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Dhaka, die große Unbekannte

Das wohl Eindrucksvollste an Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ist sein Verkehrschaos. Im Bild stauen sich nur Rikschas, aber auch A
Das wohl Eindrucksvollste an Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ist sein Verkehrschaos. Im Bild stauen sich nur Rikschas, aber auch Autos kommen kaum voran. FOTOS: SCHÜRER
Das wohl Eindrucksvollste an Bangladeschs Hauptstadt Dhaka ist sein Verkehrschaos. Im Bild stauen sich nur Rikschas, aber auch Autos kommen kaum voran. FOTOS: SCHÜRER

DHAKA. Die Temperatur liegt bei 36 Grad Celsius. Wegen der Luftfeuchtigkeit von um die 90 Prozent fühlen die sich aber an wie 46 Grad. Hinzu kommen Feinstaubwerte, die dank des Verkehrs ins Astronomische gehen. Die Monsunzeit lässt grüßen. Selten hat der Spruch »Die Luft ist zum Schneiden« so gestimmt wie hier. Wer durch die Straßen von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka läuft, schwitzt. Verkehrspolizisten haben Luftfilter vor ihre Nasen geschnallt.

»Die Menschen werden bei der Hitze schnell aggressiv. Das Leben hier ist sehr, sehr hart«, sagt Mani Rahman. »Das Wasser ist sehr verschmutzt«, fährt er fort. »Nicht jeder kann hier überleben.« Der junge Mann spricht sehr gut Englisch und betätigt sich unter anderem als Fremdenführer, falls denn einmal Fremde den Weg nach Dhaka wagen. Eigentlich will Rahman vor allem Positives über seine Heimat erzählen. Das Negative erfahre man ja sowieso, sagt er und lacht.

Lukrative Rikschas

In einer Weltrangliste der lebensfeindlichsten Städte sei Dhaka weit oben, verrät Rahman. Trotzdem sei die Hauptstadt Bangladeschs eine der am schnellsten wachsenden Metropolen der Welt, sagt er. Durch die Ausdehnung der Stadt liege der Flughafen circa dreißig Jahre nach seinem Bau nun »mitten in der Stadt«. »Jeder will in die Hauptstadt, um hier Geld zu verdienen. Und am Ende des Tages sind die Menschen dann trotz allem glücklich.« Ob das für wirklich alle zutrifft, ist allerdings zu bezweifeln. Auch die Slums wachsen. Der Wohnungsmangel ist enorm.

Viele pendeln auch per Schiff auf dem Fluss Buriganga zum Arbeiten in die Hauptstadt. Manche Landarbeiter verdienen sich als Rikschafahrer etwas Geld, wenn in der Landwirtschaft nichts zu tun ist. Rikschafahren gilt als relativ einträglicher Job. Auch Rahman selbst ist vor Jahren aus dem Süden Bangladeschs nach Dhaka gezogen. »Nach zwei Monaten hatte ich einen Job«, sagt er. Er gehört nach einem Anglistik- und Literaturstudium zur Bildungselite des Landes. Bangladesch gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. In den Schlagzeilen ist es höchstens mal wegen der Arbeitsbedingungen in seiner Textilindustrie, wegen Naturkatastrophen und der über eine Million geflüchteten Rohingya aus dem Nachbarland Myanmar, die es aufgenommen hat. Als touristisches Reiseziel wird Bangladesch überhaupt nicht wahrgenommen.

»Besucht Bangladesch, bevor die Touristen kommen«, war tatsächlich ein Werbespruch des Touristenverbands. Er war zutreffend, aber offensichtlich nicht erfolgreich, denn er gilt auch heute noch. Pro Jahr kämen 330 000 Reisende hierher, 230 000 aus geschäftlichen Gründen, 100 000 als Touristen, berichtet der Fremdenführer Mani Rahman. Solche Zahlen schafft eine Stadt wie Amsterdam, Barcelona oder Venedig in einer Woche.

Tatsächlich findet man auf dem Buchmarkt aktuell keinen deutschsprachigen Reiseführer für Bangladesch. Die weltweiten Touristenströme machen einen weiten Bogen um das Land. Wer als Europäer trotzdem in die überaus quirlige Hauptstadt Dhaka gerät, kann einiges erleben und vieles sehen. Doch ein richtiges Wahrzeichen für die Stadt mit ihren geschätzt rund 20 Millionen Einwohnern gibt es nicht. Klassische Sehenswürdigkeiten sind hier Mangelware. Postkarten zum Verschicken sucht man vergeblich.

Stattdessen geraten Besucher aus Deutschland ob ihrer relativ hellen Hautfarbe allenthalben selbst zur Sehenswürdigkeit. Sie werden mehr oder weniger versteckt gemustert, von Kindern auch mal neugierig angestarrt. Mancher, der aus seiner Schulzeit etwas Englisch kann, sucht auch auf der Straße freundlich ein kurzes Gespräch oder bittet um ein gemeinsames Selfie. Und bei Gesprächsterminen gehört ein anschließendes Gruppenfoto mit den Besuchern von Auswärts zum festen Ritual.

