REUTLINGEN. Der Druck aus dem Autoland Deutschland und anderen EU-Staaten war wohl zu groß. Die EU-Kommission ist eingeknickt. Am kommenden Dienstag schlägt das Gremium voraussichtlich das Aus vom Verbrenner-Aus vor. Neuwagen, die in der EU ab 2035 zugelassen werden, müssen dann nicht mehr zu 100 Prozent CO2-frei im Betrieb sein, sondern nur noch zu 90 Prozent. Das ist ein fauler Kompromiss, der dem Klima schadet und die Industrie nicht rettet. Deutschland tut sich damit keinen Gefallen.
Zuerst zum Klima: Statt vollständig auf Elektroautos zu setzen, erlauben die neuen Vorgaben Mischsysteme mit Verbrenner-Anteil. Das zementiert Rest-Emissionen. Denn Plug-in-Hybride und Range-Extender-Fahrzeuge haben auf der Straße einen höheren Treibhausgas-Ausstoß als auf dem Papier. Und nachhaltige Biotreibstoffe und E-Fuels, mit denen klassische Benziner und Diesel theoretisch weiterbetrieben werden könnten, sind praktisch auf absehbare Zeit knapp, teuer und reserviert für Vehikel, für die es tatsächlich keine Alternativen gibt: also Flugzeuge, Schiffe und Lastwagen. Ob die EU mit diesem Schlingerkurs das selbst gesteckte Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erreicht, ist zunehmend fraglich.
Jetzt zur Industrie: Technologie-Offenheit klingt nach Freiheit, ist aber eine teure Doppelstrategie. Denn Autobauer und Zulieferer müssen sowohl in die Entwicklung der Elektromobilität als auch in die Fortführung von Verbrenner-Flotten investieren. Damit werden Produktlinien künstlich am Leben erhalten, die in einigen Jahrzehnten keinen Absatz mehr finden. Die Zukunft gehört der Elektromobilität. Hier hat China einen gewaltigen Vorsprung: Die Autos sind günstig, die Technologie ist ausgereift, der Staat subventioniert heimische Hersteller. Doch anstatt jetzt Gas zu geben, verzögert Europa die Elektrowende und fällt weiter zurück. Das sichert Arbeitsplätze nicht, sondern gefährdet sie.
Statt das Ableben des Verbrenners in die Länge zu ziehen, sollte die Politik den Kauf von Elektroautos finanziell fördern, die Ladeinfrastruktur flächendeckend bereitstellen, die Produktion von grünem Strom erhöhen und den Ausbau von Stromnetzen vorantreiben. Das würde der Automobilindustrie wirklich helfen. (GEA)

