Die vorderen Gleise sind schon herausgerissen, jetzt werden gewaltige Erd- und Schottermassen aus dem Boden des Stuttgarter Hauptbahnhofs gegraben. Gleichzeitig werden große Mengen Erde für den Bau des Cannstatter Tunnels zu Tage gefördert. Bagger füllen den Erdaushub des Bahnprojekts Stuttgart 21 in gelbe Container. Weiter geht es mit dem Güterzug nach Deißlingen-Lauffen bei Rottweil.
Dort werden die nachts ankommenden Container auf Lastwagen gehoben, die nach wenigen hundert Metern eine Grube des Gipstagebau-Werks Knauf erreichen. »Auf dieser kurzen Strecke werden keine öffentlichen Straßen benutzt, auch gibt es dort keine Wohnungen«, sagt der Deißlinger Bürgermeister Ralf Ulbrich (parteilos). Die Gemeinde steht dem Projekt wohlwollend gegenüber.
Ganz anders ist das in der zu Horb am Necker gehörenden Ortschaft Talheim: »Die Leute haben Angst um ihr Eigentum, um die Gesundheit, um ihre Kinder«, sagt der Sprecher der Bürgerinitiative »Talheim 21«, Dietmar Meintel. Viele der 2600 Bewohner der Ortschaft fürchten um die Lebensqualität, wenn über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg 200 000 Lastwagen durch die engen und kurvenreichen Straßen fahren. Der Besitzer des ehemaligen Steinbruchs in Talheim, das Bauunternehmen Gebr. Kaltenbach in Dornstetten, will das Loch in der Landschaft mit 1,8 Millionen Tonnen Abraum aus dem Stuttgart-21-Projekt auffüllen - das ist mit rund 900 000 Kubikmetern das Dreifache des Stuttgarter Gasometers.
Die Teilauffüllung des Steinbruchs hätte auch Vorteile, sagt der für die Stadtentwicklung zuständige Fachbereichsleiter Peter Klein. So wäre der von Kaltenbach in Aussicht gestellte Strukturbeitrag von 900 000 Euro ein willkommener Zuschuss für die geplante Sanierung der historischen Ortsdurchfahrt von Talheim. Und mit einer Auffüllung des Steinbruchs könnte auch das ursprüngliche Landschaftsbild wiederhergestellt werden. Allerdings ist an der Steilwand inzwischen der äußerst seltene Uhu heimisch geworden, auch andere geschützte Arten haben dort einen Platz gefunden. Der Gemeinderat von Horb hat seine Entscheidung am Dienstagabend erst einmal vertagt.
Die bei Schwäbisch Hall gelegene Gemeinde Michelbach an der Bilz hat sich vergeblich gegen die Auffüllung eines Steinbruchs mit Stuttgart-21-Material gewehrt. »Jetzt haben wir uns halt arrangiert«, sagt Bürgermeister Werner Dörr (parteilos). Mit den geplanten zwei Millionen Tonnen von Stuttgart 21 werde der Steinbruch Wilhelmsglück nur zu einem Drittel gefüllt - »dass wir dort mal wieder Äcker haben, ist noch in weiter Ferne.«
Seitdem die Container nach Deißlingen-Lauffen rollen, ist es in Wilhelmsglück ruhiger geworden. Zurzeit gebe es keine neuen Lieferungen, sagt der zuständige Projektingenieur Harald Schneider vom Bauunternehmen Leonhard Weiss. Dessen Lastwagen bringen die Container drei Kilometer weit vom Bahnhof Wilhelmsglück in den Steinbruch eines Schotterwerks. Seit Juli wurden dort rund 2500 Container mit etwa 70 000 Tonnen Erde abgeladen.
In Deißlingen-Lauffen ist Bürgermeister Ulbrich froh, wenn »diese Wunde in der Landschaft geschlossen wird«. Ohne den Baustellen-Schutt aus Stuttgart wäre eine Rekultivierung der Landschaft auf absehbare Zeit nicht möglich gewesen. Zurzeit läuft die Anlieferung von Erde und Steinen aus dem Stuttgart-21-Projekt noch im Testbetrieb, mit 1000 Tonnen am Tag. Dann sollen täglich 2000 Tonnen auf der Schiene über Rottweil nach Lauffen rollen, etwa vier Jahre lang. In fünf Jahren könnte das zum größten Teil der Gemeinde gehörende Land wieder an Bauern verpachtet und angepflanzt werden, erklärt der Bürgermeister. »Dann fahren dort wieder Traktoren.« (dpa)