Das mit Abstand Eindrucksvollste an Dhaka ist sein Verkehr. Selbst erfahrene Globetrotter sprechen darüber in Superlativen. Auf den mehrspurigen Straßen kämpfen Busse, Laster, Autos, Fahrrad- und Motor-Rikschas sowie Fußgänger um jeden Zentimeter Platz. Wer ein Fahrzeug steuert, darf sich keine Sekunde Unaufmerksamkeit leisten. Dauernd wird gehupt. Polizisten versuchen abends, mit star-wars-artigen Leuchtschwertern das Chaos zu ordnen. Weitgehend vergeblich. Sie riskieren dabei ihr Leben.

U- und S-Bahn gibt es in Bangladeschs Hauptstadt (noch) nicht, eine italienisch-thailändische Gesellschaft baut daran. Auch eine Schnellstraße, die kreuzungsfrei aus der Stadt hinausführen soll, ist erst im Bau. Bei Bussen ist der Lack abgerieben. Nicht an einzelnen Stellen, sondern praktisch flächendeckend, oben und unten. Nicht nur bei einzelnen Bussen, sondern bei allen, ausnahmslos. Es geht eben oft eng zu auf Dhakas Straßen.

Einheimische Journalisten berichten, dass relativ viele Patienten in Rettungswagen sterben, weil diese in den Staus steckenbleiben. Dafür sieht man makabererweise gelegentlich mit Blaulicht ausgestattete »Dead Body Freezing Vans«, was sich wohl mit Leichengefrierwagen übersetzen lässt. Bangladeschis haben ausgerechnet, dass sie durchschnittlich wohl rund zweieinhalb Stunden täglich, also circa sieben Jahre ihres Lebens in den Staus der Hauptstadt verbringen.

Das Straßenbild macht den Eindruck einer liberalen Stadt. Smartphones sind weit verbreitet. Manche Frauen auf den Straßen sind in Schwarz gekleidet mit Burka, andere tragen ein Kopftuch, wieder andere ihr langes Haar aber auch stolz ganz offen. Auffallend oft sind an der Straße Porträts von Scheich Hasina, der aktuellen Regierungschefin, zu sehen. Meist prangt daneben auch das Konterfei ihres Vaters, Scheich Mujibur Rahman, der als Initiator der Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan gilt und 1972 erster Premierminister Bangladeschs wurde.

Viel Rumpelkammercharme

Eine der wenigen touristischen Sehenswürdigkeiten ist das Ahsan Mansil Museum, ursprünglich der »rosa Palast« eines Großgrundbesitzers aus dem 19. Jahrhundert, in der Altstadt. Davor stehen fünf bewaffnete Touristenpolizisten. Sie begleiten ausländische Besucher ins Museum hinein und weichen ihnen auch beim Rundgang nicht von der Seite. Sie halten Bangladeschis auf Abstand und fahren sogar einem Wächter in die Parade, der einen Touristen ermahnen will, das Fotografierverbot zu beachten. Das Museum selbst versprüht mit seinen Herrschaftsporträts, altem Porzellan und einem Elefantenschädel viel Rumpelkammer-Charme. Die Tapeten, sofern sie überhaupt noch vorhanden sind, lösen sich im feuchten Klima von den Wänden.

Auch beim Lalbagh Fort, einer anderen Sehenswürdigkeit Dhakas, steht eine Gruppe der Touristenpolizei. Sie soll dafür sorgen, an der Moschee und dem Mausoleum aus der Mogulzeit im 17. Jahrhundert, ein Massaker zu verhindern, wie es vor drei Jahren in der Stadt geschah. Damals hatten Islamisten das Restaurant Holey Artisan Bakery überfallen. Zwanzig Touristen und zwei Polizisten wurden bestialisch ermordet, sechs Terroristen kamen um.

Die Bevölkerung Bangladeschs ist zu über 90 Prozent muslimisch. Gegen Terrorverdächtige und Islamisten ist die Regierung sehr hart vorgegangen, heißt es. »Die haben keine Gefangenen gemacht«, sagt ein einheimischer Politikbeobachter hinter vorgehaltener Hand.

Von Bedrohungen aber ist bei diesem Besuch Dhakas gar nichts zu spüren. Im Gegenteil. Im Park des Lalbagh Forts verbringen viele Bangladeschis ihren Feierabend. Frauen plauschen mit Freundinnen, Pärchen sitzen auf dem Rasen oder gehen spazieren. Ein Junge trägt einem der Besucher den Kuli, der ihm aus der Tasche gefallen war, hinterher. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit. An ihnen kann es nicht liegen, dass kaum ein Tourist hierher findet. (GEA)