So sieht Amerika nach vier Jahren Trump Regierung aus. Die Hauptstadt gleicht einer Festung. 25 000 Soldaten der Nationalgarde wurden nach Washington beordert, um für Sicherheit zu sorgen. Dabei geht es nur um die Vereidigung des neuen Präsidenten. Ein Vorgang, der in jeder Demokratie Normalität sein sollte: der Machtwechsel.
Doch auf Normalität, auf Regeln und auf Traditionen hat Donald Trump nie viel gegeben. Das zeigt sich auch daran, dass er das erste amerikanische Staatsoberhaupt seit 1869 ist, das der feierlichen Amtseinführung seines Nachfolgers fernbleibt. Das ist nur eine Äußerlichkeit, mögen Trump-Fans einwenden. Doch genau das ist es eben nicht. Es ist Programm. Trump hat während seiner gesamten Amtszeit die Eliten bekämpft und sich nicht um Regeln geschert.
Manche halten ihm zugute, dass er der erste Präsident seit Jimmy Carter ist, der keinen neuen Krieg führte. Doch das stimmt nur, wenn man Krieg im militärischen Sinne versteht. Er war ein Anti-Demokrat, ein Zerstörer. Seine Gegner hat er mit fast allen Mitteln bekämpft. Er war ein Brandstifter und Demagoge. Ihm wird vorgeworfen, die Gesellschaft gespalten zu haben. Das ist nur die halbe Wahrheit. Trump hat Krieg geführt im eigenen Land. Wer nicht für ihn war, der war gegen ihn, lautete sein Motto.
Der Sturm auf das Kapitol ist das Ergebnis einer solchen Politik. Er hat eine gefestigte Demokratie an den Rand einer Staatskrise geführt. Er hat gezeigt, wie gefährdet demokratische Staaten sein können, wenn sie von innen angegriffen werden. Wenn die Anführer, die den Staat und seine Institutionen beschützen sollten, diese bewusst in Verruf bringen Zum Glück hat sich Amerika als widerstandsfähig genug erwiesen. Das Märchen vom geklauten Wahlsieg hat bei Gerichten nicht verfangen.
Insofern ist die Amtseinführung von Joe Biden mehr als ein Machtwechsel wie jeder andere. Es ist eine Zeitenwende. Biden will Amerika vereinen, den Staat und seine Institutionen stützen, mit befreundeten Ländern zusammenarbeiten und Bündnisse schließen. Natürlich wird auch Biden die Zeit nicht einfach zurückdrehen können. Er muss die Trump-Wähler zurückgewinnen. Auch Biden wird die nationalen Interessen in den Vordergrund stellen. Aber mit ihm wird man diskutieren und Kompromisse finden können. Amerika befindet sich nicht mehr im Modus eines Dauer-Wahlkampfs. Mit Biden sitzt ein Präsident im Weißen Haus, der das Wohl seines Landes und aller Bürger im Blick hat. Es ist die Rückkehr der Politik.

