regierungspartei eingependelt. Für die Europawahl ist das zwar egal, aber den Wiedereinzug in den Bundestag könnten die Liberalen verpassen. Allerdings hat die FDP noch gut 17 Monate Zeit, sich wieder in die Richtung ihres letzten Ergebnisses von 11,5 Prozent zu bewegen.
Das Hauptproblem ist: Die FDP befindet sich programmatisch auf Linie mit der Union. Der Zwölf-Punkte-Plan für die »Wirtschaftswende« hat das deutlich gezeigt. Er fand viel Beifall bei CDU und CSU – wenig hingegen bei SPD und Grünen. Doch Lindner darf die Ampel-Partner nicht gänzlich verprellen. Denn ein Platzen der Koalition ist keine Option. Lindner steht also vor dem Problem, dass klassische FDP-Wähler die liberale Handschrift in der Koalition nicht erkennen und er diese nur deutlich machen kann, wenn er immer wieder auf eigenen Positionen beharrt. Wodurch er wiederum von den anderen als Störenfried wahrgenommen wird.
Auf dem Parteitag hat Lindner gezeigt, wie er mit dem Dilemma umgehen will. Er behauptet nicht einfach nur, sondern liefert zur Politik auch die Begründung. »Wir brauchen die Wirtschaftswende, weil am Ende wirtschaftliche Stärke auch ein Faktor der Geopolitik ist.« Sätze wie dieser sitzen, denn sie zeugen von staatspolitischer Verantwortung. Immer neue Schulden treiben das Land in den Ruin.
Es kommt jetzt darauf an, dass Lindner das Momentum des Parteitags in die nächsten Wochen mitnimmt. Seine Spitzenkandidatin für die Europawahl, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, könnte ihm helfen, am 9. Juni ein motivierendes Ergebnis zu erzielen. Denn am Ende kommt es nur auf die eigene Stärke an. Freunde, das machte Strack-Zimmermann deutlich, hat die FDP keine.

